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Bewohner des Würzburger Jakob-Riedinger-Heims für Menschen mit Körperbehinderung spielen zusammen mit ihren Betreuern und Theatermacher Hannes Hirth (2.v.re.) Theater. Foto: epd-Bild
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«So bin ich, mach' was draus»

2. Januar 2017

Bewohner des Würzburger Jakob-Riedinger-Heims spielen mit ihren Betreuern Theater. Ein Profi erarbeitet mit ihnen das Stück. Darin geht es um die wichtigste Tageszeit im Heim: die Kaffeezeit.

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Bewohner des Würzburger Jakob-Riedinger-Heims für Menschen mit Körperbehinderung spielen zusammen mit ihren Betreuern und Theatermacher Hannes Hirth (2.v.re.) Theater. Foto: epd-Bild

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Würzburg (epd). Hannes Hirth ist ein erfahrener Theatermacher. Er hat als Schauspieler, Regisseur und Autor schon mit vielen Leuten auf der Bühne gearbeitet. Aber die Aufgabe im Würzburger Jakob-Riedinger-Haus war dann auch für den Theaterprofi eine neue Erfahrung. "Normalerweise sagen Autor und Regisseur den Schauspielern, was sie wie tun sollen - diesmal haben mir die Schauspieler gesagt: So bin ich, mach' was daraus", erinnert sich Hirth. Und so schrieb der Theatermacher den Bewohnern des Wohn- und Wohnpflegeheims für Menschen mit Körperbehinderung eine tolle Story auf den Leib: "Abenteuer im Jacobs-Riedinger-Reich."

Im April dieses Jahres hatte Hannes Hirth einen Anruf von Tanja Göring bekommen. Sie ist für die soziale Betreuung der 51 Bewohner zuständig, und die wünschten sich eine Theatergruppe: "Wir hatten keine Ahnung, wie wir das umsetzen sollten - also haben wir einen Profi gefragt." Hirth sagte sofort zu, im Mai wurde bereits mit den ersten Proben begonnen, zehn Bewohner gehören seither zum Ensemble. "Ich habe mich Stück für Stück an die Bewohner herangetastet, ich wollte wissen, weswegen sind die Menschen hier, wie ist ihre Biografie, was können sie auf der Bühne noch alles selbst, wozu brauchen sie eventuell Hilfe", erzählt Hirth.

Proben bis zur fünften Fassung

Acht Rollstühle auf der Bühne, zwei Läufer, aber eigentlich alle sind auf der Bühne auf Hilfe angewiesen - also noch einmal so viele Betreuer, die mit ins Rampenlicht müssen. Das kann ein ziemliches Gewusel sein, wenn man nicht weiß, wie man die Protagonisten richtig platziert. Aber Hannes Hirth weiß das. Auch, weil er vieles mit den Bewohnern ausprobiert hat. Erst die fünfte Fassung seines Stücks wurde letztlich einstudiert, zuvor mussten immer wieder Dinge verändert und angepasst werden - immer auf Wunsch der Schauspieler. Die legten indirekt auch das Thema fest: Es geht ums Kaffeetrinken, die wichtigste Tageszeit im Heim.

Der Plot ist schnell erzählt: Im Jacobs-Riedinger-Reich - angelehnt an eine bekannte Filterkaffeemarke - gibt es den weltbesten Kaffee und die Bewohner des Reichs trinken reichlich davon. Regiert wird es von König Jacobs, außerdem gibt es die gute K-Fee, Prinzessin Cappuccina sowie die Magd Magda. Es gibt aber auch das Dunkelreich, dort herrscht eine dunkle Königin, umringt von garstigen Gesellen und Schutzengel "Oma Emilia". Im Dunkelreich gab es eine Kaffee-Missernte, deswegen wollen die Dunkelreich-Ganoven den Bewohnern des Jacobs-Riedinger-Reichs den Kaffee klauen. Am Ende geht alles gut aus, sie teilen einfach.

Moderierende Kommentare

Für Hirth ist das nicht irgendein Theaterprojekt unter vielen, es scheint ihm eine Herzensangelegenheit zu sein. Bevor der Vorhang fällt, erzählt er ein bisschen über die Schauspieler: ein Ex-Soldat, der im Türkeiurlaub angefahren und liegengelassen wurde, ein Supermarkt-Angestellter, der vor einer Diskothek halb totgeprügelt wurde, eine Frau, die bereits eine harte Kindheit hatte und nun an einer fortschreitenden Gehirnkrankheit leidet. "Alles Menschen, die brutal aus ihrem Leben gerissen wurden", erläutert Hirth. Er will das alles als Erinnerung verstanden wissen, wie schnell man "auf der anderen Seite des Vorhangs sitzen kann".

"Das Theaterstück ist natürlich nicht total ergebnisorientiert", betont Hirth vor der Premiere. Was er damit meint, erkennt man während der Aufführung in der Kapelle des Jakob-Riedinger-Heims. Die Dialoge sitzen nicht immer, einige Bewohner können nur schwer oder gar nicht reden - ihnen leihen Betreuer die Stimme. Form und Handlung kriegt das Stück auf der Bühne durch Hirths moderierende Kommentare - doch ohne die Mimik und Gestik der Bewohner wären sie nur halb so unterhaltsam.

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