hg
Bild vergrößern
Das Bild "Amazon" in der Ausstellung "Andreas Gursky - nicht abstrakt" epd-bild: Bernd Schaller Foto: epd-Bild
Buchtipp

Heidemarie Langer
Versteckte Geschenke
Kalendergeschichten von Advent bis Heilige Drei Könige

zur Detailseite

Anzeige

Die Wirklichkeit neu zusammengesetzt

11. Juli 2016

Seine Bilder gehören zu den teuersten Fotokunstwerken der Welt: Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zeigt neue und alte Fotos von Andreas Gursky. In der Austellung "nicht abstrakt" geht es darum, inwiefern Fotokunst abstrakt sein kann.

Bild vergrößern
Das Bild "Amazon" in der Ausstellung "Andreas Gursky - nicht abstrakt" epd-bild: Bernd Schaller Foto: epd-Bild

Anzeige

Einmal im Halbjahr ist es bei Amazon im Warenlager still. Dann wird einen Tag lang Inventur gemacht. Einen solchen Tag - und nur diesen - hatte der Fotokünstler Andreas Gursky, um die unübersichtlich große Menge von Aktenordnern, Kartons und Schreibwaren zu abzubilden. "Ich habe Regal für Regal einzeln fotografiert", berichtete Gursky vor der Eröffnung seiner Ausstellung "Andreas Gursky - nicht abstrakt" in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Anschließend setzte er Tausende Fotos, für den Betrachter unmerklich, zu einem Bild zusammen, das einen flächigen Eindruck von der Szenerie vermittelt.

Damit verfälsche er die Wirklichkeit aber nicht, sagte Gursky bei einer seiner wenigen öffentlichen Erklärungen seiner Kunst. "Wenn man die Erde und ihre Gegenstände aus weiter Ferne, etwa vom Mond aus, betrachtete, sähe alles flächig aus." Das Bild "Amazon" aus dem Jahr 2016 will er auch nicht als gesellschafts- oder kapitalismuskritische Arbeit verstanden wissen. "Ich bin nur Beobachter." Das Werk wird in der Ausstellung mit sieben weiteren neuen und anderen, zum Teil bekannten Bildern gezeigt.

"Amazon" knüpft an eines seiner bekanntesten Bilder an, "99 cent", das im Pariser Centre Pompidou hängt und einen Supermarkt mit Produkten für diesen Preis zeigt. Zu einigen Themen und Arbeitsweisen kehrt Gursky immer wieder zurück: "Man schafft ein paar wenige überzeugende Setzungen als Künstler. Man kann sich nicht ständig neu erfinden."

Ambivalenz umweltschonender Technik

In der Ausstellung, an deren Hängung er bis zwei Tage vor der Eröffnung gearbeitet habe, hingen auch einige seiner Lieblingsbilder, sagte Gursky. "Le Mées", auch aus dem Jahr 2016, sei so ein Favorit. Es zeigt eine 70 Hektar große Photovoltaik-Anlage in Frankreich, in einer hügeligen Landschaft. "Die Ambivalenz umweltschonender Technik wird hier deutlich", sagte Museumsleiterin Marion Ackermann. Einerseits erstickten die Sonnenkollektoren den Boden in der Landschaft, andererseits seien sie selbst ein Kunstwerk und hätten sogar märchenhafte Züge: "Sie sehen aus wie ein großer Drache, der über die Hügel kriecht."

Ein halbes Jahr hat Gursky nach eigenen Worten an dem Bild gearbeitet, seine Fotografien immer wieder neu zusammengesetzt. Das findet die Kunsthistorikerin Ackermann typisch für ihn: "Ich kenne kaum einen Künstler, der so ringt um das zuletzt sehr verdichtete Bild."

Im Gegensatz zu allen bisherigen etwa 40 Gursky-Ausstellungen in internationalen Museen trägt diese einen Titel: "nicht abstrakt". Sie beschäftigt sich daher mit der Frage, inwiefern Fotokunst abstrakt sein kann. "Sie ist zunächst immer an den Gegenstand gebunden," sagt Gursky. Aber indem er seine Bilder zusammensetze, erschaffe er einen neuen, von den Gegenständen unabhängigen Eindruck der Welt, sagte der 61-jährige Künstler, der in Düsseldorf lebt und an der Kunstakademie lehrt.

Schnelles Bild vom Handy

Dabei sei er mit Künstlern der Romantik zu vergleichen, ergänzt Museumsleiterin Ackermann. "Auch sie malen etwas Erhabenes, das den Menschen überwältigt." Die Künstler der Romantik fänden dieses "Erhabene" meist in der Natur, Gursky dagegen oft in der Technik. Das Bild aus dem japanischen Kamiokande, einem kernphysikalischen Experiment in Japan in eineinhalb Kilometer Tiefe unter der Erdoberfläche, zeigt zwei Menschen in einem Boot. Winzig auf dem großformatigen Bild rudern sie durch eine technische Anlage, die durch ihre Goldtöne und Symmetrie eine ansprechende Schönheit hat. "Ich bin von der Malerei beeinflusst," sagte Gursky.

Zwei kleinformatige Bilder in der Düsseldorfer Ausstellung, die bis 6. November geöffnet ist, zeigen Nahaufnahmen von Gemälden von Vincent van Gogh und John Constable, gegenständliche Bilder, deren Ausschnitte aber abstrakt wirken.

Gegensätze schätzt Gursky auch in der Ausstellung selbst. Eigentlich sind seine Bilder, die zu den teuersten Fotokunstwerken der Welt gehören, großformatig. In Düsseldorf zeigt er aber auch kleinere Werke: "Ich finde das wohltuend, weil die Großformate mich sonst erschlagen würden." Und während er an Bildern wie "Amazon", "Beijing" vom Pekinger Olympiastadion oder einem Werk, das die Bühne der Düsseldorfer Band "Die Toten Hosen" zeigt, monatelang arbeitete, hat er ein kleines Bild von einer sandigen Fläche mit dem Handy fotografiert. Einmal abgedrückt und fertig. Auch das ist Fotokunst.

0

Leser-Kommentare öffnen

Bitte melden Sie sich erst an, um einen Kommentar zu verfassen
zum Login
Buchtipp
Buchtipp

Heidemarie Langer
Versteckte Geschenke
Kalendergeschichten von Advent bis Heilige Drei Könige

zur Detailseite
Buchtipp

Heidemarie Langer
Versteckte Geschenke
Kalendergeschichten von Advent bis Heilige Drei Könige

zur Detailseite
Per E-Mail empfehlen