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Drei junge Kenianer machen zusammen Yoga-Übungen, sie arbeiten in einem Naturschutzgebiet im kenianischen Hochland. Foto: epd-Bild
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Wer den Menschen hilft, schützt die Natur

14. August 2019

Klimawandel, Dürren, politische Interessen und eine wachsende Bevölkerung lassen die Gewalt auch in privaten Schutzgebieten Kenias immer wieder eskalieren. Naturschutz wird da zur diplomatischen Mission.

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Drei junge Kenianer machen zusammen Yoga-Übungen, sie arbeiten in einem Naturschutzgebiet im kenianischen Hochland. Foto: epd-Bild

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Nairobi (epd). Begleitet vom Zwitschern der Vögel in der Savanne sagt der junge Kenianer Dickson Katei die nächsten Yoga-Positionen an: "Heraufschauender Hund. Herabschauender Hund. Vorbeuge." Drei junge Männer folgen ihm konzentriert und ohne Blick für die Reize der Landschaft, in der sie trainieren: dem weiten, derzeit grünen Buschland von Laikipia, einer Region im Zentrum von Kenia. Alle vier sind Akrobaten, mit den Yoga-Übungen wärmen sie sich auf.

Dickson und die drei jungen Männer gehören zum halbnomadischen Hirtenvolk der Pokot. Viele ihrer Altersgenossen sind tage- oder wochenlang mit Rinderherden in der Savanne unterwegs. Etliche von ihnen mit Kalaschnikows bewaffnet, mit denen sie anderen Hirten oder Bauern Vieh abjagen.

Die nicht ganz naheliegende Idee, junge Hirten für Akrobatik zu faszinieren, hatte Sveva Gallmann. "Das Projekt ist eine wunderbare Möglichkeit, ihr Selbstbewusstsein zu stärken", sagt die 38-jährige Naturschützerin. "Und sie haben etwas, womit sie sich hervortun können." Etwas anderes als den Umgang mit der Waffe, das erfolgreiche Wildern geschützter Tiere oder bewaffnete Raubüberfälle auf das Vieh anderer Menschen. Die Akrobaten arbeiten ohne Trapez oder aufwendige Hilfsmittel, begeistern das Publikum bei Vorstellungen in den Dörfern der Region mit Sprüngen, Saltos oder Figuren, die sie miteinander stellen.

Privates Naturschutzgebiet auf 400 Quadratkilometern

Gallmanns Familie unterhält im Zentrum von Kenia das "Laikipia Nature Conservancy" (LNC). Es erstreckt sich auf rund 400 Quadratkilometern, die Kuki Gallmann Anfang der 70er Jahre mit ihrem Mann Paolo als Ranch erwarb. Nach dessen frühem Tod im Jahr 1980 verwandelte die Bestsellerautorin den Familienbesitz in ein privates Naturschutzgebiet.

Aber der reiche Wildbestand und das hohe Gras im LNC weckten die Begehrlichkeiten der Bevölkerung. "Bei jeder Dürre drangen viele Hirten mit großen Herden ins Schutzgebiet ein", erzählt die 76-jährige Kuki. Sie habe deshalb von Anfang an versucht, die Menschen der Region zu unterstützen, so gut sie konnte. Durch Bildung zum Beispiel, oder indem sie während harter Dürrezeiten Lebensmittel verteilte. Einige fanden Arbeit als Wildhüter oder in einer der Touristenlodges im LNC.

Schwere Dürren nehmen zu

Aber inzwischen leben in Kenia rund 51 Millionen Menschen, drei Mal so viele wie 1980, als Kuki Gallmann das LNC gründete. Mit der Zahl der Hirten stieg auch die der Rinder. Jetzt wecken geschützte Flächen noch mehr Begehrlichkeiten. Und dann kommt auch noch der Klimawandel hinzu. Schwere Dürren werden immer häufiger, treten alle drei bis vier Jahre und nicht mehr alle zehn bis 15 Jahre wie früher auf.

Mit der Trockenheit steigt jedes Mal auch das Risiko für Gewalt, beobachtet Sveva Gallmann: "Ich denke, dass eine Dürre die Menschen verzweifeln lässt." Das mache es Politikern und anderen Menschen mit einer politischen Agenda leichter, die Leidtragenden dazu zu bringen, andere anzugreifen.

Die Kombination aus einer schweren Dürre und anstehenden Wahlen führte im Frühjahr 2017 zu einer Welle der Gewalt in Laikipia. Mit Kalaschnikows bewaffnete Milizionäre überfielen die Bauern der Gegend, brannten die Häuser von Ranchbesitzern und Touristenunterkünfte in privaten Schutzgebieten nieder, trieben riesige Rinderherden in privates, unter Naturschutz stehendes Land. Zwei Dutzend Menschen töteten sie, verletzten Dutzende Zivilisten.

Gallmann wurde bei Unruhen angeschossen

Auch Kuki Gallmann wurde durch mehrere Schüsse in den Unterleib schwer verletzt. Monatelang wurde sie medizinisch behandelt, erst vor gut einem Jahr konnte sie nach Hause zurückkehren. Inzwischen hat sich die Lage in Laikipia beruhigt.

Gemeinsam mit den ortsansässigen Pokot wollen die Gallmanns Regeln erarbeiten, nach denen die Hirten in Notzeiten das Gras im Schutzgebiet für ihre Herden nutzen dürfen - gut gemanagt, so dass auch der Wildbestand überlebt. Außerdem sollen mehr Arbeitsplätze und mehr Einkommensmöglichkeiten entstehen.

"Die Naturschutzgebiete werden durch Menschen bedroht", erklärt Sveva. Wer die Natur schützen will, muss die Menschen der Region dafür gewinnen. Das geht naturgemäß am besten, wenn die Bevölkerung von den Schutzgebieten profitiert.

Derzeit beschäftigt das LNC laut Sveva Gallmann rund 190 Angestellte. Darunter ist auch der Akrobat Dickson. Der 26-Jährige arbeitet im Bienenprojekt des Schutzgebietes, verdient im Monat knapp 90 Euro. "Das reicht, um meine Familie zu ernähren", sagt der Vater zweier Kinder. Dass er den Job bekam, hatte auch mit dem Akrobatik-Projekt zu tun. "Dort lernen die jungen Männer Teamgeist, Verlässlichkeit und Disziplin", sagt Sveva Gallmann.

Für Dickson ist der Job ein Segen, denn seine Familie verlor ihre Herde bei einer Dürre 2009: 55 der 60 Rinder, die Dickson mit seinen Brüdern gehütet hatte, verendeten. Durch die Untätigkeit nach dem wirtschaftlichen Ruin kämen viele junge Männer auf Abwege, meint Dickson. Viele nutzten ihre Waffe, um sich eine neue Herde aufzubauen.

Er selbst sei für diese Verlockung nie anfällig gewesen. Zufällig sah er 2010 eine Vorführung der Akrobaten, war fasziniert und machte mit. Die Gallmanns sind zuversichtlich, dass ihr Konzept des Naturschutzes aufgehen wird. "Die Lage ist besser als vor 2017", meinen Sveva und Kuki Gallmann. Der Friede eröffnet neue Chancen, zum Beispiel auf die Rückkehr der Touristen.

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