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Der Film "Idioten der Familie" kommt in die Kinos Foto: epd-Bild
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Kammerspiel am Rand des Horrors

12. September 2019

Wer sind in Michael Kliers neuem Film die "Idioten der Familie"? Die 26-jährige behinderte Ginnie? Die ältere Schwester, die sie jahrelang betreut hat? Oder die drei Brüder, die erst auf den Plan treten, als Ginnie ins Heim soll?

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Der Film "Idioten der Familie" kommt in die Kinos Foto: epd-Bild

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Frankfurt a.M. (epd). Eine Familienaufstellung: fünf Geschwister, zwei Frauen, drei Männer, die Jüngste, Ginnie (Lilith Stangenberg), ist geistig behindert und soll ins Heim. Jahrelang hat sich Heli (Jördis Triebel) um ihre kleine Schwester gekümmert, nun will sie ihr eigenes Leben führen. Die Brüder waren in all den Jahren keine Hilfe, jetzt sind sie gekommen, um sich von Ginnie zu verabschieden.

Bruno (Florian Stetter), Tommy (Hanno Koffler) und Frederick (Kai Scheve) sind Anfang dreißig bis Anfang vierzig, Durchschnittstypen, die Michael Klier in seinem Film nie bis zur Karikatur oder ins Bösartige überzeichnet. Und doch: Wer sind denn die "Idioten der Familie"? Ginnie kann damit nicht gemeint sein. Klier skizziert die Porträts von Egozentrikern, bei deren Zusammentreffen alte Rivalitäten und Bündnisse prompt wieder aufbrechen. Die Kamera ist beweglich und bei allen Disputen ganz nah dabei.

Porträts von Egozentrikern

Frederick, der Älteste, ist ein erfolgreicher Klassikmusiker, Papas Liebling, der mit viel Disziplin dessen Lebensauftrag ausführt. Straighter Hedonismus soll den Spaßverzicht und die innere Leere kompensieren. Wenn Frederick die erste Geige spielt, so spielt Tommy die zweite. Klier lässt die beiden immer wieder zusammen musizieren, es klingt gut, sie ergänzen sich. Tommy ist Jazzmusiker, ein scheinbar lustiger, lockerer Künstlertyp, dessen Leistungsverweigerung einem tiefen Minderwertigkeitskomplex entwächst.

Bruno, der Jüngste, ist ein Einzelgänger. Im Wettbewerb der Brüder behauptet er sich mit besserwisserischen Moralpredigten. Wenn Bruno in einem seiner Monologe Solidarität mit den Schwachen in einer überindividualisierten Gesellschaft einfordert, spricht er Klier aus der Seele, das lässt sich im Regiestatement nachlesen. Aber Bruno formuliert das auf eine so unerträgliche, eitle, überhebliche und empathielose Weise, dass sein Vortrag lächerlich und abstoßend wirkt.

Die fasizinierende Fremde

Wie seltsam (und selbstkritisch), dass Klier ausgerechnet diesen Mann zum Sprachrohr seiner Überzeugungen macht! Aber ein wenig Bruno, Tommy und Frederick steckt schließlich in jedem von uns. Alle drei wollen Ginnie das Heim ersparen, sie streiten. Ob einer der Brüder die Konsequenz zieht, sich um Ginnie kümmern will? Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

"Idioten der Familie" überzeugt als Ensemblefilm mit tollen Schauspielern. In seinem Zentrum aber steht Lilith Stangenberg, die Ginnie als unberechenbare, faszinierende Fremde spielt. Schon in "Wild" von Nicolette Krebitz verkörperte sie eine Frau jenseits von sozialen Normen. Gegen die Übergriffigkeiten der Brüder weiß Ginnie sich auch ohne Worte zu wehren. Und sie ist ein sexuelles Wesen, hat einen Freund, mit dem sie schläft. Das provoziert die Geschwister am meisten.

Unterschwellig aufwühlend

Klier hat lange keinen Kinospielfilm mehr gedreht, der letzte war "Alter und Schönheit" von 2007/08, der eine ähnliche Figurenkonstellation hatte. "Idioten der Familie" könnte auch zum Horrorfilm werden, immer wieder schnibbelt Ginnie unheilverheißend mit der Schere an Familienfotos herum. Aber Klier belässt es beim dann doch eher leisen, nur unterschwellig aufwühlenden Kammerspiel. Lediglich ein kurzer Ausbruch Ginnies führt ins Freie. Tommy trägt sie danach auf seinem Rücken zurück ins Haus, ein inniges Bild - kann es doch ein Miteinander geben? Aber so leicht lässt sich Ginnie in die bürgerliche Ordnung nicht eingliedern.

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