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Der Berliner Imam Abdul Adhim Kamouss Foto: epd-Bild
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Vom «Quassel-Imam» zum Stiftungsgründer

22. Mai 2018

Früher als radikaler Prediger auf dem Radar, tritt der Berliner Imam Kamouss heute für Toleranz an. Mit einer neuen Stiftung will er zum friedlichen Zusammenleben beitragen. Bei den ersten Schritten unterstützt ihn auch eine christliche Gemeinde.

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Der Berliner Imam Abdul Adhim Kamouss Foto: epd-Bild

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Berlin (epd). Seit Beginn des Ramadans müssen Besucher der Baptistenkirche im Berliner Wedding die Schuhe ausziehen. Teppiche liegen seit Mitte Mai im Kirchenraum aus, wo sonst bunte Stühle stehen. Neben Bekanntmachungen der freikirchlichen Gemeinde hängt am Eingang auch ein Programm für Koran-Stunden und Vorträge im muslimischen Fastenmonat. Ein Imam wird bis zum Ende des Ramadans mindestens so häufig in der Kirche sein wie der eigentliche Hausherr, der Pastor Peter Jörgensen.

Jörgensens Gemeinde hat der neu gegründeten "Stiftung Islam in Deutschland" sein Haus für den Fastenmonat überlassen. Hinter der Stiftung steht als Ideengeber und Gründer der Imam Abdul Adhim Kamouss. Er ist kein Unbekannter: Als "Quassel-Imam" bezeichnet, machte er 2014 nach einem TV-Auftritt in der damaligen ARD-Talksendung von Günther Jauch Schlagzeilen. Kamouss predigte früher in der Berliner Al-Nur-Moschee eine strenge Auslegung des Islams, wurde verantwortlich gemacht für Radikalisierung unter muslimischen Jugendlichen in Berlin.

Heute zeigt er sich gewandelt. In seiner Ansprache zu Beginn des Ramadans sagt er Sätze wie "Vielfalt ist Stärke". Er betont nach einem Zitat aus dem Koran, nachdem Gläubige nützlich für andere Menschen sein sollen: "Menschen, nicht Gläubige oder Muslime - alle Menschen". Heute sei er überzeugt, dass jeder den Islam annehmen oder verlassen könne, wie er wolle. An radikal-islamische Töne erinnert das nicht mehr. Im Gegenteil wird Kamouss inzwischen selbst von Strenggläubigen angefeindet, wie er erzählt. Seine Aussagen erinnern an den Münsteraner Islamprofessor Mouhanad Khorchide, der für einen aufgeklärten Islam wirbt. In fast allen Aussagen stimme er mit Khorchide überein, sagt Kamouss.

Zentrale für Deradikalisierung

Seine Unterstützer glauben an die Wandlung vom radikalen Prediger zum Imam, der zur Ramadan-Eröffnung in der Baptistenkirche vor überwiegend jungen Leuten über Toleranz und Barmherzigkeit sprach. "Ich habe seine Veränderung wahrgenommen", sagt Jörgensen. Auch die Leiterin der Berliner Radikalisierungs-Beratungsstelle "Hayat", Claudia Dantschke, hält Kamouss' Anliegen für glaubwürdig. Seit rund zehn Jahren kenne und beobachte sie ihn. "Herr Kamouss spielt inzwischen eine große Rolle als Leitfigur für all diejenigen, die eine friedliche und integrative Form suchen, den Islam zu leben", heißt es in einem Schreiben Dantschkes aus dem vergangenen Herbst an den Verlag, der in diesem Jahr ein Buch von Kamouss herausbringen will und sich damals von ihr eine Einschätzung holte.

Kamouss' Stiftung will auch selbst eine Zentrale für Deradikalisierung eröffnen. Es wäre die erste in muslimischer Trägerschaft, sagt der Imam. Geplant sind außerdem Kulturprojekte, Familienberatungsstellen, eine muslimische Pfadfindergruppe. In den Grundsätzen der Stiftung findet sich ein Bekenntnis zum Grundgesetz, zur Gleichberechtigung von Frau und Mann und eine Distanzierung von Antisemitismus und Homophobie.

Diesen Grundsätzen verpflichtet soll auch die neue muslimische Gemeinde sein, die Kamouss als Bestandteil der Stiftung gründen will. Nach der Gründung der liberalen Moschee von Seyran Ates wäre es die zweite Gemeindegründung einer bekannten Persönlichkeit in Berlin. Bei Ates sind Muslime jedweder Prägung eingeladen. Kamouss legt sich fest: "Sunnitisch, aber nicht radikal" soll seine Gemeinde geprägt sein. Ein Muss soll dort die deutsche Sprache sein.

Ein Konto bei einer islamischen Bank in Berlin

Gelingt die Moscheegründung, für die noch ein Objekt gesucht wird, will Kamouss vom Projektmanagement der Stiftung auch wieder komplett ins Amt des Geistlichen wechseln. Die Stiftung muss bis dahin selbstständiger werden. Gegründet wurde sie als Treuhandstiftung der Maecenata Stiftung, weil kein ausreichendes Eigenkapital vorhanden war. Diese Struktur dann auch als Träger einer Religionsgemeinschaft beizubehalten wäre ungewöhnlich. Spätestens dann werde man aus der Treuhänderrolle aussteigen, sagt Maecenata-Vorstand Rupert Graf Strachwitz.

Die Kooperation zugesagt hat seine Stiftung nach seinen Worten aus zwei Gründen. Erstens sei es ein "Forschungsinteresse". Die Stiftung wurde dezidiert als islamisch gegründet, das Konto bei einer islamischen Bank in Berlin angemeldet. Es gebe einen Bedarf, sagt Strachwitz. Zuwanderer der zweiten oder dritten Generation hätten zum Teil Vermögen und wollten es in dieser Form anlegen.

Zudem habe seine Stiftung ein Interesse daran, dass es einen weiteren Beitrag gibt, um Konfrontationen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen abzubauen, sagt Strachwitz. Idealerweise würde sich durch die Neugründungen eine gesellschaftliche Normalität entwickeln, in der muslimische Gemeinden wie christliche Teil der Zivilgesellschaft und Träger sozialer Einrichtungen sind, sagt Pastor Jörgensen. Mit Blick auf Kamouss' Vergangenheit, dessen frühere Wirkungsstätte Beobachtungsobjekt des Berliner Verfassungsschutzes ist, sagt Jörgensen, man müsse auch bereit sein, "sich lockerzumachen". In seinen Augen hat Kamouss eine zweite Chance verdient. Der Imam muss jetzt beweisen, ob er sie verdient.

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