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«Ob Informationen stimmen, interessiert nicht»

8. Dezember 2016

Der österreichische Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier malt ein düsteres Bild vom permanenten Konsum digitaler Medieninhalte. Beim Prinzip des Newsfeeds gehe es nicht mehr um den journalistischen Filter, der das Relevante vom Unwichtigen trennt. "Tagtäglich werden viele Informationen in den Umlauf gebracht - ob die stimmen oder nicht, interessiert eigentlich nicht", sagte der Vorsitzende des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Menschen wollten Spannung und Unterhaltung, die Medien bedienten dieses Bedürfnis aber auch.

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Frankfurt a.M./Wien (epd). epd: "Medien sind Affektmaschinen" sagen Sie - es gehe nur mehr um das Veröffentlichen spektakulärer Inhalte und darum, das Publikum zu erregen. Können sich faktenbasierte Nachrichten überhaupt noch durchsetzen?

Heinzlmaier: Neue Medien hebeln den Qualitätsjournalismus aus. Um den sinnvollen Filter, der das Relevante vom Unwichtigen trennt, geht es nicht mehr. In den digitalen Medien zirkuliert alles auf einmal, alles ist gleichwertig und gleichgültig. Beliebt sind die Medien, die den Menschen berühren, die ihn geradezu beschießen mit spektakulären Nachrichten. Tagtäglich werden viele Informationen in den Umlauf gebracht - ob die stimmen oder nicht, interessiert eigentlich nicht. Die Leute wollen auch gar nichts mehr über die Realität erfahren, sondern in Spannung gesetzt werden.

Immer etwas Neues

epd: Der Konsum digitaler Medien prägt auch einen bestimmten Charaktertypus, den Sie in ihren Studien zu Jugendlichen, die mit Smartphones und Apps aufgewachsen sind, beobachtet haben. Wie beschreiben Sie ihn?

Heinzlmaier: Ich habe ihn den "schizoid-hysterischen Charakter" genannt. Unsere Gesellschaft befördert den Narzissten - der ständig Angst hat vor dem Ich-Verlust. Die digitalen Medien leisten einen entscheidenden Beitrag zur Beförderung dieses Charakters: Ich nenne sie "Ich-Medien", weil sie alle auf das Individuum abstellen und permanent zur Selbstpräsentation aufrufen. Dabei ist der Typus getrieben von einer "hyper-attention": Er erträgt keine Verbindlichkeit, braucht immer etwas Neues, bleibt an der Oberfläche und konsumiert mehrere Medien gleichzeitig. Wenn bei dem einmal eine dreiviertel Stunde nicht das Handy brummt, fühlt er sich schon nicht mehr geliebt oder vergessen.

Warnung vor Abhängigkeit

epd: Sie sind überzeugt, dass wir in den kommenden Jahrzehnten eine Radikalisierung dieser Kultur sehen werden. Was könnte man dieser Entwicklung entgegensetzen?

Heinzlmaier: Ab und zu ein Buch zu lesen, hat noch niemandem geschadet. Die lineare Rezeption von Texten hat einen persönlichkeitsbildenden Effekt, weil nicht alles gleichzeitig kommt und man darüber nachdenken kann. Man muss jungen Menschen beibringen, dass man die neuen Medien nutzen kann, sich aber nicht in totale Abhängigkeit begibt und sie zum Zentrum des Lebens macht.

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