hg
Bild vergrößern
Der Berner Germanist Oliver Lubrich vor einer frühen Ausgabe der Pflanzengeographie von Alexander von Humboldt. Foto: epd-Bild
Buchtipp

Holger Pyka
Versteht man, was du liest?
Praxisbuch für den Gottesdienst

zur Detailseite

Anzeige

Der unbekannte Humboldt-Schatz

16. Juli 2019

Am 14. September wäre Alexander von Humboldt 250 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass erscheinen jetzt erstmals die "Sämtlichen Schriften" des Naturforschers. Ein Wissenschaftlerteam hat sie über Jahre auf der ganzen Welt gesammelt.

Bild vergrößern
Der Berner Germanist Oliver Lubrich vor einer frühen Ausgabe der Pflanzengeographie von Alexander von Humboldt. Foto: epd-Bild

Anzeige

Bern (epd). Wenn Oliver Lubrich auf seinem Schreibtisch an der Uni Bern das "Tableau physique" der Anden anschaut, dann sieht er nicht nur Alexander von Humboldts (1769-1859) berühmtestes Naturgemälde. Auf dem Tableau sind die Namen von Pflanzen wie eine Schraffur auf den Querschnitt des südamerikanischen Gebirgszugs eingetragen, jeweils auf der richtigen Höhe und neben benachbarten Pflanzen. "Das ist einerseits künstlerisch-ästhetisch, andererseits ein genauer wissenschaftlicher Datenträger: eine Infographik." Für Lubrich nur ein Beispiel dafür, wie modern Humboldt ist - auch wenn sein Geburtstag sich am 14. September schon zum 250. Mal jährt.

Sechs Jahre lang haben Lubrich und ein internationales Team unter seiner Leitung nach größtenteils vergessenen Texten des Natur- und Kulturforschers gesucht. Sie fanden 3.600 Artikel, Aufsätze und Briefe, die zu Humboldts Lebzeiten veröffentlicht wurden. 95 Prozent der "Sämtlichen Schriften" aber, die dtv am 19. Juli in zehn Bänden veröffentlicht, wurden nach Humboldts Tod nie wieder gedruckt. Ein vielfältiger Schatz, denn der Gelehrte war der wahrscheinlich internationalste Publizist seiner Zeit: Er veröffentlichte Texte in Bombay und Sydney, aber auch in Bogotá und Boston.

Viele neue, bisher ungekannte Facetten

In ihnen sind viele neue, bisher ungekannte Facetten des vermeintlich bekannten "Vermessers der Welt" und "Erfinders der Natur" verborgen. So zeigten gerade seine frühen Schriften, dass Humboldt anders als oft behauptet nicht etwa der letzte Universalgelehrte, sondern der vielleicht erste interdisziplinär arbeitende Wissenschaftler war: Getrennte Einzelwissenschaften führte er wieder zusammen.

"Was wir heute wieder entdecken, das ist diese vollkommen kreative, unerwartete Fähigkeit, Botanik mit Migration zusammen zu denken, oder sozioökonomische Faktoren mit meteorologischen, um dann den Klimawandel zu begreifen", erklärt Lubrich. Die fächerübergreifenden Fragen und Lösungswege machten Humboldt besonders aktuell - schließlich ließen sich auch heutige Fragestellungen nur derart lösen. Zugleich zeige sich selbst in seinem ersten bekannten Text, den er als 19-Jähriger schrieb, schon der Aufklärer Humboldt, der Kritiker der Kirche, der Anti-Kolonialist.

Texte gescannt, transkribiert und textkritisch korrigiert

Mit seinen Schriften in Zeitungen und Zeitschriften erlangte Humboldt Weltruhm. Und den nutzte er. Auch das zeigen seine Schriften, etwa sein Plädoyer für die Emanzipation der Juden in der "Neuen Speyerer Zeitung". "In einem als offener Brief an die preußische Regierung formulierten Text legt er Einspruch gegen die Versuche ein, diese Emanzipation zurückzudrehen", sagt Lubrich und ergänzt: "In seinen Schriften zeigt sich Humboldt noch viel mehr als politischer Intellektueller als in seinen Büchern." Dass er damit anecken könnte, befürchtete der Gelehrte offenbar nicht: "Man muss vor allem den Mut zu einer Meinung haben", schrieb Humboldt.

So spannend die Texte sind, so wenig glamourös war die Arbeit, die Lubrich und sein Team leisten mussten. "Wir haben Hunderte Periodika durchsucht, Seite für Seite", erinnert sich der Berner Professor für Neuere Deutsche Literatur und Komparatistik. In Humboldts Büchern, Texten, Briefen suchten sie nach Stellen, in denen der Forscher sich selbst zitierte oder auf irgendeine andere Arbeit bezog. "Und auf diese Weise wuchs das Material immer mehr an, viel stärker, als wir vermutet hätten." Jeder einzelne Text wurde gescannt, transkribiert, textkritisch korrigiert. Viele der in insgesamt 15 Sprachen verfassten Schriften wurden erstmals übersetzt.

Humboldt war ein Weltbürger

"Wir haben sie auch kommentiert, das heißt, mit einem Team internationaler Experten aus verschiedenen Naturwissenschaftlern versucht, die Texte wieder zugänglich zu machen", berichtet Lubrich. Geologen, Geografen, Klimawissenschaftler stellten die nötigen Zusammenhänge her, um die Texte von einst lesbar zu machen - etwa in den Transversalkommentaren, die thematisch unter 21 Leitfragen durch die Schriften führen. Sogar ein Hörbuch gibt es: eine mehr als zehn Stunden währende Feature-Bearbeitung des Stoffs, spannend wie ein Krimi, mit einem brillanten Ulrich Noethen als Humboldt.

Dass der große Gelehrte in seinen Schriften so modern daherkommt, mag auch an seiner Biografie liegen. "Alexander von Humboldt hatte das, was wir heute einen Migrationshintergrund nennen würden", sagt Lubrich. Die Familie der Mutter floh aus Frankreich, auf Französisch und Deutsch schrieb Alexander später über indigene Völker und die neue Welt. "Er war ein transnationaler Autor, umso erstaunlicher ist, wie sehr er bis heute national vereinnahmt wird." Die Schriften zeigen auch: Der vielsprachige und kosmopolitische Humboldt war weniger Preuße als vielmehr ein Weltbürger.

Per E-Mail empfehlen