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Große Moschee in Touba, Senegal (Archivbild) Foto: epd-Bild
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Die heilige Stadt Touba: Senegals Mekka

22. Februar 2019

Touba ist das heimliche Herz Senegals und die Hochburg der islamischen Bruderschaft der Muriden. Hier begann auch Staatschef Macky Sall seinen Wahlkampf für die Präsidentenwahl am 24. Februar.

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Große Moschee in Touba, Senegal (Archivbild) Foto: epd-Bild

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Dakar (epd). Touba, gefühlte Temperatur am Mittag: 36 Grad. Vom großen Minarett tönt der Ruf des Muezzins "Allahu Akbar". Die Menschen strömen über den riesigen Vorhof aus Marmor in die Moschee. Vor dem Tor ziehen sie ihre Schlappen aus, nehmen sie in die Hände oder stecken sie in die Tasche. Frauen tragen bunte Schleier, Männer lange farbige Kaftane.

Es ist die größte Moschee Schwarzafrikas, umgeben von Mausoleen. Die fünf Minarette und die blauen und pistaziengrünen Kuppeln sind schon von weitem sichtbar, Keramikmosaike zieren die Wände. Hier starb 1927 der Begründer der Muriden-Bruderschaft, Scheich Amadou Bamba.

Die Muriden gehören einer mystischen Richtung des Islam an, dem Sufismus. Die Bruderschaft ist bekannt für ihr Arbeitsethos und hat eine bedeutende wirtschaftliche Macht. Senegal ist zu 94 Prozent muslimisch, die Gläubigen sind Mitglieder in unterschiedlichen Bruderschaften. Die Muriden-Bruderschaft ist mit geschätzten drei bis vier Millionen die zweitgrößte. Mehr als ein Drittel der Senegalesen sind Muriden, darunter Staatschef Macky Sall und der vorige Präsident Abdoulaye Wade.

"Staat im Staate"

Touba ist das heimliche Herz Senegals. Für die Muriden ist die zweitgrößte Stadt des westafrikanischen Landes "die Glückliche", ein "blühender Baum im Garten des Paradieses". Andere hingegen kritisieren einen "Staat im Staate". Der erste Gang jedes neu gewählten Präsidenten führt nach Touba. Macky Sall begann seinen Wahlkampf für die Präsidentschaftswahl am 24. Februar in der heiligen Stadt.

Mit dem Segen des "Grand Khalif" und nach Begegnungen mit den bedeutendsten Marabouts hofft Sall, die Stimmen für ein zweites Mandat zu erhalten. "2012 habe ich meine Kampagne in Touba begonnen", erklärte Sall zum Wahlkampfauftakt am 3. Februar, "das ist wichtig wegen der Bedeutung der Muriden, aber ich habe auch eine persönliche Beziehung zur Familie in Touba."

Während seiner Amtszeit entstand die Autobahn nach Touba, sie verbindet die Stadt mit der 160 Kilometer entfernten Hauptstadt Dakar - finanziert und gebaut wurde sie von China. Im Falle einer Wiederwahl verspricht Sall der Stadt einen Flughafen und eine Industriezone.

General-Kalif der Muriden

Anders als früher gibt der Kalif als oberster Führer der Muriden aber keine Wahlempfehlungen mehr, ruft nur dazu auf, dass die Wahl friedlich verlaufen möge. Der General-Kalif der Muriden gilt als einflussreichste Persönlichkeit des Landes, heißt es in einer Analyse der Konrad-Adenauer-Stiftung von 2017.

Im Inneren des Mausoleums von Scheich Amadou Bamba knien Frauen vor dem Grabmal, Männer rezitieren Koransuren. Viele singen inbrünstig, fast in Trance. Auch für Touristen gelten strenge Bekleidungsregeln. Für Frauen sind Kaftan und Schal auf dem Kopf Pflicht, Hosen sind nicht erlaubt. Tabak und Alkoholgenuss sind in der ganzen Stadt streng verboten.

Tausende von Gedichten

Immer wieder ertönen Gesänge. Amadou Bamba hat Tausende von Gedichten geschrieben, seine Bücher befinden sich in der Bibliothek der Moschee. Die Gläubigen kennen viele auswendig, singen die typischen Muridengesänge.

Bamba, 1853 im Senegal geboren, gründete die Bruderschaft 1883. Zweimal wurde er von den französischen Kolonialherren verbannt, weil diese seine Macht fürchteten. 1907 kehrte er aus dem Exil in Gabun in sein Heimatland zurück, 20 Jahre später starb er. An der Stelle wurde die Moschee errichtet.

Jedes Jahr pilgern 40 Tage nach dem islamischen Neujahr mindestens zwei Millionen Menschen nach Touba zum "Magal", dem "Großen Treffen" zu Ehren von Amadou Bamba. Tagelanges Beten und Singen versetzt die frommen Volksmassen in Verzückung.

Lobgesänge auf die Stadt

Auch Künstler singen Lobgesänge auf die Stadt Touba und ihre spirituellen Führer, darunter der senegalesische Superstar Youssou N'Dour. Er wurde von Präsident Sall zum Berater mit Ministerstatus ernannt, begleitet ihn auf Wahlkampfmeetings und legte seinen Song "Touba" neu auf: Der Videoclip zeigt die neue Autobahn "Ila Touba".

Der in Senegal bekannte Sänger Cheik Lo gehört auch zur Bruderschaft. Der 63-Jährige ist eine außergewöhnliche Erscheinung: Er trägt bunte oder auch schwarz-weißes Gewänder, die von einem schwarzen breiten Gürtel gehalten werden. Seine Dreadlocks stecken unter einer Wollmütze mit langen Zipfeln. Es ist die Tracht der Muridensekte Bayefall, bei deren Zeremonien die Musik eine wichtige Rolle spielt.

Lukrativer Erdnusshandel

"Die Philosophie des Meisters war: Bete zu Gott, als ob du morgen stirbst. Und arbeite, als ob du nie sterben wirst", so erklärte Cheik Lo einmal das Denken der Muriden. Die ausgeprägte Arbeitsethik hat die Muriden zur wichtigsten wirtschaftlichen Macht im Land gemacht. Der lukrative Erdnusshandel wird vorwiegend von ihnen kontrolliert. Unzählige Busse und Taxis, Handwerksbetriebe, Telecenter, Lebensmittelgeschäfte und große Teile des informellen Sektors arbeiten im Namen von Amadou Bamba. Der Stadt sieht man den Reichtum an. Die breiten Straßen sind geteert, es gibt richtige Gehwege und sogar Mülleimer.

Tatsächlich endet die Herrschaft der senegalesischen Regierung faktisch vor den Toren Toubas. Es gibt keine Polizei, niemand zahlt Steuern. Selbst die vielen bettelnden Straßenkinder im Land werden teilweise von Touba aus geleitet: Die sogenannten "Talibé" sind Schüler der Marabouts. Die Marabouts werden als eine Art Heilige betrachtet, die Gläubigen bringen ihnen Gaben, Nahrung, Geld, Geschenke.

Trotz vieler Versuche, die Jungen zu ihren Eltern oder wenigstens in die Koranschulen zurückzubringen, traut sich kaum ein Politiker, sich öffentlich den Marabouts zu widersetzen. Kein Politiker in Dakar hat eine Chance, länger an der Macht zu bleiben, wenn ihm diese Segen und Anerkennung verweigern: Der Umweltminister blieb nicht im Amt, nachdem er die Sonder-Erlaubnis zum Holzschneiden wegen des "Magal" nicht sofort erteilt hatte.

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