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Der Film "Ich, Daniel Blake" kommt Donnerstag in die Kinos. Foto: epd-Bild
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Ausgemustert

22. November 2016

Für sein Drama "Ich, Daniel Blake" über einen älteren Arbeitslosen erhielt Ken Loach seine zweite Goldene Palme in Cannes. Unversöhnlich und mit bissigem Humor schildert er das britische Sozialhilfesystem als Maschinerie der Ausgrenzung.

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Der Film "Ich, Daniel Blake" kommt Donnerstag in die Kinos. Foto: epd-Bild

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Frankfurt a.M. (epd). "Der Wert des Menschen" lautete der deutsche Titel des französischen Films "La loi de marché" mit Vincent Lindon, der im vergangenen Frühjahr in den deutschen Kinos lief. Das wäre auch ein passender Titel für den neuen Film von Ken Loach - hier wie dort steht ein Mann im Mittelpunkt, der sich mit Arbeitslosigkeit konfrontiert sieht. Im Fall des Films von Loach wäre "Die Würde des Menschen" noch treffender.

Daniel Blake, 59 Jahre alt, hat Zeit seines Lebens gearbeitet, mit den Händen, als Tischler. Er wäre auch bereit, weiter zu arbeiten - trotz der Arbeitsunfähigkeit, die ihm sein Hausarzt nach einem Herzinfarkt bescheinigt hat. Das Arbeitsamt jedoch sieht das anders, stuft ihn als arbeitsfähig ein und schickt ihn auf Jobsuche. Grundlage dafür: ein Telefongespräch, bei dem die Frau am anderen Ende der Leitung mechanisch einen Fragebogen abarbeitet.

Sanktionen als Allzweckwaffe

Was in dieser ersten Szene von "Ich, Daniel Blake" noch eine gewisse Komik hat, erweist sich schnell als prototypisch für ein System, das darauf angelegt ist, die "Klienten" zu drangsalieren und zu entwürdigen, so dass sie schließlich zu der Überzeugung gelangen müssen, schuld an ihrer Misere seien sie selbst.

Formulare sind 2016 ausschließlich online auszufüllen - für jemanden wie Daniel, der weder Computer noch Smartphone besitzt, eine Herausforderung. Immerhin gibt es in der öffentlichen Bibliothek hilfsbereite Menschen. Eine Hilfsbereitschaft, die Daniel selbst weitergibt, an jemanden, dem es noch schlechter geht als ihm: Der alleinerziehenden Katie mit ihren beiden Kindern, die von den Behörden aus London in die nordenglische Hafenstadt Newcastle umgesiedelt wurde, hilft er in ihrer Wohnung mit Reparaturen.

Kennengelernt haben sie sich im Jobcenter, wo Daniel Partei für sie ergriff. Neu in der Stadt, hatte sie sich verlaufen und kam zu spät zu ihrem Termin, wofür ihr sofort Sanktionen angedroht wurden, die Sperrung von Geldern.

Sanktionen funktionieren in diesem System als Allzweckwaffe, sind dabei doch Ausdruck von dessen Versagen. Allein das nachdrückliche Einfordern des Rechtes, gegen den Befund seiner Arbeitsfähigkeit Widerspruch einzulegen, birgt für Daniel Risiken. Die meisten Mitarbeiter der Jobcenter lassen das an sich abprallen, sie machen sich durch Verweise auf die "Entscheider" selbst unangreifbar. Und wenn eine Mitarbeiterin Daniel einmal hilft, wird sie prompt von ihrer Vorgesetzten zur Rede gestellt.

Im Räderwerk der Bürokratie

Die Momente der Solidargemeinschaft bleiben fragil, Katies Verzweiflung wird schlagartig sichtbar, als sie bei einer Lebensmittelausgabe eine Dose mit Bohnen aufreißt und deren Inhalt in sich hineinzustopfen beginnt - ein so kurzer wie schockierender Moment. Später wird sie sich, vollends verzweifelt, prostituieren. Sie weiß nicht mehr, wie sie die Kinder durchbringen soll.

Schließlich steht die Entscheidung über Daniels Einspruch endlich bevor, sein Anwalt äußert sich zuversichtlich, für einen Augenblick schöpft der Zuschauer Hoffnung - aber das ist nicht das Ende der Geschichte. Die wird mit einem bewegenden Statement des Protagonisten enden - das zu diesem Zeitpunkt allerdings einen mehr als bitteren Beigeschmack haben wird.

"Ich, Daniel Blake" ist der unversöhnlichste Loach-Film seit langem, geradlinig erzählt, mit zurückhaltend agierenden Darstellern nicht nur in den beiden Hauptrollen. 50 Jahre ist es her, dass Ken Loach mit "Cathy, Come Home" eine ähnliche Geschichte über einen Menschen im Räderwerk der Bürokratie erzählte. Die bewirkte nach ihrer Fernsehausstrahlung eine Debatte im Parlament - von so etwas träumt heute nicht einmal mehr Loach.

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