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Foto "Le Baiser de l’Hotel de Ville". Mit diesem Bild wurde Robert Doisneau berühmt. Foto: epd-Bild
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Die Poesie des Alltags

8. Dezember 2016

Seine poetischen Pariser schwarz-weiß Fotografien sind weltberühmt. Sie prägten das Image der französischen Metropole als "Stadt der Liebe". Nun sind die Bilder von Robert Doisneau erstmals in einer großen Ausstellung in Berlin zu sehen.

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Foto "Le Baiser de l’Hotel de Ville". Mit diesem Bild wurde Robert Doisneau berühmt. Foto: epd-Bild

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Berlin (epd). Ein junges Paar vor dem Rathaus der Stadt Paris, dem Hôtel de Ville: Die Frau hat den Kopf nach hinten gebogen, der Mann beugt sein Gesicht selbstvergessen über sie - ein leidenschaftlicher Kuss mitten auf dem Trottoir. Mit diesem Bild wurde der Fotograf Robert Doisneau (1912-1994) mit einem Schlag berühmt. Das wie ein Schnappschuss wirkende Foto war jedoch sorgfältig arrangiert und entstand 1950 für eine Reportage über die "Verliebten von Paris" für das US-amerikanische Magazin "Life".

Ganz anders das Bild einer jungen Braut in einem Pariser Vorort, die mit verzückt zusammengekniffenen Augen auf einer Wippe sitzt, die Beine weit von sich gestreckt, das weiße Brautkleid hochgeschoben - eine Momentaufnahme jungen Glücks. Aufnahmen wie diese machen die besondere Handschrift des Fotografen aus, der mit seiner Kamera die Poesie des Alltags einfing.

Mit rund 100 Aufnahmen aus der Zeit zwischen 1929 und 1967 gibt der Martin-Gropius-Bau in Berlin erstmals Einblick in das Werk von Robert Doisneau. Neben wenigen Beispielen von Auftragsarbeiten, die er für große Magazine wie "Vogue" oder "Life" fotografierte, zeigt die Schau vor allem seine Fotos der einfachen Menschen, auf die er in den Bars und Markthallen oder auf den Straßen in den Pariser Vororten traf. Direktor Gereon Sievernich: "Mit diesen Bildern tauchen wir ein in den Bauch von Paris, sie waren noch nie in Berlin zu sehen."

Pionier der Bildreportage

Die thematisch geordnete Schau zeigt Doisneau als Pionier der Bildreportage, der mit seiner Kamera genau beobachtet und dennoch respektvoll Distanz zu seinen Protagonisten hält. "Er liebte die Straße, das natürliche Licht, das flüchtige Leben und die Begegnungen mit den Menschen", erzählt Francine Deroudille, die Tochter des Fotografen und Ko-Kuratorin der Ausstellung. Das Bild des küssenden Paares vor dem Hôtel de Ville habe ihn später nicht mehr interessiert, berichtet sie, weil es ein Auftrag war.

Er arbeitete für die renommierte Bildagentur Rapho, fotografierte für Magazine. Doch in seiner Freizeit zog er mit seiner Kamera, einer Rolleiflex, durch die Pariser Vorstädte und fotografierte das normale Leben: spielende Kinder, eine fröhlich feiernde Hochzeitsgesellschaft, ein Paar, das selbstvergessen in die Nacht des französischen Nationalfeiertags hineintanzt, eine Akkordeonistin, die für die Schlachter aus der Markthalle musiziert.

Schriftstellerfreunde wie Jacques Prévert und Robert Giroud führten Robert Doisneau in Bars und Varietés, wo es ihm rasch gelang, das Vertrauen der Menschen zu erobern, so dass sie ihm offen begegneten. Wie der Mann, der ihm seinen mit Tätowierungen überzogenen Körper präsentiert. Dennoch hält er immer mit seiner Kamera respektvoll Distanz zu den Porträtierten. So in dem Bild einer jungen Frau, die in einem schulterfreien Abendkleid allein an einem Tisch sitzt und in sich gekehrt nach unten blickt, obwohl die Spiegel in ihrem Rücken eine lebhafte Atmosphäre verraten.

Stille Komplizenschaft

Oder der ältere Herr im Mantel, der sich in einem engen Gang angeregt mit einer barbusigen Varietétänzerin unterhält - der Blick des Fotografen ist humorvoll, doch nie macht er seine Protagonisten lächerlich. Häufig ist es sogar eine stille Komplizenschaft zwischen Fotograf und Fotografierten, die sich in den Bildern offenbart: In der Kamera treffen sich ihre Blicke für einen kurzen Moment.

Robert Doisneau, geboren 1912 in Gentilly im Südwesten von Paris, besuchte zunächst eine Berufsfachschule für Druck und Grafik und arbeitete dann in einem Studio für Werbefotografie. In den 1930er Jahren war er Industriefotograf bei den Renault-Werken in Billancourt. 1939 beendete er diese Tätigkeit und ging als selbstständiger Bildjournalist zu der renommierten Agentur Rapho.

Während des Zweiten Weltkriegs begann Doisneau den Alltag im besetzten Paris zu dokumentieren und hielt schließlich auch die Befreiung der Stadt und das wiedererwachende Leben in der französischen Metropole im Bild fest. Sein vielfach ausgezeichnetes Werk spiegelt alle Facetten eines Fotografenlebens. Doch seine Handschrift ist die des poetischen Realisten. Sie spiegelt sich in den liebevollen, häufig humorvollen Bildern von Gauklern, Musikern und anderen Kleinkünstlern sowie den berührenden Porträts von ganz normalen Menschen jenseits des Pariser Glamours, wie sie jetzt in Berlin zu sehen sind.

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