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Alleinerziehende Mutter mit ihrem Kind (Archivbild) Foto: epd-Bild
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Seelische Wunden bei Eltern und Kinder lindern

10. Oktober 2019

Alleinerziehende hätten ein Recht darauf, dass die Gesellschaft sie bemuttert, sagt Matthias Franz von der Uniklinik Düsseldorf. Das Bindungstraining "wir2" soll seelische Wunden nach einer Trennung lindern - bei Eltern und Kindern.

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Alleinerziehende Mutter mit ihrem Kind (Archivbild) Foto: epd-Bild

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Düsseldorf (epd). Nach der Trennung von ihrem Freund fühlte sich Simone Prahl (Name geändert) erschöpft und ausgelaugt: Die Sorgen und Nöte kreisten ständig in ihrem Kopf. Am meisten bedrückte die 32-jährige Mutter die Sorge um ihre Tochter, die erst zwei Jahre alt war: "Denkt sie, ich nehme ihr den Papa weg? Wie kann ein kleines Kind das verstehen?"

"Alle leiden unter einer Trennung, alle brauchen Hilfe", sagt Matthias Franz, Professor am Klinischen Institut für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Uniklinik Düsseldorf. "Nach einem Todesfall in der Familie ist eine Trennung die zweitgrößte biografische Katastrophe im Leben eines Menschen."

Kinder leben meist bei der Mutter

Jedes fünfte Kind wächst in Deutschland mit nur einem Elternteil auf, insgesamt 2,3 Millionen Kinder. Meist sind es die Mütter, bei denen die Kinder leben: Nur in jeder zehnten getrennten Familie verbringen die Kinder die meiste Zeit beim Vater, wie die Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie erklärt.

Die wirtschaftlichen, gesundheitlichen und psychischen Belastungen ließen bei Alleinerziehenden das Risiko für eine Depression um das Dreifache steigen. Sie litten öfter an Suchterkrankungen, Angststörungen oder chronischen Schmerzen, berichtet die Gesellschaft für Psychosomatische Medizin. Es mangelt an Zeit, an Geld und über allem steht die Angst, dass die Kinder zu kurz kommen.

Programm soll seelische Wunden lindern

Die Kinder leiden mit den Müttern und Väter, so erlebt es der Psychotherapeut Matthias Franz. Er berichtet von "50- oder 60-Jährigen, die anfangen zu weinen", wenn sie sich an die Trennung der Eltern erinnern. Lange Zeit ging sein Fach dabei davon aus, dass der Vater nicht so wichtig sei. Doch eine der aufwendigsten Studien zu psychosomatischen Erkrankungen, die Mannheimer Kohortenstudie, öffnete der Fachwelt die Augen. 600 Mannheimer der Jahrgänge 1935, 1945 und 1955 wurden über Jahre hinweg untersucht. Die Studie belegt unter anderem, dass ein fehlender Vater noch nach 50 Jahren das Risiko, psychisch zu erkranken, mehr als verdoppelt.

Auch als Therapeut hätten ihn die Auswirkungen von Trennungen sehr bedrückt, sagt Franz. Er entwickelte das Programm "wir2", das bei Trennungen seelische Wunden lindern und damit psychischen Erkrankungen vorbeugen soll - bei Eltern und Kindern.

Das elterliche Selbstbewusstsein stärken

"Alleinerziehende haben selbst ein Recht darauf, dass die Gesellschaft sie bemuttert", erklärt der Psychotherapeut. Die Frauen - Männer nehmen selten an dem Training teil - sollen sich wieder selbst wertschätzen, sich öffnen und ihre Gefühle wahrnehmen.

Das Bindungstraining unterstützt Alleinerziehende mit Kindern zwischen drei und zehn Jahren. 20 Mal trifft sich die Gruppe je 90 Minuten lang, angeleitet von zwei geschulten Fachleuten. "Es werden besonders der Umgang mit eigenen Gefühlen und den Signalen des Kindes thematisiert", erläutert Franz. Damit stärke man das elterliche Selbstbewusstsein und die intuitiven Kompetenzen. Er bringt es auf die Kurzformel: Weniger Erziehung, mehr Zuwendung.

"Loszulassen hat mir viel geholfen"

Simone Prahl bekam vor rund einem Jahr den Tipp von der Diakonie, sich durch das "wir2"-Programm helfen zu lassen. "Darin habe ich gelernt, wieder mehr Vertrauen zu mir zu haben", erzählt die junge Mutter. Und sie habe auch geübt, wie sie mit der mittlerweile dreijährigen Tochter über das Geschehene sprechen könne. "Wie stelle ich eine Ebene mit dem Vater her, wie gewinne ich Abstand von der Kränkung, damit ein guter Umgang zwischen Tochter und Vater entsteht? Loszulassen hat mir viel geholfen, wieder nach vorne blicken."

Rund ein Jahr ist seit dem Programm-Ende vergangen, und Simone Prahl sagt, sie fühle sich seither dauerhaft gestärkt. Auch wissenschaftliche Überprüfungen zeigten nachhaltige Effekte: Bei den Eltern werden Selbstvertrauen und Wohlbefinden gesteigert, die psychische Belastung verringert sich und auch das Verhalten und Befinden der Kinder bessert sich tendenziell. "Alleine der Austausch tat so gut: zu sehen, dass andere Frauen ähnliche Ängste haben", sagt Prahl.

Das Programm ist für die Teilnehmer kostenlos. Die gemeinnützige Walter-Blüchert-Stiftung fördert die Verbreitung. Auf Grundlage des Präventionsgesetzes finanzieren auch beispielsweise die Barmer gesetzliche Krankenkasse sowie Kommunen das Elterntraining. Und seit kurzem bietet auch die Rentenversicherung "wir2" innerhalb von Eltern-Kind-Kuren in psychosomatischen Rehakliniken an.

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