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Weinflaschen mit einem Porträt des Philosophen Karl Marx' auf dem Etikett Foto: epd-Bild
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Verlorener Sohn Marx wird wiederentdeckt

30. Mai 2018

"Proletarier-Frühstück" und "Marx-Schnitzel" - in Trier wird der Vordenker des Kommunismus im Karl-Marx-Jahr an jeder Ecke vermarktet.

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Weinflaschen mit einem Porträt des Philosophen Karl Marx' auf dem Etikett Foto: epd-Bild

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Trier (epd). Hoch erhobenen Hauptes schreitet der überlebensgroße Bronze-Marx gleich neben dem römischen Stadttor Porta Nigra voran. Davor schießen Touristen Bilder. Einer hat sogar eine Fotodrohne mitgebracht, um die Statue und das Marx-Gesicht in fünf Meter Höhe frontal abzulichten. Das umstrittene Geschenk aus China ist ein paar Wochen nach der Enthüllung zur neuen Touristenattraktion in Trier geworden.

Die Moselstadt, in der der Vordenker des Kommunismus vor 200 Jahren geboren wurde, hat Karl Marx für sich entdeckt. Das ist neu: "Trier ist jahrzehntelang schändlich mit seinem berühmten Sohn umgegangen. Die Trierer haben 40 bis 50 Jahre geschlafen", sagt Walter Schneider, ein passionierter Gästeführer und im Hauptberuf Rechtsanwalt. Während des Kalten Krieges hätten sich viele in dem eher konservativen Städtchen des Philosophen und Ökonomen geschämt und ihn versteckt.

So erinnert an einem Haus schräg gegenüber der Porta Nigra nur eine hochangebrachte kleine Tafel daran, dass Marx (1818-1883) dort aufgewachsen ist. Ironie der Geschichte: Im Erdgeschoss ist heute ein Ein-Euro-Laden untergebracht. Und Marx' Geburtshaus steht in der Brückenstraße, die erst weiter unten vor einigen Jahren in Karl-Marx-Straße umbenannt wurde. Also "möglichst weit weg", sagt Schneider.

An jeder Ecke Souvenirs

Seit dem 200. Geburtstag am 5. Mai aber dreht sich - neben dem römischen Kulturerbe - in Trier alles um Marx. An jeder Ecke gibt es Souvenirs zu kaufen, von der Kaffeetasse mit dem Konterfei des bärtigen Mannes bis hin zum Magneten. Ein Stand bietet ein "Proletarier-Frühstück", ein Bäcker ein "Marx-Brot", ein Restaurant ein "Marx-Schnitzel". Das Weinhaus gleich gegenüber dem Geburtshaus von Karl Marx offeriert einen 2016er Riesling mit dem Etikett "Das Kapital" - zum stolzen Preis von 16,80 Euro.

Begehrtestes Souvenir beim Stadtmarketing ist ein blau-lila Null-Euro-Geldschein zum Preis von drei Euro. Auf der Vorderseite ist Marx mit Rauschebart zu sehen, auf der Rückseite die Porta Nigra. Die ersten beiden Auflagen von insgesamt 25.000 Stück waren im Nu vergriffen. Jetzt ist die dritte Charge im Druck: Auflage 50.000. "Wir waren von der Nachfrage selbst überrascht", sagt Alexander Schumitz vom Stadtmarketing.

Nicht nur Marx hätte sich angesichts der Vermarktung seiner Person wohl im Grabe umgedreht. Auch in Trier ist so mancher skeptisch. "Bisweilen war ich von dem Marketing-Hype schon genervt", sagt Alfons Jochem, Vorstandsmitglied der Volksbank Trier. "Positiv ist aber, dass die Menschen jetzt über Marx und seine Ideen diskutieren." Damit das in seiner Genossenschaftsbank auch so ist, hat er eine ganze Reihe von Veranstaltungen zu Marx für die Führungskräfte organisiert.

Flaschen mit Marx-Etiketten

Auch für alle anderen Trierer und Zugereisten gibt es reichlich Gelegenheit zum Diskutieren. Mehr als 300 Veranstaltungen zum Thema - von Führungen durch gleich vier Ausstellungen, über Film- und Theatervorstellungen bis hin zu Vorträgen - sind im Laufe des Jahres geplant.

Pro Jahr kamen schon vor dem Jubiläum rund 4,5 Millionen Tagestouristen nach Trier, die Moselstadt kann 800.000 Übernachtungen verbuchen. Wie viele zusätzliche Besucher Marx der 100.000-Einwohner Stadt bringt, wird sich erst gegen Ende des Jahres zeigen. Die drei großen Marx-Ausstellungen schließen am 21. Oktober.

Für chinesischen Touristen ist Trier schon lange einen Besuch wert. Familie Chen aus Peking stellt sich zum Erinnerungsfoto vor dem barocken Marx-Geburtshaus auf. Die drei Urlauber haben wie viele ihrer Landesleute auf Europa-Reise auf der Strecke zwischen dem Frankfurter Flughafen und Paris einen Zwischenstopp in Trier eingelegt, dabei darf ein Besuch des Marx-Hauses nicht fehlen.

"Die Theorien von Marx haben die Grundlage für unsere Wirtschaft und Gesellschaft gelegt", sagt Vater Chen. Und viele seiner Landesleute entdecken, wenn sie die Ausstellung besucht haben, die Flaschen mit Marx-Etiketten in den Fenstern im Weinhaus gegenüber als Fotomotiv. Begeistert werden Erinnerungsbilder geschossen.

Umstrittene Statue

Die Bronze-Statue auf dem Platz vor dem Simeonstift neben der Porta Nigra ist jetzt als neue Touristen-Anlaufstelle hinzugekommen. Über das Geschenk Chinas an die Stadt wurde lange gestritten. Gegen seine Enthüllung am 5. Mai demonstrierten nicht nur Anhänger der AfD und der in China verfolgten Falun-Gong-Bewegung.

Kritik kam auch von der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft. Deren Bundesvorsitzender Dieter Dombrowski erklärte, die Gewichte seien ungleich verteilt: "Die Opfer des Kommunismus warten vergeblich auf ein Mahnmal." Ein Brandanschlag in der Nacht zu Himmelfahrt, der dem Bronze-Marx allerdings nichts anhaben konnte, zeigt, dass die Statue umstritten bleibt.

Gästeführer Schneider findet es "schändlich", dass die Stadt sich das Denkmal von China hat schenken lassen - und nicht selbst eines aufstellte. Er verweist auf den Turm des Kölner Rathauses. Dort steht seit 1988 eine Figur von Karl Marx neben anderen Persönlichkeiten, die sich um die Stadt verdient gemacht haben.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 31. Mai 2018, 11:03 Uhr


O weh - als ich diesen Philosophen noch völlig unbebeinflusst entdeckte, platzierte ich ihn neben Kant. Es entsetzt mich, wenn "Marketing" wehrlose Größen der Vergangenheit zum Selbstzweck, wie auch z.Zt. Agnes Miegel in Bad Nenndorf, benützt.
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Luise Scharfenstein, 31. Mai 2018, 19:11 Uhr


Ich bin nicht entsetzt, kann aber die Kritik von Alwite nachempfinden.

In Yad Vashem ist eine Installation zu sehen: ein Graben, in dem sämtliche Bücher, welche die Nationalsozialisten verbrannt hatten, liegen. Und mein Blick fiel als erstes auf: Karl Marx / Das Kapital.

Alwite, die Stellung neben Immanuel Kant kann ich nicht nachvollziehen. Könnten Sie uns erläutern, warum der atheistische Philosoph die gleiche Rangstellung haben soll? Danke!
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Alwite, 3. Juni 2018, 10:55 Uhr


Philosophie ist an keine Partei gekettet. Sie steht für sich. Karl Marx war unverkennbar ein bedeutender Philosph, wie Luther den das "Dritte Reich" für sich vereinnahmte und der unbestrittene Reformator bleibt.

Luise Scharfenstein, 3. Juni 2018, 11:43 Uhr


Schön. Martin Luther als Philosoph. Eine für mich neue, interessante Sichtweise.
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Alwite, 3. Juni 2018, 16:34 Uhr


Bitte wo ist zu lesen, dass ich Luther als Philosophen bezeichne?

Luise Scharfenstein, 3. Juni 2018, 17:24 Uhr


Ich habe den Satz so verstanden. Wenn das "und" fehlte, hätte der Satz einen anderen Sinn. Aber so steht doch dort eindeutig: "Karl Marx war (...) ein (...) Philosoph, wie Luther ..."
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