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Der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann (Archivbild) Foto: epd-Bild
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Högel-Prozess: Richter zweifelt Aussage von Betriebsrätin an

21. Februar 2019

Immer mehr Zeugen berufen sich im Mordprozess gegen den Ex-Krankenpfleger Högel auf Erinnerungslücken. Doch Richter Bührmann forscht hartnäckig weiter: Das sei das Gericht den Angehörigen schuldig.

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Der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann (Archivbild) Foto: epd-Bild

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Oldenburg (epd). Im Mordprozess gegen den früheren Krankenpfleger Niels Högel hat am Donnerstag die Rolle des Betriebsrates im Klinikum Oldenburg im Mittelpunkt gestanden. Eine Betriebsrätin hatte Högel seit August 2002 beraten, als er aufgefordert worden war, nicht weiter auf der herzchirurgischen Intensivstation zu arbeiten (AZ: 5Ks 1/18).

Trotz umfangreicher Notizen von Gesprächen mit der Klinikleitung und Högel berief sich die Frau im Prozess am Oldenburger Landgericht auf große Erinnerungslücken. Der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann zweifelte mehrfach ihre Aussagen an und vereidigte die Zeugin schließlich.

Högel soll in den Jahren 2000 bis 2005 in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst 100 Patienten getötet haben. Laut Anklageschrift vergiftete er seine Opfer mit Medikamenten, die zum Herzstillstand oder Kammerflimmern führten. Anschließend versuchte er, sie wiederzubeleben, um als rettender Held dazustehen.

Der frühere Krankenpfleger hat im Verlauf des Prozesses, der Ende Oktober begann, 43 Tötungen eingeräumt. Fünfmal wies er die Anschuldigungen zurück. An die anderen Patienten könne er sich nicht erinnern, sagte er. Wegen weiterer Taten verbüßt Högel bereits eine lebenslange Haftstrafe.

Gespräch der Klinikleitung mit Högel

Die Betriebsrätin berichtete anhand ihrer Notizen von einem Gespräch mit der Klinikleitung und Högel. Der damalige Geschäftsführer habe mit Nachdruck gefordert, dass Högel nicht mehr auf der Herzchirurgie arbeiten solle. Zwar seien Högel weder Fehler noch Nachlässigkeiten vorzuwerfen gewesen, doch das Vertrauen sei dem Geschäftsführer zufolge verloren gewesen. Er habe weiter gesagt, dass die häufigen Notfälle zu Högels Dienstzeiten auffällig seien, erläuterte die Zeugin. Auf die Frage, was Högel konkret vorgeworfen werde, habe der Geschäftsführer nur nebulös geantwortet.

Nach einem weiteren Zwischenfall mit einem Patienten im September sei der Betriebsrat dann von der Klinikleitung gebeten worden, Högel dazu zu bewegen, das Beschäftigungsverhältnis zu beenden oder sich auf einen patientenfernen Posten versetzen zu lassen. Da das Vertrauensverhältnis zerstört gewesen sei, habe der Betriebsrat der Bitte entsprochen. Eine Weiterbeschäftigung wäre nicht sinnvoll gewesen, sagte die Arbeitnehmervertreterin.

Appell an den Angeklagten

Ein Leitender Arzt habe Högel schließlich angeboten, ihn bei fortlaufender Bezahlung sofort freizustellen und ein gutes Arbeitszeugnis zu erstellen. Schon zu Prozessbeginn hatte Högel von dem Vorschlag berichtet. Aus Furcht aufzufliegen, habe er das Zeugnis akzeptiert und sich im Krankenhaus Delmenhorst beworben.

Aussagen über Misstrauen oder Verdächtigungen im Jahr 2002 seien von besonderer Bedeutung, erläuterte Richter Bührmann. Denn für die Zeit von Januar bis September 2002 bestreitet Högel, getötet zu haben. Auch lägen den Ermittlern keine Anhaltspunkte für Taten in diesem Zeitraum vor. Angesichts der Tatsache, dass Högel "suchtartig" getötet habe, sei es nur schwer vorstellbar, dass er in dieser Zeit damit ausgesetzt habe. Högel schwieg zu den Vorwürfen.

Am Morgen hatte Bührmann nochmals eindringlich an den Angeklagten appelliert, umfänglich zu gestehen. "Es ist für die Wahrheit nie zu spät. Wir alle gieren hier nach der Wahrheit", sagte der Richter. Er verwies auf die Angehörigen der Opfer: "Wenn Sie noch irgendwas Gutes tun wollen in diesem Verfahren für die Leute, dann ist das die Wahrheit."

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