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Mittelalterliche "Judensau" an der Stadtkirche in Wittenberg
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Klage gegen «Judensau» in Wittenberg

20. Dezember 2017

Gegen die umstrittene "Judensau" an der Wittenberger Stadtkirche ist Klage eingereicht worden. Wie die Anwaltskanzlei "Benecke Rechtsanwälte" in Hof mitteilte, ist im Auftrag ihres Mandanten eine Zivilklage gegen die Stadtkirchengemeinde erhoben worden.

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Mittelalterliche "Judensau" an der Stadtkirche in Wittenberg

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Wittenberg, Hof (epd). Die Klage habe das Ziel, dass die Schmähskulptur entfernt wird. Zur Begründung hieß es, die inzwischen weit über Wittenberg hinaus bekannte, antisemitische Skulptur "beleidigt und diffamiert jüdische Mitbürger, so auch den Kläger des Verfahrens". Da die Gemeinde die Entfernung der "Judensau" bislang abgelehnt habe, werde keine andere Möglichkeit als der Klageweg gesehen, hieß es.

Das Sandsteinrelief aus dem Jahr 1305 zeigt einen Rabbiner, der einem Schwein unter den Schwanz schaut und Juden, die an den Zitzen der Sau trinken. Im Mittelalter wurden durch solche Abbildungen, die auch an anderen Kirchen in Deutschland zu finden sind, Juden geschmäht. Anlässlich des 500. Reformationsjubiläums war in Wittenberg eine Debatte über den Umgang mit der "Judensau" entbrannt, die wegen einer nachträglich ergänzten Inschrift auch "Luthersau" genannt wird.

"Geschichte soll nicht versteckt werden"

Die Kirchengemeinde und der Wittenberger Stadtrat hatten sich bislang für den Erhalt des Reliefs ausgesprochen. Zu der aktuellen Klage wollte sich die Gemeinde am Mittwoch nicht äußern. Zugleich verwies sie auf die Position zu diesem geschichtlichen Erbe, die ausführlich auf ihrer Internetseite dargestellt sei.

In dem dort veröffentlichten Positionspapier heißt es unter anderem: "Geschichte soll nicht versteckt werden und Geschichtsvermittlung gelingt am eindrücklichsten am authentischen Ort. Das ist ein immer auch schmerzlicher und paradoxer Prozess, weil etwas Negatives etwas Positives bewirken soll: Ein antijudaistisch motiviertes Sandsteinrelief warnt vor den Gefahren und Folgen einer abwertenden und ausgrenzenden Haltung in Kirche und Gesellschaft."

Schattenseite Luthers

Bereits 1988 hatte die Stadtkirchengemeinde als eine der ersten Kirchengemeinden in Deutschland vor dem Relief ein Mahnmal eingeweiht, das sich auf die Schmähplastik bezieht. Die in den Boden eingelassene Platte erinnert unter anderem an den Beginn des NS-Novemberprogroms am 9. November 1938.

Besonders in seinen späten Schriften hetzte der Reformator Martin Luther (1483-1546) gegen Juden - eine Schattenseite Luthers, mit der sich die evangelische Kirche anlässlich des Reformationsjubiläums auch mehrfach auseinandergesetzt hatte.

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Leser-Kommentare öffnen

Atlantica, 20. Dezember 2017, 19:13 Uhr


Interessant, wie das heute gesehen wird. Ich habe dieses Jahr zum ersten Mal diese Allegorie an der Wittenberger Stadtkirche gesehen und war erschüttert. Heute glaubt man, alles "säubern" zu müssen. Als historisches Dokument des Anti-Semitismus sollte man dagegen diese Tafel an ihrem Ort lassen. Es sind ja auch Psalmen in den Boden eingelassen worden, die die jüdische Tradition dokumentieren. - Hat das deutsche Volk aus seiner Geschichte gelernt? Ich weiß es nicht. Wie bei der nun anstehenden Haft für Oskar Gröning habe ich vielmehr den Eindruck, dass der untaugliche Versuch unternommen wird, einzelne "Korrekturen" vorzunehmen. Das sind aber Einzelfälle. Es ist schlicht Zufall, dass Herr Gröning noch lebt. Die ganze Debatte ist ideologisch verzerrt.

Die Haltung der Gemeinde ist klar und nachvollziehbar:

"Ein antijudaistisch motiviertes Sandsteinrelief warnt vor den Gefahren und Folgen einer abwertenden und ausgrenzenden Haltung in Kirche und Gesellschaft."

Der Kläger fühlt sich aber persönlich beleidigt. Ein weiterer Grund könnte, wohlgemerkt könnte, der Wunsch nach Vergeltung sein. Das ist abzulehnen aus christlicher Perspektive.
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Alwite, 20. Dezember 2017, 20:45 Uhr


Die Tiermetapher „Judensau“ bezeichnet ein im Hochmittelalter entstandenes häufiges Bildmotiv der antijudaistischen christlichen Kunst. Es sollte Juden verhöhnen, ausgrenzen und demütigen, da das Schwein im Judentum als unrein (hebr. tame) gilt und einem religiösen Nahrungstabu unterliegt. Spottbilder mit dem Judensaumotiv sind seit dem frühen 13. Jahrhundert belegt und auf Steinreliefs und Skulpturen an etwa 30 Kirchen und anderen Gebäuden vor allem in Deutschland bis heute zu sehen.
Dem Lexikon entnommen.
Auch ich war in jungen Jahren beim ersten Anblick entsetzt - historisch, sind diese Spottbilder Zeugnisse, die man mit Entfernung nicht ungeschehen macht und hoffe, dass der Kläger nicht recht bekommt.
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Atlantica, 20. Dezember 2017, 21:30 Uhr


Liebe Alwite, deine Zustimmung freut mich! Schweinefleisch ist nicht koscher, richtig? Wie kann es dann eine Judensau geben? Hier zeigt sich die ganze Irrationalität des Antisemitismus.
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