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Psychodelische Plakatkunst in der San-Francisco-Ausstellung der Bundeskunsthalle Foto: epd-Bild
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Kalifornische Träume und Alpträume

11. September 2019

Kalifornien und insbesondere San Francisco ist seit 400 Jahren ein Sehnsuchtsort für Einwanderer aus aller Welt. Die Bundeskunsthalle in Bonn porträtiert eine Stadt, in der Traum und Alptraum dicht beieinanderliegen.

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Psychodelische Plakatkunst in der San-Francisco-Ausstellung der Bundeskunsthalle Foto: epd-Bild

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Bonn (epd). Das Leben pulsiert auf San Franciscos Market Street: Kabelstraßenbahnen und Automobile rattern über die Fahrbahn. Dazwischen kreuzen Pferdefuhrwerke. Nur wenige Tage später, am 18. April 1906, ist es vorbei mit dem munteren Treiben. Ein heftiges Erdbeben legt die Stadt in Schutt und Asche. Traum und Alptraum liegen nahe beieinander in der kalifornischen Metropole, die seit vier Jahrhunderten Einwanderer aus aller Welt anzieht. Die Bundeskunsthalle widmet San Francisco ab Donnerstag eine Ausstellung, die zeigt, wie die Impulse dieser Stadt mit ihren sozialen und technischen Revolutionen bis heute in die ganze Welt ausstrahlen.

San Francisco steht für Goldrausch, die Hippie-Bewegung, aber auch Hightech aus dem Silicon Valley. Unter dem Titel "California Dreams. San Francisco - ein Porträt" zeichnet die Bundeskunsthalle bis zum 12. Januar nach, wie sich die besondere Dynamik dieser Metropole entwickeln konnte. Zu sehen sind zahlreiche historische und ethnologische Objekte sowie Gemälde, Fotografien und Filmmaterial - von Steve Jobs' Jeans bis zu kunsthandwerklichen Objekten der kalifornischen Ureinwohner.

Liberales Image

Am Anfang stehen Gemälde, die den Ursprung der Metropole als spanischer Militärstützpunkt und Missionsstation San Francisco de Asis zeigen. Zweimal wechselte das Gebiet den Besitzer. 1821 wurde Kalifornien mexikanische Provinz, bis es 1848 nach dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg den USA zufiel.

Im gleichen Jahr wurde erstmals Gold entdeckt und es setzte ein rauschhafter Einwanderungsstrom aus aller Welt ein. Vor allem Deutsche, die sich nach der Revolution von 1848 in Sicherheit bringen mussten, strömten in die wachsende Stadt. Um 1900 war ein Viertel der Bevölkerung deutschsprachig. Viele Revolutionäre und Sozialisten, die in Europa wegen ihrer politischen Ansichten verfolgt wurden, fanden hier ihre neue Heimat. "Deshalb hatte San Francisco von Anfang an ein liberales Image", sagt Kuratorin Henriette Pleiger.

Viele Einwanderer konnten hier ihren amerikanischen Traum verwirklichen. Für die Ureinwohner war die europäische Invasion ein Alptraum. Nach der Besiedlung Kaliforniens durch die Europäer dezimierte sich die Zahl der indigenen Bevölkerung innerhalb weniger Jahrzehnte von 300.000 auf rund 30.000. Die Ausstellung wirft ein Schlaglicht auf Ishi, den letzten Angehörigen des systematisch ausgerotteten Stammes der Yahi. Der Mann wurde 1911 von der Polizei aufgegriffen und dem Kurator des Anthropologischen Museums der Universität von Kalifornien übergeben. Dort dokumentierten die Ethnologen mit seiner Hilfe die Kultur seines Stammes.

Während sich in San Francisco einerseits die Hoffnungen und Träume vieler Einwanderer erfüllten, blieben andere auf der Strecke. Schon immer hatte die Stadt neben ihrer offenen und liberalen auch eine abweisende und rassistische Seite. Letztere bekamen vor allem asiatische Einwanderer zu spüren. Nachdem chinesische Immigranten die Fertigstellung der transkontinentalen Eisenbahn ermöglicht hatten, schlug ihnen Ablehnung entgegen. 1882 wurde die Einwanderung von Chinesen mit dem "Chinese Exclusion Act" gestoppt.

Traumatische Einwanderungserfahrungen

Stattdessen holten weiße Farmer Japaner ins Land, die sie als Arbeitskräfte für die boomende Landwirtschaft brauchten. Als die japanischen Immigranten selbst Land kaufen wollten, wurde das 1913 gesetzlich verboten. Die Diskriminierung von Amerikanern mit japanischen Wurzeln zeigte sich erneut knapp 30 Jahre später, als sie nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour interniert wurden: Ein Alptraum für eine ganze Generation von Amerikanern japanischer Abstammung.

Traumatisch sind auch die Erfahrungen vieler Menschen, die über die mexikanische Grenze illegal nach Kalifornien einwanderten, aufgegriffen, eingesperrt und von ihren Kindern getrennt wurden. Die Idee der Abschottung durch eine Grenzmauer ist heute aktueller denn je. Künstler wie Enrique Chagoya und Betsabée Romero, deren Werke in kalifornischen Museen hängen, beschäftigen sich mit der aktuellen Problematik der illegalen Einwanderung.

Zugleich ist San Francisco eine Stadt der Gegenkulturen und neuen Ideen. Hier entstand die Hippie-Bewegung, die mit konservativen, bürgerlichen Werten brechen wollte. Ihre Strahlkraft erreichte auch Europa und war Vorreiter der späteren Friedensbewegung. Schon in den 70er Jahren gingen von San Francisco außerdem Impulse für die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben aus.

Nicht zuletzt startete in den 80er Jahren in der Metropolregion San Francisco eine technische Revolution, die mit der Entwicklung von Computern und Smartphones den Alltag von Menschen auf der ganzen Welt veränderte. Doch auch der Boom der IT-Branche im Silicon Valley mit Unternehmen wie Apple, Intel oder Facebook hat eine Kehrseite: Die Mieten sind für viele Menschen unbezahlbar geworden. Auch Menschen mit fester Arbeitsstelle sind vor dem Alptraum Obdachlosigkeit nicht gefeit.

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