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Der Film "Foxtrot" kommt in die Kinos
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Der verfahrene Konflikt

12. Juli 2018

Der israelische Filmemacher Samuel Maoz hat mit seinem kriegskritischen Debüt "Lebanon" 2009 den Goldenen Löwen in Venedig gewonnen. In seinem neuen Film "Foxtrot" widmet er sich dem Tod eines Soldaten und den Brüchen im Selbstbild der Israelis.

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Der Film "Foxtrot" kommt in die Kinos

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Frankfurt a.M. (epd). Die Frau, die eben die Tür geöffnet hat, schaut voller Entsetzen auf diejenigen, die vor ihr stehen. Dann kippt sie ohnmächtig um. Draußen vor ihr stehen Soldaten der israelischen Armee, die den Feldmanns die Nachricht überbringen, dass ihr Sohn Jonathan ums Leben gekommen sei. In Erfüllung seiner Pflicht und während seines Dienstes am Vaterland, den er an einer einsamen Schranke im Wüstenniemandsland versah - einem jener zahllosen Checkpoints, die neben der Mauer, die Israel vom Westjordanland trennt, die desolate Situation dieser Weltgegend augenscheinlich machen.

Foxtrott ist ein Standardtanz, der auf dem Parkett die Form eines Vierecks beschreibt: zwei Schritte vor, einen zur Seite; zwei Schritte zurück, einen zur Seite, und so fort; am Ende ist der Tanzende wieder dort, wo er angefangen hat. Simpel, aber auch ausweglos - wie der Nahostkonflikt. "Foxtrot" heißt auch der neue Film von Samuel Maoz.

Bewegung bei Stillstand

Die Bewegung bei gleichzeitigem Stillstand gibt ihm den Titel und beschreibt zugleich die Verfassung seines Gegenstands: Gemeint ist eine individuelle und eine strukturelle Verfassung, die Gemütslage des Einzelnen sowie die Staatsmentalität, Leute und Land. Gefangen in Hass und Trauma, Aggression und Schuldzuweisung, schlechtem Gewissen und Angst. Zunehmend eingeengt, mit schwindender Hoffnung und vom Untergang bedroht wie die Baracke der Soldaten in der Wüste, die im Sumpf zu versinken droht.

Nach "Lebanon" (2009) ist "Foxtrot" erst der zweite Spielfilm des 1962 in Tel Aviv geborenen Maoz. "Lebanon", bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Goldenen Löwen prämiert, verarbeitete Erfahrungen, die der Filmemacher als 20-jähriger Panzerkanonier im Libanonkrieg 1982 gemacht hatte. Die dafür gewählte filmische Form - das Innere eines Panzers ist einziger Handlungsort, wodurch sich Klaustrophobie und Orientierungslosigkeit dem Publikum mitteilen - kündete nicht nur vom Stilwillen eines Künstlers, sondern auch von der Angriffslust eines kritischen Intellektuellen.

Blinde Flecken in der Familiengeschichte

Mit "Foxtrot" adressiert Maoz die Tabuthemen seines Heimatlandes neuerlich: den Schuldkomplex der Holocaust-Überlebenden; die blinden Flecken in den Herkunfts- und Familiengeschichten; die Sprachlosigkeit über vergangene Schrecken und die undenkbaren Analogien, die daraus für die Gegenwart folgen. Dabei denkt er in psychosozialen Dimensionen, die er um den politischen Kontext erweitert. Die geschilderten Einzelschicksale lassen sich auch stellvertretend lesen.

Die dafür nötige Abstraktion erreicht Maoz, indem er Distanz herstellt; beispielsweise wenn er die Kamera über dem Geschehen schweben lässt wie das göttliche Auge. Er erreicht sie, indem er die Langsamkeit und das Schweigen betont und dadurch Handlungen und Worte hervorhebt. Er erreicht sie vor allem über den Einsatz von Symbolen - eine aus dem Vernichtungslager gerettete hebräische Bibel wird gegen ein Herrenmagazin eingetauscht - und einer symbolischen Ordnung: die blitzsaubere Wohnung der Eltern hier, die schlammverkrustete Barackenunterkunft der Soldaten dort.

"Foxtrot" ist eine meisterlich und präzise konzipierte Analyse der gesellschaftlichen Gegenwart Israels. Für die Feldmanns - Dafna wie gelähmt, Michael in Trauer und Wut - nimmt das Schicksal am Ende eine unverhoffte Wendung.

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