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Hölderlin im Turm nachspüren

27. April 2018

Die zweite Hälfte seines Lebens verbrachte der Lyriker Friedrich Hölderlin krank in einem Tübinger Turm. Das Bauwerk wird nun mit Millionenaufwand neu gestaltet. Besucher sind dort künftig zu Sprachexperimenten eingeladen.

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Tübingen (epd). Der Hölderlinturm in Tübingen gilt als das bekannteste und am meisten fotografierte Gebäude der Stadt; er soll künftig in neuem Glanz erstrahlen. Wenn sich im Jahre 2020 der Geburtstag des Dichters Friedrich Hölderlin (1770-1843) zum 250. Mal jährt, sollen die Sanierungsarbeiten in dem nach ihm benannten Turm abgeschlossen sein. Mit einem Kostenaufwand von 1,8 Millionen Euro will die Stadt Tübingen einem der zentralen Erinnerungsorte der Weltliteratur neue Strahlkraft verleihen.

In dem malerisch direkt am Neckarufer gelegenen Turm verbrachte der umnachtete Dichter ab dem Jahre 1807 die zweite Hälfte seines Lebens, und dort ist er am 7. Juni 1843 gestorben. Die einst von ihm benutzten Räume sollen in Abstimmung mit dem Landesdenkmalamt behutsam in die Zeit von damals zurückversetzt werden. Weitere Räume im Turm, die einst nicht von Hölderlin bewohnt waren, werden in die Bauarbeiten einbezogen. Sie bieten künftig Platz für einen neu gestalteten Museumsrundgang und werden von der Hölderlin-Gesellschaft genutzt.

Turmhistorie reicht ins 13. Jahhundert zurück

Die Baugeschichte des Turms reicht bis zurück ins 13. Jahrhundert. Im Jahre 1807 erwarb der Tübinger Schreinermeister Ernst Friedrich Zimmer das Gebäude, richtete im Erdgeschoss seine Werkstatt ein und hatte darüber eine bescheidene Wohnung. Um für die wachsende Familie und studentische Untermieter Wohnräume zu schaffen, ließ er in den folgenden Jahren das Haus mehrfach aus- und umbauen. Im Jahre 1807 nahm er den von ihm bewunderten Friedrich Hölderlin in sein Haus und seinen Haushalt auf.

Der Dichter lebte, fürsorglich betreut, fast wie ein Mitglied der Familie. Als der Schreinermeister 1838 starb, übernahm seine Tochter Lotte die Pflege und Verantwortung für Hölderlin bis zu dessen Tod. Hölderlins Grabstätte auf dem Tübinger Stadtfriedhof ist erhalten.

Heutiges Aussehen seit dem Jahr 1875

Der "Hölderlin-Turm erhielt sein heutiges Aussehen im Jahre 1875. Nach einem Brand im Jahr zuvor, bei dem das Gebäude bis auf das Erdgeschoss zerstört worden war, entstand auf den Grundmauern der neue, runde Turm mit spitzerem Dach. Seit 1921 gehört das Gebäude der Stadt Tübingen; 1984 wurde im Zuge einer Renovierung das Innere des Hauses der Raumaufteilung zu Hölderlins Zeit angenähert. Nun wird das Gebäude erneut grundlegend saniert und umgestaltet. Anfang 2020, zum 250. Geburtstag des Dichters, soll der Hölderlinturm mit einem vollkommen neuen Konzept wieder den Besuchern offenstehen.

Die künftige Ausstellung wird sich anders als bisher über das Erdgeschoss und die beiden darüber liegenden Stockwerke erstrecken. Die Dauerausstellung wird themenorientiert angelegt: Besucher erhalten Anregungen, den Gründen von Hölderlins Rückzug in den Turm selbst nachzuspüren und in einem "Metrik-Labor" Hölderlins Sprachexperimente am eigenen Leib zu erfahren. Die Besucher können im Turm mit Rhythmus und Versmaß experimentieren. Kleinere Wechselausstellungen runden das Konzept ab.

Hölderlin entstammte der städtischen Oberschicht

Der in Lauffen am Neckar geborene Johann Christian Friedrich Hölderlin zählt zu den bedeutendsten deutschen Lyrikern. Er entstammte der württembergischen Ehrbarkeit, einer städtischen Oberschicht. Hölderlin durchlief die evangelischen Klosterschulen Denkendorf und Maulbronn und studierte in Tübingen Theologie.

Um nicht den von ihm ungeliebten Pfarrberuf ergreifen zu müssen, war er Hauslehrer für Kinder wohlhabender Familien. 1796 begegnete er dabei in Frankfurt Susette Gontard, der Ehefrau eines Bankiers: sie wurde seine große Liebe, und sie ist das Modell für die Diotima seines Briefromans Hyperion.

Ab dem beginnenden 19. Jahrhundert verschlechterte sich Hölderlins immer labil gewesener Geisteszustand, 1806 wurde er als wahnsinnig beurteilt. 1807 begann seine zweite Lebenshälfte im heutigen Hölderlinturm im Haushalt Ernst Zimmers. Er war ab etwa 1822 wieder vermehrt künstlerisch produktiv, 1826 gaben Gustav Schwab und Ludwig Uhland eine erste Ausgabe seiner Werke heraus.

Zwischen 1829 und 1837 wurde Hölderlin als "Tübinger Attraktion" zunehmend Opfer zahlreicher, von ihm nicht selten als störend empfundener Besuche von Fremden und Reisenden. Auch deshalb begrenzte er seine Kontakte auf die Hausgemeinschaft, brach den Kontakt mit seiner eigenen Familie ab und widmete sich seiner dichterischen Aktivität.

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Leser-Kommentare öffnen

Schallblech, 27. April 2018, 12:21 Uhr


Wie schön! Wenn ich mal in Tübingen war, war der Turm immer grade geschlossen.
Mein Vater hatte eine Taschenausgabe des Hyperion im Krieg im Sturmgepäck. Er hat ihm viel Trost und Ablenkung gebracht, auch wenn er manchmal seine Kameraden zum Spott anregte. Manchmal fanden sich aber auch einige, die sich gerne im Schützengraben von ihm vorlesen ließen.
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