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Immer samstags besucht die Diplom-Paädagogin Uta Spamer (Foto) mit ihrem Therapiehund Ole das Gießener Hospiz "Haus Samaria". Foto: epd-Bild
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Die Trauer der Tiere

14. November 2018

Affenmütter tragen ihre toten Babys herum, Elefanten verweilen an Kadavern von Gruppenmitgliedern. Immer wieder beobachten Wissenschaftler solch ein Verhalten bei Tieren. Ist das Trauer?

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Immer samstags besucht die Diplom-Paädagogin Uta Spamer (Foto) mit ihrem Therapiehund Ole das Gießener Hospiz "Haus Samaria". Foto: epd-Bild

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Gießen, Leipzig (epd). Mit einem Satz ist Hund Ole die Treppenstufen hochgehüpft, sein Frauchen Uta Spamer kommt kaum hinterher. "Ole geht total gern hierher", sagt die Diplom-Pädagogin. Immer samstags besucht sie mit ihrem Therapiehund das Gießener Hospiz. Ole, ein lustiges kleines Fellknäuel, muntert die sterbenskranken Menschen auf. Aber manchmal ist er auch dabei, wenn sie sterben. "Mein Gefühl ist: Er weiß, dass sie sterben", sagt Uta Spamer. Der Hund werde auffallend ruhig, verhalte sich ganz anders als sonst. "Für mich ist auch eine Frage: Wie geht der Hund mit Trauer um?"

Können Tiere überhaupt trauern oder interpretieren wir Menschen ihr Verhalten als Trauer? Bei Affen und Elefanten ist in der Forschung schon länger bekannt, dass sie besondere Verhaltensweisen zeigen, wenn Angehörige ihrer Gruppe sterben. Wissenschaftler beobachteten in Elefantenherden eine Art Totenkult. Die Tiere versuchten, das tote Gruppenmitglied aufzurichten, stupsten es an, kehrten zum Kadaver zurück. Elefanten verweilten oft an den Skeletten ihnen bekannter Tiere, schreibt der Verhaltensforscher Karsten Brensing in seinem Buch "Das Mysterium der Tiere".

Auch bei Schimpansen bemerkten Forscher ungewöhnliches Verhalten nach dem Tod von Gruppenmitgliedern. Sie hörten für einige Tage auf zu fressen. Einige Mütter trugen ihre bereits mumifizierten Babys lange mit sich herum. In der Schimpansen-Auffangstation Chimfunshi in Sambia filmten Biologen, wie eine Affenmutter immer wieder zu ihrem toten Kind geht, es untersucht und schließlich wegträgt.

Tiere tragen tote Jungtiere mit sich

Wale und Delfine zeigen ebenfalls etwas, das wie Trauer aussieht: Wissenschaftler um Melissa Reggente von der Universität Mailand sammelten Berichte über das Verhalten verschiedener Walarten bei Verlusten, darunter Orkas und Pottwale. Die Forscher dokumentierten Fälle, in denen erwachsene Tiere tote Jungtiere mit sich trugen.

Der Förster und Bestsellerautor Peter Wohlleben beschreibt in seinem Buch "Das Seelenleben der Tiere", wie eine Hirschkuh um ihr erschossenes Kalb trauere: Immer wieder kehre sie zu dem toten Kalb zurück. Sie rufe auch dann noch nach ihm, wenn der Jäger es längst abtransportiert habe. "Die Bindung von Hirschkuh zu Kalb ist so intensiv, dass sie nicht von einer zur anderen Sekunde aufgelöst werden kann. Die Hirschkuh muss erst langsam verstehen lernen, dass ihr Kind nun tot ist und dass sie sich von dem kleinen Leichnam lösen muss", schreibt er.

Julia Riedel ist Biologin am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass Großsäuger so etwas wie Trauer zeigen, anders kann man sich diese Verhaltensweisen nicht erklären", sagt sie. "Aber es gibt große individuelle Unterschiede." Manchmal beobachteten Wissenschaftler "ganz intensive Trauererscheinungen" wie bei der Walmutter, die ihr totes Junges lange mit sich trug. Ähnlich sei das ja beim Menschen: "Wir trauern ganz unterschiedlich."

Verstört und unglücklich

Die Wissenschaft ist sich uneinig über die Frage, ob Tiere wirklich trauern, oder ob wir Menschen bestimmte Verhaltensweisen nur so deuten. "Elefantenfriedhöfe" etwa, die alte Tiere zum Sterben aufsuchten, hätten sich als Mythos herausgestellt, schreiben britische Forscherinnen in einer Studie. Karen McComb, Lucy Baker, Cynthia Moss fanden aber bereits 2006 heraus, dass die von ihnen untersuchten afrikanischen Elefanten großes Interesse an den Schädelknochen ihrer eigenen Spezies zeigten. Sie konnten allerdings nicht die Knochen einer erst kürzlich verstorbenen Verwandten identifizieren.

Systematisches Trauerverhalten nachzuweisen ist schwierig. Oft handelt es sich um Zufallsbeobachtungen - "Anekdoten", wie Biologin Julia Riedel sagt. Die Leipziger Wissenschaftlerin erforscht das Sozialverhalten westafrikanischer Schimpansen: Die Tiere leben in großen Gruppen, teilen sich tagsüber auf, kommen abends zusammen, kennen die Individuen, kämpfen eine Rangordnung aus, sie leben in komplexen sozialen System. Wie wir Menschen. Und könnten vielleicht trauern wie Menschen.

Der niederländische Verhaltensforscher Frans de Waal spricht bei Tieren klar von Trauer. Die entstehe dann, wenn Tiere Beziehungen eingingen, Freunde hätten, sagte er der Deutschen Welle in einem Interview: "Immer, wenn es persönliche Bindungen gibt - egal ob zwischen zwei Katzen, einem Hund und einem Menschen oder einer Katze und einem Menschen, ist Trauern möglich." Wobei er einräumt, dass die Trauer der Tiere sich von der menschlichen unterscheide: "'Trauern wie Menschen' ist ein gewaltiger Ausdruck. Ich würde sagen, sie sind verstört und unglücklich."

Ole bleibt sitzen

Die Tiere spüren den Verlust und zeigen, dass sie den Toten vermissen. Das beobachten auch viele Haustierhalter. In Internetforen beschreiben Hundebesitzer, wie ihre Tiere reagieren, wenn zum Beispiel der Zweithund stirbt: Das überlebende Tier verhalte sich apathisch, winsele immer wieder, fresse wenig.

Auch Therapiehund Ole baut zu den Menschen, die längere Zeit im Gießener Hospiz leben, eine Beziehung auf. Uta Spamer will mit ihm eine Frau besuchen, die Ole gut kennt und mag. Sie bleibt vor der Zimmertür stehen - und erschrickt: Ein neuer Name steht an der Tür, die frühere Bewohnerin ist gestorben. Sie ruft ihren Hund, geht weg von der Tür. Doch Ole bleibt sitzen, ratlos, folgt seinem Frauchen schließlich, schaut sie immer wieder an. Es sei eine Form von Trauer, glaubt Spamer. Der Hund, sagt sie, gebe ihr aber auch das Gefühl zurück: "Es ist okay so, wie es ist. Es gehört dazu."

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Leser-Kommentare öffnen

Schallblech, 14. November 2018, 12:09 Uhr


Bei uns in der Nähe gibt es einen "Poesiepfad" mit thematisch wechselnden Gedichten in Schaukästen. Vierteljährlich wird nach dem Themenwechsel zu gemeinsamen Begehungen mit Lesung der Gedichte eingeladen.
Einer der Initiatoren und Mitarbeiter war gestorben. Beim nächsten Rundgang hielt jemand eine kurze Gedenkansprache. Die Witwe war mit ihrem Airdaleterrier anwesend. Als der Name des Verstorbenen fiel, heulte der Hund, von dem man sonst noch nie einen Ton gehört hatte, kurz auf. Zufall? Ich meine nein.
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Alwite, 14. November 2018, 20:18 Uhr


Natürlich wird man mich jetzt auslachen, aber dennoch schreibe ich, dass in mitten einem Eisbegonienbeet eine Ente stand und weinte. Als ich stehen blieb um dies Tierchen näher anzusehen um mich zu vergewissern, was mir auffällt, gesellten sich noch andere Spaziergänger dazu und wir kamen ins Gespräch. Ja, dieser Ente rannen wahrhaft Tränen aus den Äuglein, sie stand verloren da und bewegte sich in ihrer Trauer selbst um keinen Deut von der Stelle, als immer mehr Menschen dastanden und bei ihrem Anblick verhalten über sie sprachen. Dies eigentlich wildlebende Tier, werde ich nie vergessen.
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Erika Moers, 16. November 2018, 8:14 Uhr


Oh nein, zum Lachen ist das nicht; schon beim Lesen überkommt mich eine leichte Gänsehaut, und ich werde ganz still.
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