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In den Dünen von Langeoog entstand am 14. April 1935 ein Foto des damaligen Konfirmandenjahrgangs der ostfriesischen Insel. Unter ihnen ist auch Alice Happek (hinten rechts). Foto: epd-Bild
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Vor 85 Jahren konfirmiert

20. April 2020

Silberne, goldene, diamantene, eiserne oder sogar Gnadenkonfirmationen mag es ja ab und zu noch geben. Aber eine Engelkonfirmation? Das kommt in Deutschland nur alle Jubeljahre mal vor - so wie jetzt auf Langeoog.

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In den Dünen von Langeoog entstand am 14. April 1935 ein Foto des damaligen Konfirmandenjahrgangs der ostfriesischen Insel. Unter ihnen ist auch Alice Happek (hinten rechts). Foto: epd-Bild

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Langeoog (epd). Da stehen sie, mitten in den Dünen der ostfriesischen Nordseeinsel Langeoog. Das alte Foto zeigt neun junge Leute, Konfirmanden, festlich angezogen, meist mit einem Lächeln auf den Lippen. Sieben Mädchen mit schlicht-schwarzen Kleidern, an den Füßen Riemchenschuhe, um die Hüften Schärpen und - einzig auffälliger Schmuck - weiße Spitzen-Kragen. Manche mit streng geflochtenen Zöpfen, andere mit frechem Bubikopf, gerade mächtig in Mode. Zwei Jungs mit dunklem Anzug und Schlips, ordentlicher Scheitel auf dem Kopf. Unter den Jugendlichen ist Alice Happek, eine aus dem Langeooger Konfirmandenjahrgang 1935.

Die Insulanerin wurde vor 85 Jahren eingesegnet und begeht in diesen Tagen ihre "Engelkonfirmation". Silberne und goldene Konfirmationen werden noch relativ oft gefeiert. Aber dann folgen die diamantene Konfirmation (60 Jahre), die Gnadenkonfirmation (70 Jahre), die Kronjuwelen- (75 Jahre) und die Eichenkonfirmation (80 Jahre), die es schon kaum noch gibt. Aber eine Engelkonfirmation - "wirklich selten", sagt der evangelische Inselpastor Christian Neumann.

Keiner mehr da

Die sechs Mitkonfirmandinnen und zwei -konfirmanden auf dem Bild kann Alice Happek, die Langeoog nie verlassen hat, alle noch namentlich aufzählen. Aber es ist keiner mehr da, mit dem die heute 99-Jährige das Jubiläum gemeinsam hätte begehen können. Das sollte eigentlich am kommenden Sonntag im Konfirmationsgottesdienst geschehen, zusammen mit sechs Jugendlichen, die in diesem Jahr auf der Insel eingesegnet werden. Aber Corona machte den Planungen einen Strich durch die Rechnung. "Der Gottesdienst ist in den September verschoben", sagt Pastor Neumann.

Vor 85 Jahren sind die Jugendlichen mit Inselpastor Otto Harms in die Kirche eingezogen. Und Alice Happek, tief gläubig, ist der Gemeinde bis heute treu geblieben. "Wenn sie es schafft, ist sie im Gottesdienst dabei, sitzt ganz nah bei der Kanzel, ist im Bastelkreis aktiv", berichtet Neumann. An ihrem Jubiläumstag, dem 14. April, ist sie mit dem Pastor in die eigentlich geschlossene Kirche gegangen, das war ihr wichtig: die Bibel in der Hand, die sie zur Konfirmation bekommen hat, mit der Widmung von "Deiner Dich innigst liebenden Großmutter".

Ihr fünfter Inselpastor

In der Inselkirche hat Alice Happek, geborene Stolle, die freudigen Momente ihres Lebens gefeiert - die Trauung, die Taufe ihrer Kinder, die Feste im Kirchenjahr. Dort musste sie aber auch schon oft Abschied nehmen. Und die Zeit ihrer Konfirmation, mit Vorahnungen eines heraufziehenden Krieges, war nicht leicht. Inzwischen erlebt sie den fünften Inselpastor. "Aber dass man den damals hätte in den Arm nehmen können, war gar nicht denkbar", sagt die Jubilarin und schmunzelt: Früher sei eben doch nicht alles besser gewesen.

Alice Happek "müssen wirklich Engel durch ein langes, bewegtes Leben begleitet haben", davon ist Pastor Neumann überzeugt. "Die unterschiedlichsten Inselzeiten hat sie miterleben dürfen oder durchstehen müssen - so wie jetzt in der Krise."

Die rüstige Insulanerin, die aus einer Bauunternehmers-Familie stammt, nimmt es gelassen und sagt auf Plattdeutsch: "Da stohn wie vör, da mut wie dör" - da stehn wir vor, da müssen wir durch. Sie hat in ihrem Geburtsjahr schließlich schon die Spanische Grippe überstanden. So Gott will, feiern die Insulaner im August also erst ihren 100. Geburtstag und dann: Engelkonfirmation.

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Leser-Kommentare öffnen

Schallblech, 20. April 2020, 12:50 Uhr


Engelkonfi heißt das? Vor ein paar Jahren hatten wir auch ein 85-jähriges Jubiläum. Leider hatte vorher niemand dran gedacht, nachzuschauen, wie das heißt, und so hat im Gottesdienst zur Jubelkonfirmation ein Besucher auf seinem Handy gegoogelt und irgendwann "Eichene Konfirmation" in den Raum gerufen :-))
Im Internet ist halt auch nicht immer alles richtig.
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Ulrich Keßler, 20. April 2020, 19:43 Uhr


"Es ist keiner mehr da...". Bei mir dürfte es anders heißen: "Es ist keiner mehr interessiert"! Nach meiner Konfirmation vor 60 Jahren war ich von den 30 Mitkonfirmanden der einzige, der noch zum Gottesdienst ging. Die anderen waren froh, dass sie nicht mehr zum Gottesdienst mussten. Bei meiner Goldkonfirmation vor 50 Jahren war ich der einzige, der gekommen war. Ich zog an der Seite der Pfarrerin ein, die den Gottesdienst hielt. In diesem Jahr soll die Diamantene Konfirmation gefeiert werden. Ich überlege ernsthaft, ob ich diesmal hingehe. Ich möchte nicht wieder mit mir alleine feiern. Nebenbei: Die neue Pfarrerin, die ich vor einigen Wochen freundlich angeschrieben und der ich erst einmal mein Interesse bekundet habe, hat mir bis heute nicht geantwortet. Das spricht für sich.

Schallblech, 21. April 2020, 9:07 Uhr


Das ist wirklich eine bittere Erfahrung! Mir stellt sich da die Frage, warum wir die Jubiläen feiern. Geht es darum, sich wiederzusehen, Erinnerungen auszutauschen, Gemeinschaft untereinander zu pflegen, oder geht es um die eigene Erinnerung an das Gelöbnis, das Bekenntnis der Zugehörigkeit zur Evangelischen Kirche und Glaubensgemeinschaft, um Gottes Segen? Diese Frage würde ich überlegen und mich dann entscheiden, das Jubiläum zu feiern oder darauf zu verzichten.

In meiner Gemeinde ist die "Jubelkonfi" fester Bestandteil unseres Kirchenjahres. Sie wird an Trinitatis gefeiert. Alle Jubilare der Gemeinde ab der "Goldenen" werden angeschrieben, in die Zeitung wird ein Aufruf gesetzt, sich zu melden, falls man woanders konfirmiert wurde und bei uns Jubiläum feiern will. Meistens kommen so zwischen 10 und 20 Personen zusammen, an weniger kann ich mich nicht erinnern. Die meisten sind Goldkonfirmanden, auch noch mehrere Diamantene, nach oben nimmt die Anzahl natürlich ab.
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Erika Moers, 20. April 2020, 20:06 Uhr


Das ist eine tieftraurige Erfahrung, Herr Keßler.
Als für meinen Jahrgang in meiner früheren Kirchengemeinde eine Diamantene Konfirmation anstand und einige Interessierte dort nachfragten, hieß es, sollte das gewünscht werden, müssten sie selbst die Organisation dafür übernehmen . . .
Es wurde denn nichts daraus.
Auch nicht viel besser ☹
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Alwite, 21. April 2020, 5:59 Uhr


Wenn ich dagegen an meine Konfirmation vor 75 Jahren 1945, heute namens Kronjuwelenkonfirmation denke:
Sie fand in einer pommerschen Dorfkirche im dortigen Kreis Lauenburg statt. Wir waren hier auf der Flucht aus Ostpreußen von der russischen Front überrollt hängen geblieben und wurden von Dorfbewohnern ganz selbsverständlich aufgenommen. Ähnlich dem derzeitigen Virus hatte ich den Typhus (meine Mutter leider nicht) überlebt. Rückblickend finde ich mich mit kahlgeschorenem Kopf am Altar knieend, mein erstes Abendmahl empfangen wieder. Der mutige Pastor hatte uns diese Konfirmation ermöglicht und wurde kurz darauf von den Russen nach Sibirien, das er nicht überlebte transportiert. Dann verstehe ich die Klagen um irgendendwas, das nicht passend ist überhaupt nicht und kann mich nur Alice Happeks: "Da stohn wie vör, da mut wie dör" anschließen.
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