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Der indische Menschenrechtsanwalt Byatha N. Jagadeesha Foto: epd-Bild
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Die Wut des Anwalts Jagadeesha

7. Dezember 2018

Bauern, Landlose und Slumbewohner: Der indische Menschenrechtsanwalt Jagadeesha vertritt viele Arme und Benachteiligte vor Gericht. Der einstige Sympathisant rechter Hindus kämpft heute gegen Korruption und für sozialen Wandel.

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Der indische Menschenrechtsanwalt Byatha N. Jagadeesha Foto: epd-Bild

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Bangalore (epd). Die Kanzlei von Byatha N. Jagadeesha liegt in einer belebten Geschäftsstraße der südindischen IT-Metropole Bangalore. In den kleinen, schmucklosen Räumen in einem staubigen Bürogebäude türmen sich Bücher und Akten bis unter die Decke. Selbst auf einer kleinen Pritsche, die eigentlich zum Ausruhen an besonders anstrengenden Tagen gedacht ist, stapeln sich Unterlagen. Von hier aus setzt sich der Anwalt für mehr soziale Gerechtigkeit und den Erhalt einer lebenswerten Umwelt in seinem Land ein. "Die Armen haben keine Stimme", beklagt er.

Für Slumbewohner, Landlose, Prostituierte oder politische Gefangene übernimmt der Jurist die Verteidigung auch für wenig Geld oder ganz umsonst. "Ich arbeite nicht, um viel Geld zu verdienen, das war nie ein Ziel für mich", sagt der 40-Jährige, der mit seinen kurzgeschorenen schwarzen Haaren und Henriquatre-Bart auch in lockeren Jeans eine gepflegte Erscheinung abgibt.

Wie wichtig die Verteidigung solcher Gruppen ist, zeigt der jüngste Jahresbericht von Amnesty International: Immer wieder werden demnach in Gerichtsentscheidungen die Menschenrechte untergraben und Verstöße bleiben straffrei. Gemeinschaften der Adivasi - also der indischen Ureinwohner - würden vertrieben, um auf ihrem Land Industrievorhaben voranzutreiben, und Hassverbrechen an den kastenlosen Dalits seien nach wie vor weit verbreitet.

Korruption unter Staatsbediensteten aufgedeckt

Hinzu kommt immer unverhohlenere Kritik der Behörden an Menschenrechtsgruppen seit dem Amtsantritt von Premierminister Narendra Modi 2014. Die hindu-nationalistische Regierung verbot Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty und Greenpeace, Spenden aus dem Ausland anzunehmen.

Jagadeesha braucht zwei oder drei größere Fälle zahlender Kunden im Jahr, damit er Arme und Benachteiligte umsonst vertreten und die jährlichen Kosten für Büromiete, Gerichtskosten und zwei Angestellte decken kann. Seine eigene Kanzlei betreibt der Jurist, der mit einer Frau aus einer höheren Kaste verheiratet ist, seit 2009. Außerdem lehrt er als Gastdozent am renommierten St. Joseph's College und ist Rechtsberater unter anderem für Amnesty.

Anfang 2017 kam eine weitere Aufgabe dazu: Als Sonderstaatsanwalt von Karnataka deckt Jagadeesha Korruption unter Staatsbediensteten auf. Auch gegen Spitzenbeamte bis hin zu Ministern und Ex-Regierungschefs des südindischen Bundesstaates geht er dabei vor. "Ein kleiner Junge, der ein Brot stiehlt, wird verfolgt, als wäre das ein schweres Verbrechen, und muss für drei Jahre ins Gefängnis", kritisiert Jagadeesha. "Aber Minister, Behördenmitarbeiter und Unternehmen, die Riesensummen unterschlagen oder veruntreuen, kommen davon."

Zwei Lehrer für 240 Schüler

Aus Wut über diese Ungerechtigkeit begann der Anwalt vor einigen Jahren, Korruptionsfälle von Beamten zu recherchieren und vor Gericht zu bringen. Es ging etwa um Autoschiebereien zur Vermeidung von Zollgebühren oder um angebliche Ausgaben für Straßen, die nie gebaut wurden.

Jagadeeshas Karriere ist ungewöhnlich für seine Herkunft: Der jüngste von sechs Brüdern stammt aus ärmlichen Verhältnissen in einem Dorf bei Bangalore, das geprägt ist von einfacher Landwirtschaft, Hindu-Religion und Kastenzugehörigkeit. An Bildung mangelt es trotz Schule, vor und nach dem Unterricht muss der Junge auf dem Feld arbeiten. Nur wenige Jugendliche schaffen den Absprung aus dem vorgezeichneten Dorfleben. Jagadeeshas Eltern sind Analphabeten und in seinem Jahrgang gibt es nur zwei Lehrer für 240 Schüler.

Als einziges Kinder der Familie schafft Jagadeesha den Abschluss, absolviert ein geisteswissenschaftliches Studium, später folgt ein Jura-Abschluss. Der junge Student will die Welt verbessern - und macht bei rechtsgerichteten Hindu-Gruppen mit. Die Diskriminierung und soziale Benachteiligung von Frauen oder Angehörigen niedriger Gesellschaftsschichten und Kasten hat er zunächst nicht im Blick. Das ändert sich, als er Kontakt zu Samvada bekommt - einer vom evangelischen Hilfswerk "Brot für die Welt" unterstützten Organisation, die sich für die Rechte junger Leute einsetzt und Benachteiligten durch ganzheitliche Bildung gute Lebensperspektiven eröffnen will.

Proteste gegen Abholzungen und Umsiedlungen verändern sein Leben

In einem Seminar begegnet Jagadeesha Menschen mit sozialkritischer Haltung und Engagement für die Gesellschaft. "Es veränderte alle meine Vorstellungen über Gesellschaft, Familie und Beziehungen", erzählt er. "Ohne Samvada wäre ich heute ein anderer Anwalt, der glaubt, dass der rechte Hindu-Nationalismus der einzig richtige Weg ist. Ich würde mich nicht um Bauern, einfache Arbeiter und Landlose kümmern." Der junge Mann ist fasziniert von der Gemeinschaft von Menschen verschiedener Kasten, Religionen und Herkunft.

Nach seinem Bachelor-Studium beteiligt sich Jagadeesha an Protesten gegen Abholzungen und Umsiedlungen für den Bau von Staudämmen entlang des Narmada-Flusses. Er schließt sich der Bewegung Narmada Bachao Andolan an, zu der Adivasi, Bauern, Umweltgruppen und Menschenrechtsaktivisten gehören. Wegen seiner Teilnahme an Blockade-Aktionen wird er festgenommen und elf Tage lang inhaftiert.

"Lauter arme Leute saßen mit mir im Gefängnis", erinnert er sich. "Sie sagten mir, ich sollte Anwalt werden und die Rechte armer Leute vertreten." Das wird sein Lebensthema.

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