hg
Bild vergrößern
Bauer Kwasi Gada baut in der Volta Region im Osten Ghanas Cashews an. Foto: epd-Bild
Buchtipp

Heidemarie Langer
Versteckte Geschenke
Kalendergeschichten von Advent bis Heilige Drei Könige

zur Detailseite

Anzeige

Cashew ist der neue Kakao

11. November 2019

In Ghana bauen viele Bauern neuerdings Cashew anstelle von Kakao an. Grund ist der Klimawandel: Cashewbäume gelten als besonders resistent. Die deutschen Entwicklungshelfer von der GIZ setzen seit zehn Jahren auf den Sektor, der regelrecht boomt.

Bild vergrößern
Bauer Kwasi Gada baut in der Volta Region im Osten Ghanas Cashews an. Foto: epd-Bild

Anzeige

Accra (epd). Die Luft im Regenwald ist feucht und süß und macht das Atmen schwer. Doch Daniel Obeng stört das nicht. Jeden Tag ist der 65-jährige mit seiner Frau hier, auf seinem Stück Land im Regenwald im Osten Ghanas. Dort pflegt er Kakaofrüchte, die an den Bäumen langsam erröten, bis sie reif sind. Dann schlägt Obeng sie mit einer Machete vom Baum, öffnet mit wenigen kunstvollen Hieben die Schale und legt die Bohnen zum Fermentieren unter Bananenblätter. Seit zwölf Jahren macht er das so.

Doch in jüngster Zeit hat Obeng Sorgen: Das Wetter, sagt er, ist unvorhersagbar geworden. "Eigentlich wäre gerade Trockenzeit, aber es regnet - das Wetter ist generell nicht mehr so, wie es früher war." Weil Kleinbauern wie Obeng, die für das Gros der ghanaischen Kakaoernte sorgen, nicht künstlich bewässern, hat das Folgen: Ein Kilo roher Kakaobohnen bringt dem Bauern etwa 1,20 Euro ein. Jede im Starkregen verrottete Frucht, jede in der Dürre vertrocknete Pflanze reduziert sein ohnehin schmales Budget. Die Folge: Viele Bauern entscheiden sich mittlerweile gegen Kakao.

Fettarmer Nuss-Ersatz

Zu ihnen gehört Ruben Kwasi Gada. Strahlend steht der 42-jährige Vater von sechs Kindern im Schatten eines Baums, der sein Leben verändert hat, wie er sagt. An den grünen Zweigen hängen Cashew-Äpfel, quittenartig geformte Früchte, an deren Unterseite eine harte Kapsel wächst. Darin versteckt sich das eigentliche Exportgut: Der Cashew-Kern, der als fettarmer Nuss-Ersatz und in der veganen Küche weltweit so gefragt ist wie nie. Und die Bauern in der Volta-Region im Osten Ghanas sollen - und wollen - liefern.

"Noch vor drei Jahren wussten wir zwischen Pflanz- und Erntezeit oft nicht, wovon wir leben sollten", erinnert sich Gada. Heute geht es ihm gut: Alleine mit Cashew-Stecklingen hat er im vergangenen Jahr mehr als 800 Euro verdient. Die Cashewkerne, die er in diesem Jahr erstmals ernten kann, bringen zusätzliches Geld. Das Beste aber, findet Gada: "Der Regen ist unzuverlässig, mal kommt er, mal kommt er nicht - andere Pflanzen leiden darunter, aber der Cashew ist das völlig egal."

Cashewboom sei nachhaltig

Jerry Anim, der für Ghanas Landwirtschaftsministerium arbeitet, hält den Cashewboom für nachhaltig. Ihm zufolge ist es gut möglich, dass die auf offenem Feld wachsenden Bäume mit den breiten Wurzeln und dem kühlenden Blätterdach die Kakaoproduktion auf lange Sicht ersetzen werden. "Es ist wirtschaftlicher, Cashew statt Kakao zu produzieren - alleine schon deshalb, weil man, anders als beim Kakao, nicht düngen oder spritzen muss."

Das Hauptmotiv aber, sagt Anim, ist der Klimawandel: "Kaum eine Pflanze wird vom Klimawandel derart beeinträchtig wie der Kakao, in der Voltaregion gab es früher überall Kakao-Plantagen - heute finden Sie hier kaum noch eine."

Vom eigenen Erfolg überrascht

Ermöglicht hat den Cashewboom zu einem guten Teil die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ). Rita Weidinger ist seit 15 Jahren im Cashew-Sektor aktiv und vom eigenen Erfolg überrascht. "Wenn ich mir die Produktionskurve in Ghana angucke, dann ist das seit 2009 eine fast zehn Mal so hohe Produktion wie die, die wir damals vorausberechnet haben." In sechs westafrikanischen Ländern hat die "ComCashew" getaufte GIZ-Initiative 530.000 neue Jobs geschaffen, drei Viertel davon für Cashew-Bauern wie Ruben Kwasi Gada.

Daps Abimbola, der in seinen Gewächshäusern Cashew vorzieht und in einer wöchentlichen Radioshow Fragen rund um die Pflanze beantwortet, sieht noch viel schlummerndes Potenzial. "Wir haben erste Tests mit Drohnen begonnen, die Cashew-Anpflanzungen kartieren", berichtet er begeistert. Anhand der Luftbilder ließen sich Böden analysieren, Krankheiten oder Schädlinge frühzeitig erkennen und der zeitige Gehölzschnitt sicherstellen. "Außerdem kann der Bauer die Bäume zählen und überlegen, auf welchen Flächen noch Pflanzungen möglich sind."

Der Kern ist ein Luxusprodukt

Der Brasilianer Patricio Assis hat eine moderne Fabrik in Ghana gebaut, in der Cashews weiterverarbeitet werden: Dort werden die harten Schalen geknackt, das darin enthaltene Öl abgeführt, die edlen Kerne gereinigt, sortiert, vakuumiert und verschickt - auch nach Deutschland. "Ein Großteil des Rohmaterials kommt heute aus Afrika, da war es nur konsequent, hier eine Fabrik aufzubauen", findet Assis. Rund 200 Frauen stehen hier im Schichtbetrieb an den Förderbändern.

Für Ghana als Volkswirtschaft bietet die Cashew-Produktion eine große Chance, erst recht, wenn die wertsteigernde Veredlung vor Ort stattfindet. Der Kern ist ein Luxusprodukt, dessen Preis jährlich steigt. Vor wenigen Jahren, erinnert sich Assis, waren die Kerne in ihrer Schale noch für fünf Eurocent pro Kilo zu haben. Heute erhalten Bauern wie Ruben Kwasi Gada auch schon mal zwei Dollar, je nach Lage am Weltmarkt. Vietnam, Indien und die Elfenbeinküste sind die Hauptproduzenten, Ghana liegt mit 80.000 Tonnen Jahresproduktion - einem Elftel der vietnamesischen - noch zurück, holt aber auf.

Schokolade könnte bald teurer werden

Dagegen geht die Kakaoproduktion in dem westafrikanischen Land kontinuierlich zurück: Die erwartete Ernte liegt in diesem Jahr bei 850.000 Tonnen Kakaobohnen, ein Minus von sechs Prozent. Die Gründe: Trockenheit und Krankheiten. Noch ist Ghana zweitgrößter Kakao-Exporteur der Welt, doch wenn der Abwärtstrend weiter anhält, könnte Kakao bald knapper werden - und Schokolade teurer.

Bauer Gada ist froh, auf Cashew umgesattelt zu haben: Die Bäume brauchen kaum Pflege, und in ihrem Schatten gedeihen Bohnen und Mais, Paprika und Tomaten viel besser als auf dem offenen Feld. Wäre das nicht auch etwas für Daniel Obeng, den 65-Jährigen, der im Regenwald so mühsam Kakao anbaut? Er zuckt mit den Schultern. Wenn der Klimawandel ihn zwinge, dann werde er darüber nachdenken, sagt er. Gut möglich, dass das schon bald der Fall sein wird.

0

Leser-Kommentare öffnen

Bitte melden Sie sich erst an, um einen Kommentar zu verfassen
zum Login
Buchtipp
Buchtipp

Heidemarie Langer
Versteckte Geschenke
Kalendergeschichten von Advent bis Heilige Drei Könige

zur Detailseite
Buchtipp

Heidemarie Langer
Versteckte Geschenke
Kalendergeschichten von Advent bis Heilige Drei Könige

zur Detailseite
Per E-Mail empfehlen