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Der katholische Bischof von Osnabrück, Franz-Josef Bode (Archivbild). Foto: epd-Bild
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Bode drängt Kirche zum Nachdenken über Segnung homosexueller Paare

15. Mai 2019

Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode hat sich dafür ausgesprochen, dass die katholische Kirche über die Segnung homosexueller Paare ernsthaft nachdenkt.

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Der katholische Bischof von Osnabrück, Franz-Josef Bode (Archivbild). Foto: epd-Bild

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Osnabrück (epd). "Wir müssen zu einer Weiterentwicklung der Sexualmoral kommen", sagte Bode am Mittwoch dem Evangelischen Pressedienst (epd). Sie müsse die heutigen Lebenswirklichkeiten von gleichgeschlechtlichen Gemeinschaften und unterschiedlichen Beziehungsformen berücksichtigten. "Wir dürfen nicht nur auf die sakramentale Ehe schauen." Bode leitet eine Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz, die sich mit einer Weiterentwicklung der Sexualmoral auseinandersetzt.

Eine Ehe für alle könne es in der katholischen Kirche allerdings nicht geben, betonte Bode. Dieser vom Staat verwendete Begriff sei schwierig, "weil wir die Beziehung zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern nicht Ehe nennen", sagte der Bischof. Die Ehe sei für die katholische Kirche die sakramentale Beziehung zwischen Mann und Frau. "Auch eine etwaige Segnung würden wir nicht mit der Trauung gleichsetzen."

Sieben Sakramente

In der katholischen Kirche sind die sieben Sakramente besondere heilige Zeichen oder zeichenhafte Handlungen, in denen Gott den Menschen begegnet. Neben der Ehe gehören dazu unter anderem die Eucharistie, die Taufe und die Weihe von Priestern oder Bischöfen.

Bode sagte, die katholische Kirche sollte Menschen, die sich verantwortungs- und bindungsbereit auf eine gleichgeschlechtliche Beziehung einlassen, pastoral-theologisch begleiten können. Das gelte ebenso für Beziehungen, die sich aus scheiternden oder wechselnden Lebensbeziehungen ergäben. Die katholische Kirche müsse klären, "wie sie mit diesen Veränderungen, die es nun einmal gibt, umgeht".

Die Arbeitsgruppe Sexualmoral wird laut Bode bis September eine Diskussionsgrundlage auf den Tisch legen. Mit einem erweiterten Kreis von Bischöfen und mit Vertretern aus dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken werde dann ein konkreter Vorschlag erarbeitet, der in den sogenannten synodalen Prozess eingehen solle. Während ihrer Frühjahrsvollversammlung in Lingen hatte die Bischofskonferenz beschlossen, die Fragen zur Rolle der Frau, zum Machtmissbrauch und zur Sexualmoral gemeinsam mit Laien und Experten zu erörtern. Dieser synodale Prozess ist auf zwei Jahre angelegt.

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Leser-Kommentare öffnen

ellybe, 15. Mai 2019, 19:30 Uhr


Endlich einmal klare Worte zum Begriff der Ehe aus biblischer Sicht, dem die evangelischen Kirchen, abgesehen vom sakramentalen Verständnis, eigentlich nur zustimmen können.
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Schallblech, 16. Mai 2019, 9:07 Uhr


In der Evangelischen Kirche gibt es einen Unterschied zwischen "Trauung" und "Gottesdienst anläßlich einer Eheschließung". Das wäre vielleicht auch für die Katholen ein gangbarer Weg.

Die Unterschiede zwischen beiden sind wohl geringfügig. Es geht um wenige Formulierung, die theologisch bedeutsam sind (fragt mich nicht...)Die Landessynode ist schon länger im Beratungsprozeß, ob der "Gottesdienst anläßlich Eheschließung" für gleichgeschlechtliche Paare in Frage kommt. Durchgeführt wird er bisher schon, wenn ein Ehepartner keiner christlichen Kirche angehört.
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Ulrich Keßler, 16. Mai 2019, 9:46 Uhr


Es würde mich sehr interessieren, mit welchen biblischen Grundaussagen in der Evangelischen Kirche die Ehe für alle und die Kirchliche Trauung für alle, also auch für gleichgeschlechtliche Paare, begründet werden könnte und das bisherige Ehe- bzw. Trauverständnis ad acta gelegt werden müsste!? Auf welche Textstellen könnte man sich dabei berufen und welche würden ihre Geltung verlieren? Welche Verbindlichkeit hat in diesem Zusammenhang heute noch Gottes Wort (zum Beispiel: "Gott schuf" und "Gott sprach") im Vergleich zu den "heutigen Lebenswirklichkeiten"? Was hat für einen Christen Priorität: Etwas, das in der Bibel expressis verbis als Wort "Gottes" steht und worauf sich auch Jesus Christus beruft, oder etwas, worauf sich Menschen jeweils als ihre Lebenswirklichkeit berufen? Steht, so gesehen, vielleicht Menschen-Wort über Gottes-Wort?
Oder ist sogar auch Gottes-Wort als Menschen-Wort zu betrachten? Was - oder wer - qualifiziert es dann für uns zu "Gottes" Wort?
Was denken und meinen die Theologen in der Redaktion dazu?

Matthäus53, 17. Mai 2019, 0:05 Uhr


Auch der Prophet David hatte mehrere Frauen wobei er sich eine sogar durch eine Intrige erschlichen hat.
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Ulrich Keßler, 23. Mai 2019, 19:21 Uhr


Betrifft die Schlussfrage in meinem Kommentar vom 16. Mai:
"Keine Antwort ist die eindeutigste Antwort, die man bekommen kann."
(siehe www.spruch-des-tages.org)
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Ulrich Keßler, 1. Juni 2019, 12:01 Uhr


Die Redaktion ist offensichtlich sprachlos...
Habe verstanden.
Werde sie nicht mehr behelligen.
Aber das liest dort ja sowieso keine/r...
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Schallblech, 6. Juni 2019, 18:09 Uhr


Doch!
Und mich würde auch interessieren, was die Theologen in der Redaktion darüber denken!
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Hoeffchen, 7. Juni 2019, 11:50 Uhr


Hallo User,
wie bei früheren Gelegenheiten schon angemerkt: Die Redaktion liest hier fleißig mit. Ich bitte aber ganz herzlich um Verständnis, dass wir uns normalerweise NICHT in die Leserdiskussionen einklinken.
Diese Kommentarfunktion ist ausdrücklich dazu gedacht, dass Leserinnen und Leser ihre Meinung kundtun können; sie ist nicht als Chat o.ä. mit der Redaktion angelegt. Dazu fehlt uns als Mini-Team im Alltag schlicht die Kapazität.
Die großen Themen behandeln wir in der Printausgabe von UK bzw. der digitalen App. Die Abos dafür geben uns die wirtschaftliche Grundlage, nebenher auch noch diese kostenfreie Homepage zu schalten.
Ganz kurz jetzt aber doch noch zum Thema "Ehe für alle" etc. DIE Redaktion hat dazu keine geschlossene Meinung. Da verhält es sich bei uns nicht anders als auch sonst in der evangelischen Kirche. Es gibt eine weite Vielfalt der Überzeugungen und Erkenntnisse. Deshalb laufen bei uns Kommentare und Leitartikel als Namensartikel in der Printausgabe - und dann parallel manchmal auch hier online. Diese Namensartikel geben ausdrücklich die Haltung desjenigen oder derjenigen wieder, die den Artikel schreiben.
Vom Grundsatz her ist es bei diesem Thema so, dass wir alle gut dem Gedanken folgen können, den in den vergangenen sechs Jahren sowohl EKD als auch (noch mehr und detailierter) die Evangelische Kirche von Westfalen ausgearbeitet haben: Man kann die Ethik in der Bibel nicht von vornherein buchstäblich verstehen, so, als ob einzelne Weisungen ein für alle Mal und für die Ewigkeit formuliert wären. Das tun wir bei vielen Themen ohnehin ganz selbstverständlich nicht (Sklavenhaltung, Reinheitsgebote, Obrigkeit). Auch bei dem Gebot "Du sollst nicht töten" gibt es wohl nur wenige, die es buchstäblich verstehen und es nicht doch irgendwie noch für den jeweiligen Zusammenhang interpretieren wollen.
Viele der biblischen ethischen Weisungen sind zeitgeschichtlich gebunden. Damit darf man es sich nicht zu leicht machen. Alles einfach wegdiskutieren zu wollen, würde über das Ziel hinausschießen. Aber im ehrlichen Ringen, vor Gott und mit den Menschen, können sich im Laufe der Jahrhunderte und auch Jahrzehnte Änderungen im Verständnis ergeben.
So hat es sich offenbar auch beim Thema Familienbild und gleichgeschlechtliche Partnerschaften in den letzten Jahren ereignet. Die evangelische Kirche ist da noch lange nicht einheitlich aufgestellt. Aber es gibt eine klare Tendenz – anders als etwa in der katholischen Kirche bisher. Da, wo Menschen einander lieben und partnerschaftlich miteinander umgehen und Verantwortung für einander übernehmen, will sich die evangelische Kirche nicht sträuben, dafür auch den Segen Gottes zu erbitten.
Damit soll überhaupt nicht am Wert der bisherigen Familie und ihrer Rolle als Leitbild gerüttelt werden.
Soweit mein Verständnis in der Sache.
Ich habe aber, weil das Interesse hier offenbar sehr groß ist, unseren früheren theologischen Vizepräsidenten Albert Henz gebeten, in den nächsten Tagen hier noch einmal sich zu Wort zu melden. Dann können Sie, die Leserinnen und Leser, mit ihm in dieser Sache diskutieren.
Ich hoffe, das hilft, den aufkommenden Unmut wieder abzubauen. Ich bitte noch einmal um Verständnis darum, dass wir in der Regel hier nicht in eine Diskussion einsteigen können.
Herzliche Grüße
Gerd Hoeffchen, Chefredakteur UK
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Albert-Henz, 8. Juni 2019, 17:03 Uhr


Liebe Lesende und Diskutierende, ich nehme die Anregung des Chefredakteurs gern auf, weil ich gut verstehe, wie schwer man sich mit diesen Fragen tun kann. Ich habe da auch einen langen Weg hinter mir- aber mir hat geholfen, zu wissen, auf welchem geschichtlichen Hingtergrund die Worte gegen Homosexulaiät entstanden sind: Es ging um Tempelprostitution, die natürlich keinesfalls gut geheißen werden kann. Zum anderen habe ich aus der Wissenschaft gelernt, dass es eben Menschen gibt, die einfach ohne freie Wahl eine andere geschlechtliche Orientierung haben und diese auch sehr verantwortlich leben. Wie hätte Jesus mit diesem heutigen Wissen reagiert, das ist die komplizierte hermeneutische Frage, die sich uns evangelischen Christinnen und Christen dann stellt. Und heute bin ich mir sicher, dass Jesus nicht auf alte Schriftprinzipien verwiesen, sondern diese Menschen in Liebe angenommen hätte. Und Paulus hat in seiner Theologie auch schon Ansätze zu einem solchen weiteren Blick, etwa in Gal. 3, 28.
Klar ist auch, dass die kleinbürgerliche Familie und Ehe heute nicht identisch ist mit Ehe und Familie, wie sie in den Zeiten der Bibel vorzufinden ist. Für mich gibt es weiterhin Unterschiede in der Beziehung zwischen Mann und Frau die ich gerne mit dem Begriff Ehe in Verbindung bringe. Aber es gibt keine negative Wertigkeit, wenn Menschen anderer geschlechtlicher Orientierung verantwortlich miteinander und auch im Blick auf das, was die Aufgabe von Familie ausmacht, umgehen: Eben das Leben von Kindern fördern und stützen, ebenso das der Alten. Deshalb haben wir vor allem den Begriff des Segens gewählt - der kennt nun wahrhaftig keine Rangunterschiede für unterschiedliche Beziehungen.
Ein letztes zunächst: In der evangelischen Kirche ist die Trauung eine Segenshandlung anl. der Eheschließung als staatliches Recht. Wenn nun in diesem Recht der Begriff der Ehe weiter gefasst wird und unsere Gottesdienste Segensgottesdienste anlässlich dieser rechtlich geklärten Verbindung sind, dann stellt sich die Frage, ob es nicht folgerichtig ist, die Segnung auch für andere Formen der Ehe Trauung zu nennen. Genau das wird im Augenblick in unserer Landeskirche diskutiert und schließlich auf der Synode im November endgültig beschlossen.
Soviel für den Augenblick.
Albert Henz, Pfr. und Vizepräsident i.R.
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Ruckzuck, 8. Juni 2019, 20:06 Uhr


Danke für diese erhellenden Worte! Damit kann ich gut klarkommen, auch wenn ich mich, warum auch immer, noch immer schwer mit diesem Thema tue.
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Ulrich Keßler, 9. Juni 2019, 12:48 Uhr


Lieber Herr Hoeffchen, lieber Herr Henz,
zunächst einmal herzlichen Dank für Ihre ausführlichen Antworten, mit denen ich persönlich nicht (mehr) gerechnet hatte! Beide Antworten sind so ausführlich, dass ich a) nicht umgehend, b) auch nicht in aller Kürze inhaltlich auf sie eingehen kann, mir also (auch) erst einmal etwas Zeit dazu nehmen muss. Mein Kommentar dazu wird also etwas später folgen. Auf Eines möchte ich allerdings jetzt schon hinweisen:
Mit meiner Schlussfrage vom 16. Mai, was die Theologen in der Redaktion "dazu" meinen, wollte ich in erster Linie nicht eine Diskussion über die Ehe/Trauung für alle anregen, sondern darüber, welche Rolle in unseren Kirchen noch das "Gottes" Wort spielt, dies am BEISPIEL der Diskussion über die Ehe/Trauung für alle! Deshalb füge ich die davor gestellten Fragen mit kleinen Ergänzungen hier noch einmal an - natürlich auch an meine Mit-Diskutanden gerichtet, was sie dazu meinen:
Welche Verbindlichkeit hat (in diesem Zusammenhang) heute noch Gottes Wort (zum Beispiel: "Gott schuf" und "Gott sprach") im Vergleich zu den "heutigen Lebenswirklichkeiten"?
Was hat für einen Christen Priorität:
Etwas, das in der Bibel expressis verbis als Wort "Gottes" steht und worauf sich auch Jesus Christus (als "Gottes Sohn" - "Ich und der Vater sind eins") beruft - oder etwas, worauf sich Menschen jeweils als ihre (heutige) Lebenswirklichkeit berufen?
Steht, so gesehen, vielleicht Menschen-Wort über Gottes-Wort?
Oder ist sogar auch Gottes-Wort (eigentlich nur noch) als Menschen-Wort zu betrachten?
Was - oder wer - qualifiziert es dann für uns zu "Gottes" Wort? ---
Das hermeneutische=Auslegungsprinzip "Was hätte wohl Jesus heute dazu gesagt/getan?" hört sich zwar gut an, öffnet aber einer Auslegung Tor und Tür, die man eigentlich nicht hinterfragen lassen darf, weil in ihr ja Jesus selber (!) und sogar heute (!) zu Wort kommt!
Was Jesus selbst als 'altes Schriftprinzip' in Matthäus 5,17 und18 (immerhin in der Bergpredigt!) gesagt hat, sollte doch zumindest mitbedacht werden: "Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.
Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis alles geschieht." ---
Ich wünsche Ihnen - und allen - noch einen gesegneten zweiten Pfingsttag!

Sara Schäfer, 19. Juni 2019, 15:29 Uhr


Lieber Herr Keßler,
wir werden Ihre Frage zu beantworten, versprochen. Allerdings bitten wir um Verständnis, dass diese Antwort erst nach dem Kirchentag kommen wird.
Herzliche Grüße,
Sara Schäfer
Online-Redaktion von UK

Ulrich Keßler, 20. Juni 2019, 14:55 Uhr


Liebe Frau Schäfer,
danke für die \'gute Nachricht\'
und ebenfalls herzliche Grüße!
Ulrich Keßler

Sara Schäfer, 24. Juni 2019, 22:51 Uhr


Lieber Herr Keßler,

Sie haben uns da eine wesentliche theologische Frage aufgegeben.

Das Grundproblem bei den biblischen Texten ist, dass wir an keiner Stelle wirklich 100% sicher sein können, ob das, was wir im Urtext lesen, auch wörtlich von Gott oder Jesus so gesagt worden ist. Es hat bei den biblischen Texten leider niemand wortwörtlich mitgeschrieben - weder im AT noch im NT. Die einzigen (vermutlich authentischen) Stellen sind die Schriftpropheten - aber auch dort streitet sich die Wissenschaft an vielen Stellen, was original und was spätere Hinzufügung ist.

Die biblischen Texte wurden lange mündlich tradiert - das Volk Israel als Nomaden hatte keine Schrift-Kultur wie die umliegenden Völker der Babylonier oder Ägypter. Texte wurden am Lagerfeuer von Generation zu Generation weitergegeben, bevor jemand sie dann mal aufgeschrieben hat. Und das "Aufschreiben" glich eher einer Sammlung von Texten, ähnlich wie die Gebrüder Grimm es mit den deutschen Märchen hatten - sie haben Menschen Geschichten erzählen lassen und diese dann aufgeschrieben. Und haben auch - genauso wie die biblischen Autoren - verschiedene Fassungen gehört und mussten dann schauen, welche wohl der "wirklichen" Geschichte am nächsten kommt. Denken Sie nur an die Widersprüche in der Arche-Noah-Geschichte, wo es erst 2 und dann plötzlich 7 Tiere sind. Und dann wieder 2 - und dann opfert Noah am Ende Tiere - was ja nur geht, wenn er doch 7 dabei hatte... und davon gibt es in der Bibel viele Beispiele.

Und bei den Jesus-Worten ist es ähnlich. Unsere Evangelien enstanden frühestens ca 30 Jahre nach Jesu Tod. Die Menschen, die mit Jesus zusammen lebten, hielten es nicht für nötig, etwas aufzuschreiben. Jesus verkündete doch das kommende Reich Gottes, weshalb die Menschen in der Naherwartung lebten. Jesus war da - da muss man nichts mehr aufschreiben, dachten sie.

Insofern ist jedes Wort in der Bibel - egal ob AT oder NT erst einmal Menschenwort. Und wie viel Gotteswort darin steckt, das wissen wir leider nicht. Gottes Wort ist im Text verborgen - und muss von uns gesucht und freigelegt werden. Menschen haben Geschichten ausgeschmückt und auch die Redakteure, die die Geschichten gesammelt haben, hatten politische und individuelle Ziele, die sie durch ihre Texte, ihre Evangelien den Lesern weitergeben wollten. Denken Sie an das Vorwort des Lukas-Evangeliums - der Autor schreibt dort, wie gut und detailliert er nachgeforscht hat, um alles zu überliefern - aber wir wissen ja auch, dass es noch mehr Jesus-Geschichten gab, als Lukas gefunden hat.

Und insofern muss man jedes biblische Wort auslegen - immer den Kontext betrachten, in dem es gesagt worden ist und dann überlegen, ob das echt sein kann oder nicht. Jesus war und lebte in der griechisch/ römischen Antike. Und er hat Gottes Wort für die Menschen der damaligen Zeit ausgelegt und vorgelebt. Es war eine ganz andere Gesellschaft als die Unserige - zumal das Christentum sich vom ausschweifenden Lebensstil der "Heiden" abgrenzen musste. Das alles muss man berücksichtigen, wenn man biblische Texte in unsere heutige Zeit transferiert.

Eine wesentliche Frage in der Hermeneutik ist die nach dem "Sitz im Leben". Hier ist es m.E. unerlässlich, zuerst fundiert nach den Hintergründen für den biblischen Text zu suchen und erst im Folgeschritt nach Anknüpfungspunkten in unserer Wirklichkeit zu suchen. Ein Ausgangspunkt à la "Was würde Jesus heute tun/sagen?" mag manchmal interessant erscheinen und z.B. in der Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden neue Gedankengänge und Zugänge eröffnen, Ihre Bedenken in Blick auf die Verkündigung teile ich allerdings.

Das, was uns mit allen Menschen, die über die Jahrtausende hinweg die biblischen Geschichten und Gottes sowie Jesu Aussagen überliefert haben, verbindet, ist unser Glaube an Gott und an Jesus als seinen Sohn. Uns eint die Hoffnung, dass da etwas ist, was "höher ist als all unsere menschliche Vernunft" und das sich den Menschen mitteilt.

Herzliche Grüße,
Sara Schäfer
Online-Redaktion von UK

Ulrich Keßler, 25. Juni 2019, 11:12 Uhr


Liebe Frau Schäfer,
was ich soeben hier von Ihnen gelesen habe, möchte ich als eine wirklich gelungene "Kurzgefasste, problemorientierte Einführung in die Auslegung des Alten und Neuen Tatsaments" bezeichnen, die eine Veröffentlichung (und vielleicht auch Vertiefung) in "Unsere Kirche" wert wäre! Herzlichen Dank!
Was Sie schreiben, wirft für mich allerdings weitere Fragen auf, insbesondere zum 4. und zum letzten Abschnitt. Um diese zu formulieren, werde ich sicher einige Tage Zeit brauchen.
Bis dahin grüße ich Sie ebenfalls herzlich!
Ihr
Ulrich Keßler
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Alwite, 10. Juni 2019, 18:48 Uhr


"Und heute bin ich mir sicher, dass Jesus nicht auf alte Schriftprinzipien verwiesen, sondern diese Menschen in Liebe angenommen hätte."

Diesem Satz von Herrn Albert-Henz schließe ich mich kommentarlos an.
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Ulrich Keßler, 11. Juni 2019, 12:59 Uhr


Über einen solchen Satz, wer immer ihn ausspricht, ist nicht mehr zu diskutieren, weil man dann ja automatisch 1. etwas gegen Jesus selber, und 2. etwas gegen die Liebe sagen würde! Damit ist jede andere Meinung in der Sache, um die es geht, selbst wenn sie begründet werden könnte, von vornherein ins Unrecht gesetzt. Eine offene Diskussion ist so von vornherein ausgeschlossen. Von daher halte ich dieses Schriftauslegungsprinzip für sehr gefährlich und lehne es (inzwischen) ab, weil es meinem Verständnis von Fairness widerspricht.
Anders wäre es, wenn jemand sagen würde:
Auch wenn dies und das so in der Bibel steht; auch wenn etwas dort sogar als "Gottes" Wort oder "Herrenwort" steht, oder von einem Apostel vertreten wird - ICH sehe es anders. ICH kann es für mich persönlich nicht (mehr) nachvollziehen oder ihm folgen! ICH kann es nicht vereinbaren mit MEINEM Verständnis von Nächstenliebe (Agape!) - und zwar aus den folgen Gründen:...! ---
Im Übrigen kann ich mir nicht vorstellen, dass Herr Henz in dem zitierten Satz zugleich andeuten wollte, dass Jesus damals "diese Menschen" grundsätzlich NICHT "in Liebe" angenommen hat...
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Ulrich Keßler, 13. Juni 2019, 20:01 Uhr


Hier nun der erste Teil des von mir angekündigten Kommentars zur Stellungnahme unseres früheren theologischen Vizepräsidenten, Herrn Henz. Eingehen möchte ich darin insbesondere auf zwei Äußerungen von Herrn Henz.
Vorweg jedoch ein paar Sätze zu dem, was mir, zu meiner großen Verwunderung, bei ihm fehlt. Das ist ein Eingehen auf die Stellen 1. Mose 1,27 und 28 sowie Matthäus 19,4 und 5. Auch wenn ich absolut kein Anhänger der Lehre von der Verbalinspiration bin, bleibt doch das Problem bestehen, wie man kirchlicherseits umgeht mit einem Wort Gottes („Und Gott schuf“ / „Und Gott sprach“) und einem Wort des Herrn („Er aber...sprach“). Darüber kann man als Christ doch nicht einfach hinweg gehen bzw. es einfach ignorieren. ---

Nun aber zu den beiden Äußerungen von Herrn Henz,
1) er habe „aus der Wissenschaft gelernt, dass es eben Menschen gibt, die...ohne freie Wahl eine andere geschlechtliche Orientierung haben und diese auch sehr verantwortlich leben“.
2) Paulus habe „in seiner Theologie auch schon Ansätze zu einem...weiteren Blick, etwa in Gal 3,28“.

Zu 1) Genau darin liegt für mich, nach langjähriger beruflicher Erfahrung und Beobachtung, ein großes Problem:
a) Zunächst einmal halte ich den Begriff „andere geschlechtliche Orientierung“ „ohne freie Wahl“ für eine sprachliches Unding (siehe Duden zu „sich orientieren“). Orientierung ist etwas, was mir als Mensch gerade nicht unabänderlich vorgegeben ist. Ich werde als Mensch nicht unveränderlich orientiert, sondern orientiere mich (eines Tages) selbst, sei es richtig oder falsch. Wenn ich mich falsch orientiert habe, muss ich mich neu- oder umorientieren. (Warum gibt es in unserer Kirche sonst die Taufe?)
b) Herr Henz schreibt, dass er es „aus der Wissenschaft gelernt“ hat, von einer geschlechtlichen Orientierung „ohne freie Wahl“ zu sprechen. Gestern las ich in meiner Tageszeitung, dass ein Herr Peer Briken vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf für den Gesundheitsminister Jens Spahn ein wissenschaftliches Kurzgutachten geschrieben hat, in dem er feststellt/behauptet: „Es gibt keine bewusste Entscheidung: \'Ich bin jetzt nicht mehr homosexuell\'“. Ich frage:
Handelt es sich dabei wirklich um eine für alle Zeiten unzweifelhaft nachgewiesene (also nicht mehr hinterfragbare) „Tatsache“? In der Wissenschaft gelten heute nicht wenige wissenschaftliche „Tatsachen“ (von vor 100/50/25 Jahren) als widerlegt. Trifft es also wirklich zu, dass die sog. „andere geschlechtliche Orientierung“ grundsätzlich/immer „ohne freie Wahl“ erfolgt?
Wenn das unbezweifelbar so wäre, dann dürfte es solche „Fälle“ nicht geben, wie ich sie erlebt habe bzw. kenne:
Dass nämlich eine Frau/ein Mann erst hetero ist // sich dann aber als schwul bzw. lesbisch outet // diese \'unfreie\' Orientierung viele Jahre lang mit einem/einer Partner/in lebt // und dann diese, bis dahin ja \'nicht freie\' Wahl ablegt und wieder hetero ist, den/die bisherige/n gleichgeschlechtliche/n Partner/in verlässt und einen ebenfalls hetero-geschlechtlichen Partner heiratet! Hinterfragt werden darf das alles, von Anfang bis Ende, natürlich nicht, weil es diskriminierend wäre! Und „die“ Wissenschaft scheint so etwas nicht zur Kenntnis zu nehmen. Ich kann das nur ausgesprochen tendenziös nennen! Wie Palmström im Gedicht „Die unmögliche Tatsache“ schließe ich auch hier „messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf“!

Zu 2) Wenn Gal 3,28 herangezogen werden soll, dann kann dieser Vers ja nicht für sich allein gesehen, sondern muss im Zusammenhang betrachtet werden. Im Zusammenhang der Kapitel 3-5 zielt alles (siehe Kapitel 5,6.14.16) auf die Liebe = Agape (also nicht Eros oder Sex): Paulus spricht vom Glauben, „der durch die Liebe tätig ist“, vom Gebot der Nächstenliebe und davon, dass die „Frucht...des Geistes...Liebe“ ist.- (In den Versen 5,16-21 steht übrigens, was davon ausgeschlossen ist; ein Abschnitt, der vielen Menschen, die \'von heute\' sind, ganz und gar nicht gefällt und/oder den sie - als zeitgebundene Ethik! - getrost außer Acht lassen.)
Zur Liebe = Agape sind wir als Christen/Getaufte/im Geist Lebende alle berufen, ohne Unterschied. Darum sagt Paulus Gal 3,28:
„HIER ist NICHT Jude noch Grieche, hier ist NICHT Sklave noch Freier, hier ist NICHT Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt EINER in Christus Jesus.“
Ich nehme mir die Freiheit zu ergänzen: \'Hier ist NICHT Schwuler noch Lesbe!\' - Also eben NICHT! Das alles gilt NICHT! Denn das Konstitutive und Verbindende in solchen Beziehungen ist NICHT das, dessen man sich rühmen kann - ein Jude zu sein, ein Grieche, ein Sklave, ein Freier, ein Mann, eine Frau - oder dessen man sich heute gerne rühmt, nämlich eine Lesbe, ein Schwuler zu sein („Ich bin schwul und das ist gut so!“)! Das Verbindende ist das gemeinsame Christus-Angezogen-Haben, Gal 3,27: Es ist der gleiche eine Gott, der gleiche eine Glaube, der gleiche eine Geist, dessen Frucht Liebe (Agape) ist!
So wie ich dies verstehe, könn(t)en „in Christus“, also in der Agape heute auch Mann und Mann, Frau und Frau gesegnet zusammen leben - wenn und weil das, was sie wesentlich/existentiell verbindet, eben NICHT eine bestimmte geschlechtliche Orientierung ist, die dazu noch „ohne freie Wahl“ ist, sondern die befreite und freie Orientierung an Christus!
Solche christlichen Lebensgemeinschaften (allerdings bisher ohne offiziellen kirchlichen Segen) habe ich in familiärer bzw. häuslicher Nähe selbst erlebt: Bei zwei Diakonissen und zwei Lehrerinnen, deren Lebensgemeinschaften jeweils erst durch den Tod beendet wurden, und bei zwei (noch lebenden und zusammenlebenden) Erzieherinnen eines evangelischen Jugendwerkes. --- Das mag für heute genügen.
Mit „brüderlichen“ Grüßen
Ulrich Keßler
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