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Mitglieder der Dana Ambassagou, einer Selbstverteidigungsmiliz der Dogon, in einem verlassenen Dorf im Süden Malis. Foto: epd-Bild
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Wie aus Partnern Feinde wurden

16. Juli 2019

Einst griffen die Lebensweisen der sesshaften Dogon und des halbnormadischen Hirtenvolks der Fulani Hand in Hand. Doch der Klimawandel nährt den Kampf um fruchtbares Weideland. Der Islam erscheint manchen dabei nur als Vorwand.

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Mitglieder der Dana Ambassagou, einer Selbstverteidigungsmiliz der Dogon, in einem verlassenen Dorf im Süden Malis. Foto: epd-Bild

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Bamako (epd). Mahamad Guindo sitzt auf einem einfachen Bettgestell, direkt neben ihm knabbert ein Schaf ein paar Halme Stroh. Guindo hat auf dem Viehmarkt der malischen Hauptstadt Bamako Zuflucht gesucht, zusammen mit Dutzenden weiterer Vertriebener. Sie gehören alle zum Volk der Dogon und sind vor der Gewalt im Zentrum des westafrikanischen Staates Mali geflohen. Seit 2015 eskalieren dort die Konflikte zwischen den Dogon, einem Volk sesshafter Bauern, und den Fulani, einem halbnomadischen Hirtenvolk.

Nach UN-Angaben wurden dadurch allein im vergangenen Jahr mindestens 500 Zivilisten getötet, und zwar Dogon und Fulani. Im Norden und im Zentrum des Landes operieren außerdem islamistische Terrorgruppen. Die Gewalt im Land breitet sich trotz der Präsenz einer rund 11.000 Mann starken UN-Mission aus, an der sich auch die Bundeswehr beteiligt.

Schwer bewaffnete Islamisten

Mahamad Guindo ist der Chef des Dorfes Yara. Vor gut zwei Monaten hätten schwer bewaffnete Islamisten sein Dorf zum ersten Mal angegriffen. "Als wir voller Panik fliehen wollten, haben uns die Islamisten zurückgerufen", erzählt der alte Dorfchef. "Wir bräuchten keine Angst zu haben, sie seien nicht gekommen, um uns zu töten, sondern um mit uns über den wahren Islam zu sprechen."

Dann hätten sie den Dorfbewohnern aber noch erklärt, dass sie in dem Dorf eine Basis errichten wollten, "und dass wir Yara deshalb verlassen müssten". Daraufhin flohen die meisten Bewohner und brachten ihr Vieh in Sicherheit. Wenig später kamen die Bewaffneten wieder. "Im Dorf waren sieben Menschen zurückgeblieben, die haben sie alle getötet." Anschließend hätten sie das Dorf in Brand gesetzt, dabei auch die Getreidespeicher zerstört.

"Fast jeden zweiten Tag finden Angriffe statt"

Der Überfall auf Yara ist einer von vielen. "Fast jeden zweiten Tag finden Angriffe statt", sagt Guillaume Ngefa, Leiter der Menschenrechtsabteilung der UN-Mission für Mali. "Mal zwei oder drei, mal einer am Tag." Nicht immer gebe es Tote. "Aber selbst wenn die Angreifer unbeteiligte Zivilisten verletzen, ohne sie zu töten, ist das ein schwerer Verstoß gegen die Menschenrechte."

Die UN-Menschenrechtsabteilung ermittelt immer wieder nach Massakern und Übergriffen. Als Täter gelten Selbstverteidigungsgruppen der jeweiligen Volksgruppen und Bewaffnete in Uniformen. Das seien allerdings keine Soldaten der malischen Armee, sagt Guillaume Ngefa. Es gebe in der Region mittlerweile etliche bewaffnete Gruppen, von denen einige militärisch organisiert seien. Wer hinter den Überfällen und Massakern steckt, kann auch der Leiter der UN-Menschenrechtsabteilung nicht mit Sicherheit sagen. Es gibt viele Gerüchte und Hypothesen, aber keine Beweise.

"In Wirklichkeit geht es um unser Land"

Dorfchef Guindo allerdings glaubt zu wissen, worum es bei dem Angriff auf sein Heimatdorf ging. "Beim ersten Mal kamen die Islamisten alleine", berichtet er. "Beim zweiten Mal kamen sie zusammen mit Fulani aus den Nachbardörfern, die wir alle kannten, weil sie früher unsere Tiere gehütet haben." Die ihnen fremden Islamisten seien auch Fulani gewesen, aber aus einer anderen Gegend. Womöglich handelte es sich um Mitglieder der islamistischen Katiba Macina. Die Gruppe wurde 2015 von dem radikalen Prediger Amadou Koufa gegründet, einem Fulani.

Denkbar ist aber auch, dass sich die Fremden nur als Islamisten ausgaben, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen. "Als wir unsere Fulani-Nachbarn gesehen haben wurde uns klar, dass die Religion, von der die Islamisten beim ersten Mal sprachen, nur ein Vorwand war", meint der Dorfchef. "In Wirklichkeit geht es um unser Land, es ist sehr gutes Weideland." Die Fulani wollten die Dogon offenbar vertreiben, um Weideflächen für ihre Tiere zu bekommen.

Natürliche Ressourcen stehen im Zentrum der Konflikte

Das mag der Grund sein, oder auch nicht. Auf jeden Fall hat das Miteinander früher beiden Seiten genutzt, wie auch Guindo weiß. Die Fulani ziehen nach der Regenzeit mit den Tieren weiter, um sie anderswo weiden zu lassen. "Nach der Ernte kommen sie zurück und lassen die Herden auf unseren abgeernteten Feldern fressen. Der Dung der Tiere düngt den Boden. So haben wir immer zusammen gelebt."

Von diesem Zusammenleben berichtet auch Abdoul Aziz Diallo. Er ist Präsident der Fulani-Kulturorganisation Tabital Pulaaku. Diallo ist ebenfalls davon überzeugt, dass es bei den Konflikten im Zentrum von Mali um die natürlichen Ressourcen geht: um Ackerflächen, Wälder, Weideland, den Fischfang. "Bevor die Folgen des Klimawandels spürbar wurden, hatten die Menschen einen Modus entwickelt, in dem sie einträglich miteinander leben konnten", meint der emeritierte Professor der Sozialwissenschaft.

Zyklus der Vergeltung

Die Ethnien sind in gewisser Weise wie Berufsverbände: die einen sind Bauern, die anderen Hirten oder Fischer. Wenn es Probleme gab, wurden sie früher von den Ältesten gelöst. Die aber haben heute kaum noch Einfluss, und der moderne Staat, der nun die Justiz stellen müsste, bleibt diese Aufgabe schuldig.

Durch den Klimawandel seien die Ressourcen noch knapper als früher, meint Diallo. "Aber die Kernprobleme sind das Desinteresse des Staates und die Korruption", sagt er. "Deshalb werden die Probleme, die den Konflikten zugrunde liegen, nie abschließend gelöst. Höchstens oberflächlich kaschiert." Ein paar gezielte Provokationen und Morde hätten deshalb gereicht, um den gegenwärtigen Zyklus der Vergeltung in Gang zu setzen.

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