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Horrorszenen bei Gefängnisrevolte mit 56 Toten in Brasilien

3. Januar 2017

Bei einer der brutalsten Häftlingsrevolten in der Geschichte Brasiliens sind 56 Menschen getötet worden. Der Aufstand in einem überfüllten Gefängniskomplex nahe der Amazonas-Stadt Manaus dauerte mehr als 17 Stunden, wie brasilianische Medien berichteten.

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São Paulo (epd). Rivalisierende Banden hatten in der Haftanstalt Anísio Jobim um die Kontrolle über den Drogenhandel gekämpft.

Als die Polizei den Komplex stürmte, fand sie ein Blutbad vor. "Die Rebellion ist ein weiteres Kapitel des schonungslosen Drogenkrieges", sagte Sicherheitsstaatssekretär Sérgio Fontes. Der Gefängniskomplex ist für 454 Insassen ausgelegt, aber mit 1.226 Gefangenen dramatisch überfüllt.

Der zuständige Richter im Bundesstaat Amazonas, Luis Carlos Valois, sprach nach der Rebellion von einer "Barbarei" und "Horrorszenen". Leichen seien enthauptet und Gliedmaßen abgetrennt worden. Zeitweise wurden zwölf Wärter als Geiseln genommen, mehr als 100 Häftlinge konnten fliehen. Etwa 130 Häftlinge wurden Medienberichten zufolge in andere Gefängnisse verlegt, weil sie Todesdrohungen erhalten hatten. Unter ihnen sind auch die Anführer des Aufstandes.

Verzweifelte Angehörige

Angefangen hatte die Meuterei laut Gefängnisleitung die kriminelle Organisation "Familie des Nordens" (FDN), die den Drogenhandel im Norden und Nordosten Brasiliens kontrolliert. Die meisten Opfer sind Mitglieder der verfeindeten Gang PCC ("Erstes Hauptstadtkommando") aus São Paulo. Die FDN kämpft um die Vorherrschaft im Handel mit Kokain, das von Peru und Kolumbien nach Brasilien kommt. Die PCC ist das derzeit mächtigste Verbrechersyndikat und in São Paulo sowie im Süden des Landes führend.

Vor der Haftanstalt warteten stundenlang die verzweifelten Angehörigen. Viele hatten Fotos und Dokumente der Insassen dabei, um bei der Identifikation zu helfen. Das Gefängnis Anísio Jobim gehört laut der brasilianischen Anwaltsvereinigung zu einem der schlechtesten des Landes. Es gebe keine Resozialisierungsmaßnahmen. Hygiene, Essen und medizinische Versorgung seien unzureichend.

Kurze Zeit später kam es in zwei weiteren Haftanstalten im Amazonas-Bundesstaat zu Aufständen. Bei einer Meuterei in einem nur hundert Meter entfernten Gefängnis konnten laut dem Medienkonzern "O Globo" 87 Gefangene flüchten. Ein weiterer Aufstand wurde nach Polizeiangaben schnell unter Kontrolle gebracht. Die Sicherheitskräfte gehen davon aus, dass sich die Häftlinge abgesprochen hatten.

Überholtes Rechtssystem

Brasilien steht international schon lange in der Kritik wegen menschenunwürdiger Haftbedingungen. "Brutal, inhuman, entwürdigend" hatten die Vereinten Nationen in einem Sonderbericht die Bedingungen in den Haftanstalten bezeichnet. Insgesamt sind laut Amnesty International mehr als 640.000 Menschen in Haft - das sind vier Mal mehr als noch vor zehn Jahren.

Damit ist Brasilien mit seinen 200 Millionen Einwohnern weltweit eines der Länder mit den meisten Häftlingen proportional zur Bevölkerung. Das Problem ist laut vieler Experten das völlig überholte brasilianische Rechtssystem, das bereits bei geringen Vergehen Haft als einzige Strafe vorsieht. "Das System ist mittelalterlich. Es gibt überhaupt keine Möglichkeiten einer Resozialisierung", sagte auch Maria Laura Canineu von "Human Rights Watch".

1992 waren bei einer Meuterei in Carandiru in São Paulo, dem damals größten Gefängnis Lateinamerikas, 111 Menschen bei einem Polizeieinsatz erschossen worden.

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