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Im sogenannten Druckraum des Vereins für Gefährdetenhilfe in Bonn können sich Abhängige unter medizinischer Aufsicht Heroin spritzen. Foto: epd-Bild
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Damit Junkies überleben

20. Juli 2018

Mehr als 1.000 Menschen sterben jedes Jahr am Konsum illegaler Drogen. Ihre Zahl zu reduzieren, ist das Ziel der Drogenersatztherapie. Doch immer weniger Ärzte sind bereit, sie zu praktizieren.

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Im sogenannten Druckraum des Vereins für Gefährdetenhilfe in Bonn können sich Abhängige unter medizinischer Aufsicht Heroin spritzen. Foto: epd-Bild

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Frankfurt a.M. (epd). Der Drogenersatztherapie gehen die Ärzte aus. "Das ist ein bundesweites Problem", sagt der Suchtexperte Ralf Gerlach. Nach Angaben des stellvertretenden Leiters des Instituts zur Förderung qualitativer Drogenforschung, akzeptierender Drogenarbeit und rationaler Drogenpolitik (INDRO) in Münster seien immer weniger Ärzte bereit, Drogenabhängigen Ersatzstoffe zu verschreiben und sie dabei ärztlich zu begleiten. Viele, die das tun, gehen bald in Rente. Noch sind es rund 2.500 Ärzte, die "substituieren". 2007 waren es noch knapp 2.800.

"Gedenktag für verstorbene Drogengebraucher"

Vor 30 Jahren begann der eher zaghafte Start der Drogenersatztherapie in Deutschland. Am 1. März 1988 erhielten die ersten Heroinabhängigen in Nordrhein-Westfalen legal Levomethadon aus der Apotheke. Kurz danach folgten Frankfurt am Main und Hamburg. Immer mehr Drogenabhängige ließen sich in der Folge substituieren. 2002 waren es bereits 46.000, aktuell liegt die Zahl laut Substitutionsregister bei knapp 80.000.

Ziel der Substitutionstherapie ist es, mit der Abgabe sauberen Stoffs und mit therapeutischer Begleitung die Zahl der Drogentoten zu reduzieren. Im vergangenen Jahr starben nach Angaben der Bundesregierung 1.300 Menschen am Konsum illegaler Drogen. An sie erinnert jedes Jahr am 21. Juli der "Internationale Gedenktag für verstorbene Drogengebraucher".

Michael Wefelnberg, Suchtmediziner aus dem nordrhein-westfälischen Hünxe, substituiert bereits seit 24 Jahren. Er und seine Kollegen vom Medizinischen Versorgungszentrum "Ärzte am Niederrhein" betreuen aktuell 150 Patienten an den drei Standorten Hünxe, Dinslaken und Bruckhausen. "Sucht ist eine schwere chronische Krankheit und Heilung eher unwahrscheinlich." Abstinenz ist daher aus seiner Sicht oft überhaupt nicht erreichbar.

Wenn es aufgrund des Rückgangs der Zahl qualifizierter Suchtmediziner nicht gelinge, Substitutionswillige in eine Behandlung zu vermitteln, könne das für die Betroffenen lebensgefährlich werden, sagt der Frankfurter Suchtforscher Heino Stöver. Denn wer zu lange auf einen Behandlungsplatz warten müsse, dem drohe der Rückfall in den Konsum illegaler Substanzen. Der Vorstand des "Bundesverbands für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik" appelliert deshalb, überall dort, wo es nicht genügend Substitutionsärzte gibt, Ambulanzen einzurichten. "Die Kassenärztlichen Vereinigungen haben hier einen Sicherstellungsauftrag", sagt er.

Raphael Gaßmann, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), sieht die Situation sehr kritisch. Rund 7.000 Ärzte in Deutschland haben sich nach seinen Kenntnissen zwar suchtmedizinisch qualifiziert und dürfen also Opioidabhängige betreuen. Aber laut Substitutionsregister des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte bieten aktuell nur knapp 2.500 Ärzte in Deutschland eine Substitutionstherapie an. "Viele möchten nicht, dass lauter Drogenabhängige in ihrem Sprechzimmer sitzen", erklärt Gaßmann. Vor allem in Ostdeutschland gebe es ein "großes Substitutionsloch". Und deutschlandweit konzentriere sich Substitution auf Ballungszentren.

Mediziner suchen Nachfolger

Weil es an Substitutionsärzten mangelt, ist es schwierig, Nachfolger zu finden, bestätigt Rainer Schohe, der seit 14 Jahren substituiert und vor sechs Jahren die Schwerpunktpraxis "Supra" für Abhängige aus der Region Würzburg aufgebaut hat. Aktuell werden hier 130 Patienten mit der Ersatztherapie behandelt. 60 Prozent dieser Männer und Frauen sei es aufgrund der Substitution möglich, wieder ihrem Beruf nachzugehen. Bei jedem fünften Patienten handelt es sich um eine Mutter.

Wer diese Patienten in Zukunft betreuen wird, ist noch unklar. "Seit zwei Jahren suche ich intensiv nach einem Nachfolger, bisher ohne Erfolg", sagt der Mediziner, der Ende des Monats 65 Jahre alt wird.

Der Gesetzgeber hat versucht, die Drogenersatztherapie zu erleichtern. Seit einer Gesetzesnovelle im Oktober kann ein Patient ein Rezept für einen ganzen Monat bekommen. Bisher mussten die Patienten spätestens einmal in der Woche ihr Rezept abholen. Doch diese Verbesserung nützt nur wenig, wenn es an Ärzten fehlt, die die Rezepte ausstellen.

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