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Zehntausende nehmen im November 2009 Abschied von Robert Enke. Foto: epd-Bild
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Verstecktes Leiden

8. November 2019

Im Herbst 2009 erschütterte der Suizid von Robert Enke die Fußballwelt. Der Torwart nahm sich wegen einer Depression das Leben. Heute sagen Psychiater: Seither hat sich einiges verbessert, doch es muss noch viel mehr passieren.

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Zehntausende nehmen im November 2009 Abschied von Robert Enke. Foto: epd-Bild

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Hannover (epd). Am Abend des 11. November 2009 ist die Marktkirche in Hannover total überfüllt. Rund tausend Besucher sitzen oder stehen schweigend in den Reihen und Gängen, viele tragen Schals des Fußball-Bundesliga-Clubs Hannover 96. Einige kommen nach vorn, zünden Kerzen an. Michael Ballack ist darunter, Kapitän der Fußball-Nationalelf, und Bundestrainer Joachim Löw. Sie alle trauern um Robert Enke, und vielen steht noch der Schock ins Gesicht geschrieben: Denn am Abend zuvor hat sich der Torwart der Nationalmannschaft und Publikumsliebling von Hannover 96 im Alter von 32 Jahren das Leben genommen.

Enke litt weitgehend unbemerkt unter Depressionen, war in ambulanter Behandlung bei einem Kölner Psychiater. Seine Krankheit verbarg er jahrelang vor der Öffentlichkeit, auch einen Klinik-Aufenthalt lehnte er ab. So hat es Enkes Witwe Teresa nur wenige Stunden vor der Andacht öffentlich erzählt. In der Marktkirche bringt Margot Käßmann auf den Punkt, was viele bewegt: "Hinter Glück, Erfolg und Beliebtheit können abgrundtiefe Einsamkeit und Verzweiflung liegen, die Menschen an ihre Grenzen führen", sagt die damalige evangelische Bischöfin. Tausende lauschen draußen an Lautsprechern der Übertragung. Mehr als 20.000 Menschen ziehen schließlich gemeinsam durch die Nacht zum Stadion.

Thema Depression präsenter als zuvor

Der Suizid von Robert Enke vor zehn Jahren habe viele Menschen aufgerüttelt und beim Tabu-Thema Depression einiges in Bewegung gebracht, bilanziert der Sportpsychiater Marc Ziegenbein heute im Rückblick. Fußballclubs wüssten inzwischen um die Gefahr psychischer Krankheiten und hätten geschulte Fachleute eingestellt. Und in der Öffentlichkeit sei das Thema Depression präsenter als zuvor. Der Professor und Ärztliche Direktor des Klinikums Wahrendorff in Ilten bei Hannover schränkt jedoch ein: "Ich würde mir wünschen, dass die gesellschaftliche Akzeptanz so weit ist, dass keiner befürchten muss, stigmatisiert zu werden. Aber so weit sind wir noch nicht. Es muss sich noch viel mehr tun."

Dazu will die Robert-Enke-Stiftung in Barsinghausen bei Hannover beitragen. Sie hat gemeinsam mit dem Uni-Klinikum Aachen eine Telefon-Hotline geschaltet, bei der Fachärzte Sportler und andere Anrufer beraten, die Fragen zu seelischen Erkrankungen haben. Meistens stellen sie dabei den Kontakt zu einem von bundesweit mehr als 70 Sportpsychiatern her, bei denen die Anrufer Hilfe finden können. Das Netz ist so gut wie flächendeckend, betont Stiftungsmitarbeiter Tilman Zychlinski. "Es gibt niemanden, der länger als eine Stunde irgendwo hinfahren müsste."

Bundesweit Millionen Menschen jährlich betroffen

Die Stiftung war schon im Januar 2010 von den deutschen Fußballverbänden und Hannover 96 gegründet worden, nur wenige Wochen nach Enkes Tod. Den Vorsitz übernahm Teresa Enke. "Die Stiftung ist einzigartig in Europa", sagt Zychlinski. Er verweist auf viele Athleten in aller Welt, die sich inzwischen öffentlich zu einer psychischen Erkrankung bekannt haben. Spaniens Fußball-Weltmeister Andres Iniesta etwa kämpfte ebenso mit Depressionen wie der italienische Torwart Gianluigi Buffon, US-Schwimmstar Michael Phelps oder die US-Skifahrerin Lindsey Vonn.

In Deutschland äußerten sich der Torwart Markus Miller von Hannover 96 und der Abwehrspieler Martin Amedick zu ihrer Depression. Insgesamt sind nach Angaben eines Fachverbandes bundesweit jedes Jahr rund 5,3 Millionen Menschen von einer Depression betroffen - sie gilt als Volkskrankheit. "Jeder kann sie bekommen", sagt Marc Ziegenbein, der zum Netz der Sportpsychiater gehört. "Sportidole genauso wie der Mensch um die Ecke." Allerdings falle es Leistungssportlern oft schwerer, sich einzugestehen, dass sie Hilfe brauchen.

"Depression ist keine Schwäche"

In der Behandlung von Spitzensportlern haben die Psychiater laut Ziegenbein in den vergangenen zehn Jahren dazugelernt. "Depression und Leistung schließen sich nicht immer aus, wenn die Krankheit gut behandelt wird", sagt der Mediziner. Die Therapie lasse sich so einstellen, dass sie die Leistung nicht mindert und die sportlichen Ziele erreichbar bleiben. Natürlich müssten Medikamente mit den Doping-Richtlinien konform sein.

Teresa Enke hat mit ihrer Stiftung gerade erst wieder eine Kampagne gestartet, um mit Hilfe von Virtual-Reality-Brillen über Depressionen aufzuklären. "Depression ist keine Schwäche", betont sie. "Es ist eine Krankheit, die heilbar ist."

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Leser-Kommentare öffnen

Matthäus53, 10. November 2019, 14:16 Uhr


Wenn beim Fußball Verband nicht Dollarzeichen , Erfolge und die Kontonummern anstatt der Sport im Vordergrund stehen würden ,
gäbe es weniger Doping - Skandale und Depressionskranke. Wenn Fußball - und andere Sportsathlete nicht wie Helden bejubelt sondern eher wie auch andere Arbeitnehmer nur mit besserem Verdienst behandelt würden, sähe es bei vielen Sportlern und Publikums - Raudis viel zwischenmenschlicher aus und würde vieles entspannen ! Andererseits sind mir Sportler als "Helden" auf dem Sportplatz viel viel lieber wie auf dem Schauplatz der Krisenherde rund um das Mittelmeer , in Afrika und Russland .
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