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Sieglinde Park kämpft um einen angepassten Rollstuhl Foto: epd-Bild
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Aufreibender Kampf um den Rollstuhl

20. Dezember 2019

Eigentlich soll das soziale Netz in Deutschland sicherstellen, dass Menschen die Hilfen bekommen, die sie benötigen. Doch was, wenn die Krankenkasse das benötigte Hilfsmittel nicht bezahlen will? Ein Fall aus Würzburg zeigt die Misere.

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Sieglinde Park kämpft um einen angepassten Rollstuhl Foto: epd-Bild

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Würzburg, Nürnberg (epd). Früher hat sie gern getanzt. Schwimmen gefiel ihr auch. "Es gab keinen Sport, den ich nicht mochte", sagt Sieglinde Park. Dann wurde sie schwer krank: Die 59-Jährige hat Elefantiasis, eine Krankheit, bei der sich durch Lymphstau einzelne Körperteile stark vergrößern. Dank eines E-Rollstuhls blieb sie mobil. Doch vor sechs Jahren ging er kaputt. Seither streitet sich die Würzburgerin mit ihrer Kasse um einen neuen, exakt auf sie angepassten Rollstuhl. "Seit sechs Jahren sitze ich fast nur noch daheim, ich fühle mich total gefangen", klagt die 59-Jährige.

Den alten Rollstuhl zu flicken, wäre unwirtschaftlich. "Er ist verbraucht, unsicher und nicht mehr verkehrstauglich", teilt Parks Sanitätshaus mit. Bis vor kurzem nutzte sie den alten Rollstuhl nur noch im Notfall - und dann nur mit großer Angst. Sie verwendete ihn, wenn sie zum Arzt musste, der Behindertenfahrdienst aber niemanden schicken konnte: "Sie haben zu wenige Fahrer."

Sieglinde Park ist frustriert

Vor wenigen Tagen brach der Rollstuhl komplett zusammen. Wahrscheinlich ist der Motor defekt. "Nun habe ich nur noch einen einfachen, manuellen Wohnungsrollstuhl, mit dem man überhaupt nicht raus kann", sagt Park.

Sieglinde Park ist frustriert. Die Kasse wolle sie mit einem Rollstuhl abspeisen, mit dem sie nicht klarkommt: "Ich habe ihn sechs Wochen lang ausprobiert und bin dreimal umkippt, einmal an einer Kreuzung." Sie will exakt so einen Rollstuhl wie bisher. Dass Sieglinde Park mit einem neuen Elektrorollstuhl mit behinderungsbedingten Zurüstungen aufgrund ihrer erheblichen Beeinträchtigungen versorgt werden müsse, "wird nicht bestritten", schreibt ihr die Krankenkasse. Doch bestehe an dem neuen Elektrorollstuhlmodell, das sich Park wünscht, "technisch nicht die Möglichkeit", diesen entsprechend umzubauen, erklärt die Kasse weiter.

"Was hier passiert, schreit zum Himmel"

Dass ein Umbau unmöglich ist, sei schlicht falsch, erklärt hingegen das Würzburger Sanitätshaus, bei dem Park Kundin ist: "Wir sind genau auf solche Sonderbauten spezialisiert." Alle benötigten Optionen seien "machbar".

Ein extra angepasster E-Rollstuhl sei für Sieglinde Park sehr wichtig, sagt auch Silke Trost von der Offenen Behindertenarbeit der Würzburger Diakonie. Ohne dieses Hilfsmittel könne die 59-jährige Frau nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. "Was hier passiert, schreit zum Himmel", sagt die Sozialpädagogin, die Park regelmäßig zu Hause besucht.

Recht auf individuell angepasste Hilfsmittel

Jeder Behinderte habe ein Recht auf ein individuell angepasstes Hilfsmittel, sagt Peter Stumm vom Landesverband Bayern Selbsthilfe Körperbehinderter. Dass die Krankenkasse Park zwingen will, Kundin eines Sanitätshauses in Nordrhein-Westfalen zu werden, ist ihm suspekt. Fast durchgehend extrem negative Internet-Bewertungen zeigen ihm, dass es sich bei dem betreffenden Sanitätshaus um keine Firma mit gutem Ruf handelt. "Dass die Krankenkassen mit so einem Haus zusammenarbeiten, ist mir unbegreiflich", sagt Stumm.

Es sei nichts Ungewöhnliches, dass Menschen mit chronischen Krankheiten und Behinderungen um Hilfsmittel kämpfen müssen, sagt Werner Fack von der Diakonie Bayern: "Die restriktive Bewilligungspraxis ist problematisch." Behinderte müssten bereit sein, Widerspruchsverfahren und notfalls Gerichtsprozesse durchzuziehen, sagt er.

"Unsere Geschäftsstellen legen im Schnitt jährlich zwischen 500 bis 800 Widersprüche gegen Ablehnungen ein", sagt Bettina Schubarth, Sprecherin des Sozialverbandes VdK in Bayern. Die Ablehnungen beträfen alle Arten von Hilfsmitteln: "Rollstühle und weitere Mobilitätshilfen, Kopfstützen oder Sitzkissen für Rollstühle, Hörhilfen oder Bade- und Duschhilfen."

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Leser-Kommentare öffnen

ellybe, 23. Dezember 2019, 8:43 Uhr


Aber die Mitarbeiter, auch die leitenden, dieser Krankenkasse(n) sind doch alle(s) ehrenwerte Leute, gute Mitmenschen, anständige Nachbarn und gehören (wahrscheinlich) auch/sogar einer christlichen Kirche an. Vielleicht gehen sie Heiligabend und Weihnachten sogar in die Kirche und singen am Schluss "O du fröhliche...gnadenbringende Weihnachtszeit"...
Gibt es denn keine christliche Berufsauffassung = Verwirklichung des Christseins im Beruf (Martin Luther) mehr? Ist Christsein nur noch reine Privatsache? Wäre das ganze nicht auch mal ein Thema für den sog. Diakoniesonntag?
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