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«Menschen nehmen zum ersten Mal ihre Umgebung wahr»

9. April 2020

Flanieren, Schlendern, mit offenen Augen durch die Straßen laufen: In Corona-Zeiten kehrt das Spazierengehen in den Alltag zurück. Das absichtslose Umherstreifen in der unmittelbaren Umgebung eröffnet ganz neue Perspektiven, sagt Experte Schmitz.

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Kassel (epd). Neben Joggen und Radfahren gehört das Spazierengehen zu den wenigen Dingen, die derzeit in der Öffentlichkeit noch erlaubt sind - wenn auch mit strikten Beschränkungen und Distanzregeln. Dem Spaziergang komme ein neuer Stellenwert zu, beobachtet Martin Schmitz. Er ist Professor an der Kunsthochschule Kassel und beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Spazierengehen. "Einige Menschen erkunden jetzt zum ersten Mal ihre nähere Umgebung, da ihr Mobilitätsradius eingeschränkt ist oder sie zu Hause arbeiten. Bislang wussten sie wahrscheinlich eher, wie es auf Mallorca oder in ihrem italienischen Urlaubsort aussieht als direkt vor ihrer Haustür", sagt er.

Dabei könnten Spaziergänger wichtige Entdeckungen machen: "Da Stadtplanung in den letzten Jahren im wesentlichen Verkehrsplanung war, werden dem eingefleischten Autofahrer nun die Probleme der Fußgänger vielleicht bewusster", hofft Schmitz. Er hat die "Lucius und Annemarie Burckhardt Professur" inne, benannt nach dem Schweizer Gelehrten Lucius Burckhardt (1925-2003), der die sogenannte Spaziergangswissenschaft begründet hat.

Neue Perspektiven

Bisher habe der Weg zur Arbeit, zum Einkaufen oder anderen Zielen immer strikt von A nach B geführt, sagt Schmitz. Zum Wandern sei man gezielt aus der Tiefgarage in idyllische Landschaften gefahren. Nun aber geht es oft einfach nur darum, mal frische Luft zu schnappen. "Das absichtslose Umherstreifen in der unmittelbaren Umgebung eröffnet ganz neue Perspektiven", erklärt Schmitz. Dies könne zu einer größeren Bereitschaft führen, sich um deren Gestaltung zu kümmern.

Die noch junge Spaziergangswissenschaft, auch Promenadologie genannt, spielt vor allem für Designer, Städtebauer und Architekten eine Rolle. In ihr wird der Zusammenhang zwischen Bewegung, Wahrnehmung und Gestaltung erforscht. Es geht darum, sich den eigenen Stadtraum oder die umgebende Landschaft zu erschließen.

"Ich kann nur beim Gehen nachdenken"

Ihr Begründer Lucius Burckhardt schaffte es posthum 2017 sogar auf die Weltkunstausstellung documenta: In Athen und Kassel waren eine kleine Auswahl aus seinen 800 "landschaftstheoretischen Aquarellen" sowie ein Teil seiner persönlichen Bibliothek zu sehen. Die Aquarelle sollten laut documenta so etwas wie eine "Theorie der Landschaft" ergeben. Denn eine der Grundfragen, die Burckhardt sein ganzes Lehrerleben über begleiteten, sei die Frage gewesen, warum Landschaft schön sei.

Spazierengehen als Methode gibt es auch in der Philosophie: "Ich kann nur beim Gehen nachdenken. Bleibe ich stehen, tun dies auch meine Gedanken", schrieb einst der Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712-1778). Und Johann Wolfgang von Goethe ließ im "Faust" die Menschen im "Osterspaziergang" jubeln: "Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein". Ausgedehnte Osterspaziergänge in großen Gruppen wie bei Goethe, wo alle der Enge ihrer Zimmer und Häuser entfliehen, sind allerdings in diesem Jahr nicht möglich.

Dafür wird der Spaziergang zurzeit - mangels Alternativen - öfter auch mit der Familie unternommen. Ob die familiären Spaziergänge auch zum Zusammenhalt derselben einen Beitrag leisten können? "Hoffentlich", sagt Schmitz.

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Leser-Kommentare öffnen

Matthäus53, 10. April 2020, 16:06 Uhr


Bei den vielen segensreichen Wanderungen und Spaziergängen kann endlich mal wieder auf die vielen Kleinen teils schön restaurierten Wege -Kreuze geachtet werden . Diese wurden vor hunderten von Jahren auch nicht einfach „so“ in die herrlichen Landschaften gestellt worden, sondern damit sich Reisende, Wanderer und Kaufleute an Wegegabelungen treffen können und um dort für die Reise, Krankheiten oder andere Lebenssituationen zu beten.
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