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Verstärkte Polizeipräsenz auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz
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Ein bleibender Riss am Breitscheidplatz

18. Dezember 2017

Vor zwölf Monaten raste Anis Amri mit einem Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz. Ein Dutzend Menschen starben. Ein Jahr danach ist die Stimmung an Gedächtniskirche und vielen anderen Orten gedrückt, aber auch entschlossen.

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Verstärkte Polizeipräsenz auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz

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Berlin (epd). "Abgeschlossen", sagt Manfred Edling. Er steht mit seinen Buden für Süßes und Hochprozentiges wieder auf dem Weihnachtsmarkt unterhalb der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Tatsächlich scheint alles wie immer: Vor dem Europa-Center stehen die Fahrgeschäfte für die Kinder, Buden für Zuckerwatte, kandierte Äpfel, Bratwurst und Glühwein schmiegen sich wie alle Jahre um das Berliner Wahrzeichen mit dem kriegsversehrten Turm. Und doch ist dieses Jahr vieles anders auf dem Breitscheidplatz: Seit der tunesische Terrorist Anis Amri vor einem Jahr mit einem gestohlenen Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt raste und zwölf Menschen tötete, hat die Szenerie ihre Unbeschwertheit verloren.

Davon zeugen dicke Betonpoller rund um den Platz. Sie sollen eine Wiederholung des islamistischen Attentats vom 19. Dezember 2016 verhindern. Die Sperren sind längst Alltag geworden, in Berlin und anderswo. Der Anschlag vom Breitscheidplatz hat nicht nur den Berliner Weihnachtsmarkt verändert, sondern das ganze Land. Laut Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sehen die Märkte "heute anders aus als vor einigen Jahren". Und das sei auch gut so: Die Gefährdungslage sei "anhaltend hoch".

Tiefer Schock

Der Anschlag traf Deutschland vor einem Jahr nicht überraschend. Schon lange war über allgemeine und konkrete Gefährdungslagen gesprochen und geschrieben worden. Dass Deutschland vom internationalen Terrorismus so lange weitgehend verschont blieb, wurde trotz der Ereignisse vom Sommer 2016 in Würzburg und Ansbach als Erfolg der Sicherheitsbehörden gewertet. Die Bilder aus Berlin lösten einen tiefen Schock aus: Absperrungen, Blaulicht, Alarmstimmung und dennoch gespenstische Stille, wo sonst bunter Vorweihnachtstrubel herrscht. Dieses Bild bot sich Reportern aus aller Welt, die nach den ersten Eilmeldungen an diesem Montagabend fünf Tage vor Heiligabend zum Ort des Geschehens geeilt waren.

Die sichtbaren Veränderungen auf deutschen Weihnachtsmärkten seither sind das eine, das Leid der Hinterbliebenen das andere. In einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) übten Angehörige der Opfer wenige Tage vor dem Jahrestag deutliche Kritik an der Unterstützung für sie und die Maßnahmen gegen den Terrorismus. Der Anschlag sei auch eine tragische Folge der "politischen Untätigkeit Ihrer Bundesregierung", heißt es in dem Schreiben, das von Angehörigen aller zwölf Todesopfer unterzeichnet wurde. Und: Merkel werde ihrem Amt nicht gerecht, wenn sie den Opfern bisher weder persönlich noch schriftlich kondoliert habe. Am Montag (18.12.), einen Tag vor dem Jahrestag, will sich die Kanzlerin nun mit den Hinterbliebenen treffen. Zu spät, finden viele.

Zwei Untersuchungsausschüsse in den Landesparlamenten von Nordrhein-Westfalen und Berlin bemühen sich bis heute um Aufklärung, welche Behördenversäumnisse die schrecklichen Ereignisse begünstigt haben. Auch ein Untersuchungsausschuss im neuen Bundestag wird erwartet.

Goldener Riss

Am Mittwoch hat der Beauftragte der Bundesregierung für die Opfer und Hinterbliebenen des Terroranschlags, der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck, seinen Abschlussbericht vorgelegt. Zu seinen Forderungen zählt, die finanziellen Entschädigungen für Betroffene deutlich aufzustocken. Die Bundesregierung will die Vorschläge des Opferbeauftragten zügig umsetzen. Das Land Berlin will im ersten Quartal 2018 eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene von Terrorattacken einrichten.

Einem von Beck artikulierten Wunsch der Angehörigen kommt das Land Berlin am Jahrestag nach: Dann wird ein dauerhaftes Denkmal für die Toten und Verletzten eingeweiht und das provisorische Kerzen-Mahnmal ersetzt. Mit einem mehr als 14 Meter langen, etwa drei Zentimeter breiten goldenen Riss auf dem Boden soll am Anschlagsort an die Getöteten erinnert werden. Die Namen der Opfer und ihre Herkunftsländer sind zudem auf der Vorderseite der Stufen zur Gedächtniskirche angebracht.

Der Riss am Boden wird bleiben, auch wenn die Buden des am Jahrestag geschlossenen Weihnachtsmarktes längst wieder abgebaut sind. Verbesserungen etwa bei den Entschädigungsleistungen für die Opfer oder die Schaffung von festen Hilfsstrukturen sind noch nicht auf den Weg gebracht.

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Leser-Kommentare öffnen

Paperback, 18. Dezember 2017, 14:10 Uhr


Was wir gerade in den letzten Tagen von den Angehörigen der Opfer dazu hören, schockiert und empört zugleich. Während der Täter bundesweit traurige Berühmtheit erlangte, bleiben die Opfer im Dunkeln, beklagen sich die Hinterbliebenen über die mangelnde Fürsorge und Aufmerksamkeit.
Das ist skandalös.

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