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Tod einer Supermacht

8. Dezember 2016

Am 8. Dezember 1991 überrumpeln die Präsidenten der Teilrepubliken Russland, Ukraine und Weißrussland den Sowjetpräsidenten Michail Gorbatschow und erklären dessen Staat für aufgelöst. Der Schlussakt beginnt. Am 25. Dezember tritt Gorbatschow zurück.

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Michail Gorbatschow im Jahr 2007 auf einer Konferenz Foto: epd-Bild

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Frankfurt a.M. (epd). Der Zettel ist verschwunden. Der Zettel, der das Ende des ersten sozialistischen Staates der Welt, des flächenmäßig größten Landes der Erde besiegeln soll. In der Regierungsdatscha im Wald von Belowesch in Weißrussland sucht man am Morgen des 8. Dezember 1991, dreht alles um.

Die Präsidenten Russlands, der Ukraine und Weißrusslands, Boris Jelzin, Leonid Krawtschuk und Stanislaw Schuschkewitsch haben sich tags zuvor in der Datscha getroffen und das Papier ausarbeiten lassen. Nach langem Suchen findet man es - im Papierkorb der Leibwächter. Die hatten das handgeschriebene Papier gefunden und nichts mit ihm anzufangen gewusst.

Um kurz nach zwei Uhr mittags präsentieren die drei ihre Vereinbarung der Öffentlichkeit. Darin steht, "dass die UdSSR als Subjekt des Völkerrechts und als geopolitische Realität aufhört zu bestehen". Sie beschließen die Gründung eines lockeren Staatenbunds: Die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) soll an die Stelle der UdSSR treten. Michail Gorbatschow, der Präsident des für aufgelöst erklärten Staats, verkündet zwar am Tag darauf seine Empörung, unternimmt aber nichts.

Unabhängigkeitsstreben in vielen Sowjetrepubliken

Gorbatschow nennt das Treffen später eine Verschwörung, die der Sowjetunion den Todesstoß versetzt habe. Leonid Luks, emeritierter Historiker der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, kann dieser These nichts abgewinnen. Die Vereinbarung von Belowesch habe den "bereits vollzogenen Auflösungsprozess des Sowjetreiches lediglich bestätigt", sagt er.

Schon seit Ende der 1980er Jahre gibt es Unabhängigkeitsstreben in vielen Sowjetrepubliken, vor allem in den baltischen Republiken und in Transkaukasien. Die Kommunistische Partei (KPdSU), der zentrale Machtanker der Sowjetunion, zerfällt. Im Jahr 1990 waren eine Million der 18 Millionen Mitglieder ausgetreten - die meisten, weil sie dem Glasnost- und Perestroika-Kurs Gorbatschows nicht folgen wollten.

Hinzu kommt die wirtschaftliche Lage. Die UdSSR steht vor dem ökonomischen Zusammenbruch, die Regale in den Läden sind leer. Vor allem die Rüstungskosten lasten schwer auf dem Land. Die vier Millionen Soldaten umfassende Sowjetarmee verschlingt schätzungsweise ein Viertel der gesamten Wirtschaftsleistung. Im Juli 1991 muss Gorbatschow im Westen um Kredite bitten. Im selben Monat gehen die Satellitenstaaten von der Fahne: Am 1. Juli lösen die Regierungschefs der Ostblockstaaten den Warschauer Pakt auf.

Gorbatschow versucht, den Zerfall durch ein Referendum zu stoppen, aber er erhält kein klares Ergebnis. Zwar sprechen sich bei der Wahl vom 17. März 76 Prozent der Sowjetbürger für den Fortbestand der UdSSR aus, aber einige Teilrepubliken nehmen gar nicht teil.

Eine leere Hülle

Ein neuer Unionsvertrag soll die UdSSR retten. Nach dem Willen Gorbatschows dürfen die Republiken künftig mehr selbst regeln. Die Unterzeichnung des Vertrags steht für den 20. August an. Aber einen Tag vorher putschen Männer aus dem engsten Führungszirkel gegen Gorbatschow. Vizepräsident Gennadi Janajew und seine Mitmeuterer wollen den Unionsvertrag verhindern, weil sie fürchten, die Sowjetunion könnte zusammenbrechen, wenn Moskau zu viel Macht an die Republiken abgäbe. Aber der Staatsstreich scheitert nach nur drei Tagen - der Putsch war so gut wie gar nicht vorbereitet und dilettantisch ausgeführt.

Ironischerweise treiben die Meuterer den Zerfall des Staats, den sie verhindern wollen, entscheidend voran. "Der Putsch hatte zur Folge, dass er die Union und ihren Erhalt in ein schlechtes Licht rückte: Sie galt in der Öffentlichkeit nun als Sache von Verbrechern und Verschwörern", urteilt die Historikerin Susanne Schattenberg von der Universität Bremen. Niemand denkt jetzt mehr daran, den neuen Unionsvertrag zu unterschreiben.

Bis Ende Oktober erklären mehrere Teilrepubliken ihre Souveränität. Spätestens nach einem Referendum in der Ukraine, als am 1. Dezember 1991 mehr als 90 Prozent für die Unabhängigkeit stimmen, ist die UdSSR nur noch eine leere Hülle.

Putin nutzt die Enttäuschung

Der Vorhang zum Ende hebt sich am 25. Dezember: Gorbatschow tritt vom Amt des Präsidenten der Sowjetunion zurück. Um 19.32 Uhr Moskauer Zeit senkt sich die rote Fahne mit Hammer, Sichel und Stern über dem Kreml. Eine halbe Stunde danach flattert dort die russische Trikolore. Der Beschluss des Obersten Sowjets zur Auflösung der Sowjetunion am Tag darauf ist nur noch eine formale Bestätigung der Realität.

Heute trauern vor allem Russen der vergangenen Größe hinterher. "Es stellte sich heraus, dass die Freiheit mit Schwierigkeiten verbunden ist", erklärt der Historiker Jan Lipinsky vom Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung im hessischen Marburg. Er meint den ökonomischen Abstieg, der in den 1990er Jahren Russland empfindlich traf.

Der russische Präsident Wladimir Putin nutzt diese Enttäuschung geschickt und spricht den russischen Wunsch nach nationaler Größe an, wie Lipinsky beschreibt: "Er suggeriert, immer noch eine Supermacht zu sein, was man wirtschaftlich natürlich schon lange nicht mehr ist", sagt er. "Ihren Verlust kompensieren viele Russen, indem sie sich kritiklos zurückerinnern."

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