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Doch wieder Zeitchaos?

19. September 2018

Generationen haben mit der umstrittenen Umstellung auf die Sommerzeit schon leidige Erfahrungen gemacht. Vor über 100 Jahren wurde erstmals an den Zeigern gedreht. Damit soll nun Schluss sein - aber vielleicht auch mit der EU-weit einheitlichen Zeit.

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Frankfurt a.M. (epd). Der Streit über die Sommerzeit ist uralt. 102 Jahre, um genau zu sein. Denn die erste Umstellung gab es 1916, mitten im Ersten Weltkrieg. Jetzt soll diese schier unendliche Geschichte der Zeitmanipulation ein abschließendes Kapitel bekommen.

Umstritten war das Drehen an der Uhr 1916 wie heute, denn die veränderte Zeit bringt den Biorhythmus des Menschen durcheinander. Zu Kriegszeiten sollte sie die Produktivität steigern und Energie sparen. Doch schon 1919 hatte das Intermezzo ein Ende: Im Weimarer Parlament kam nicht die nötige Mehrheit für eine Sommerzeit zustande. Es galt zunächst wieder das ganze Jahr die Mitteleuropäische Zeit (MEZ).

Seit 1980 nutzen sämtliche EU-Staaten die Sommerzeit, die ursprünglich Energie sparen und ein reibungsloses Funktionieren des Binnenmarktes sicherstellen sollte. Neu waren solche ökonomischen Gründe nicht. Im 19. Jahrhundert war es der Ausbau des grenzüberschreitenden Eisenbahnnetzes, der die Harmonisierung der Uhrzeiten erzwang.

Selbst auf deutschem Boden existierten bis dato deutliche Zeitunterschiede, je nach Sonnenstand. Galt etwa in Bayern die "Münchener Ortszeit", so richtete man sich in Preußen nach der "Berliner Zeit" - und war damit den Bayern um sieben Minuten voraus. 1844 teilte dann eine Konferenz in Washington DC die Welt in 24 Zeitzonen ein. Seit dem 1. April 1893 gilt in Deutschland die Mitteleuropäische Zeit (MEZ).

Natürliches Licht länger nutzen

Urvater der Zeitverschiebung ist der amerikanische Politiker und Forscher Benjamin Franklin (1706-1790). Er kritisierte 1784 in einer Denkschrift im Journal de Paris über "Die Kosten des Lichts" den unnötig hohen Verbrauch an Kerzen. Franklin riet zur Uhrumstellung, denn so lasse sich das natürliche Licht viel länger nutzen.

Doch es dauerte noch über 100 Jahre, bis 1907 der Brite William Willett mit seiner Abhandlung "The Waste of Daylight" (Die Verschwendung von Tageslicht) Franklins Ideen aufgriff und eine rege Debatte anstieß. Zunächst erfolglos. In Großbritannien wurde die Sommerzeit 1916 Realität, garniert mit dem programmatischen Titel "Daylight Saving Time", der das Optimum nutzbarer Tageszeit versprach.

In Deutschland führten die Nationalsozialisten zu Kriegsbeginn 1940 die Sommerzeit wieder ein. Eine Stunde mehr Tageslicht bedeutete auch eine Stunde mehr Arbeitszeit in den Rüstungsbetrieben. Zwei unterschiedliche Zeiten galten dann nach Kriegsende im besetzten Deutschland. Denn die drei westlichen Besatzungszonen führten die Sommerzeit ein, während auf sowjetisch kontrolliertem Terrain und in Berlin Moskauer Zeit galt. Zwischen Ost- und Westdeutschland klaffte eine Zeitlücke von zwei Stunden.

Vollkommen chaotisch wurde es zwischen 1947 und 1949. Da wurden die Uhren nochmals eine Stunde vorgestellt zur "Hochsommerzeit", die vom 11. Mai bis zum 29. Juni galt. Das schien sinnvoll: Wegen der weitgehend zerstörten Infrastruktur waren die Bürger besonders vom Tageslicht abhängig. Zwischen 1950 bis 1979 verzichtete Deutschland dann wieder auf die Umstellung.

Flickenteppich an Zeitzonen

Eine EU-Richtlinie aus dem Jahr 2002 regelt, dass die Sommerzeit "dauerhaft" und "verbindlich" gilt. Doch das könnte bald Schnee von gestern sein. Nach einer EU-weiten Bürgerumfrage, in der sich eine 84 Prozent gegen die leidige Zeitumstellung aussprachen, will EU-Kommissarin Violeta Bulc rasch handeln. Im Oktober 2019 sollen die Bürger letztmalig an den Zeigern drehen.

Wasser auf die Mühlen der Sommerzeit-Gegner war auch das 2016 vorgelegte Gutachten "Bilanz der Sommerzeit" des Büros für Technikfolgenabschätzung des Bundestages. Abgesehen von der Begünstigung von Freizeitaktivitäten und geringfügiger Energieeinsparungen würden die Auswirkungen der Sommerzeit kaum ins Gewicht fallen, betonten die Gutachter. Fazit eines Mitarbeiters: "Die Sommerzeit ist relativ überflüssig."

Doch noch ist nicht klar, ob wirklich im März 2020 die Uhren einfach unbehelligt in der MEZ weiterlaufen können. Die EU kann zwar bestimmen, ob in den Mitgliedstaaten die Zeit umgestellt wird. Doch es ist allein Sache der Nationalstaaten, ob sie die Sommerzeit oder eben die MEZ dauerhaft festlegen. Es droht also womöglich wieder ein Flickenteppich an Zeitzonen. Und offen ist auch, ob Deutschland, wie von vielen Bürgern favorisiert, dauerhaft bei der Sommerzeit landet.

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