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Eine Gerberei in Addis Abeba, Äthiopien: Es fehlten Schutzmasken, zum Teil Handschuhe und die Frauen hätten an den Füßen lediglich Ballerinas, kritisiert Arbeitsminister Heil. Foto: epd-Bild
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Holger Pyka
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Am Anfang der Lieferkette

3. Dezember 2019

In Äthiopien besichtigen die Minister Müller und Heil Firmen, die am Anfang einer weltweiten Lieferkette stehen. Sie sehen ein gutes Beispiel und eines, das sie schockiert.

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Eine Gerberei in Addis Abeba, Äthiopien: Es fehlten Schutzmasken, zum Teil Handschuhe und die Frauen hätten an den Füßen lediglich Ballerinas, kritisiert Arbeitsminister Heil. Foto: epd-Bild

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Addis Abeba (epd). Die deutsche Innenpolitik kommt auch in der mehr als 5.000 Kilometer entfernten äthiopischen Hauptstadt zur Sprache. Als Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) in Addis Abeba Eisenhandschuhe anzieht, um eine Textilzuschneidemaschine zu bedienen, zieht ihn Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) auf. Heil rüste sich wohl für den SPD-Parteitag, unkt er.

Die beiden Minister sind in einem Betrieb, der T-Shirts, Taschen, Jogginghosen und Unterwäsche herstellt. Einige der Kleidungsstücke werden nach Deutschland geliefert, wo sie im Discounter verkauft werden. Mehrere Hundert Beschäftigte arbeiten auf drei Etagen, schneiden, nähen und verwalten. Heil nennt es einen "Vorzeigebetrieb", denn die überwiegend Frauen, die dort arbeiten, verdienen mit mindestens 60 US-Dollar im Monat vergleichsweise gut und bekommen im Alter eine Pension.

Niedrigster Mindestlohn der Welt

Der Mindestlohn in diesem Gewerbe ist in Äthiopien der niedrigste der Welt und liegt bei 26 US-Dollar. In Bangladesch ist er mehr als dreimal so hoch. Einige der Frauen haben sich zusammengetan und eine Gewerkschaft organisiert. Müller und Heil finden, dass diese Firma beweist, dass es möglich ist, soziale und ökologische Standards einzuhalten und trotzdem profitabel zu sein. Sie wollen, dass deutsche Firmen, wenn sie im Ausland produzieren lassen, nur noch mit solchen Partnern arbeiten.

Es ist der dritte Tag, den die deutschen Minister in Äthiopien verbringen und zugleich der letzte. Müller reist am Dienstagmorgen zurück nach Deutschland, Heil schon etwas früher am Montagabend. Ihn treibt der Umbruch an der Spitze seiner Partei um. Doch bis zu ihrer Abreise kümmern sie sich um ihr gemeinsames Anliegen: Die Bekämpfung von ausbeuterischen Arbeitsbedingungen - und zwar weltweit.

Äthiopien erlebt eine Demokratisierung

Äthiopien ist das richtige Land dafür. Unter dem Ministerpräsidenten und Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed Ali erlebt es eine Demokratisierung. Gleichzeitig gehört es zu den am wenigsten entwickelten Ländern weltweit. Immer wieder brechen Unruhen aus, denn es gibt mehr als 80 ethnische Gruppen, die mehr als 80 Sprachen sprechen. Deutschland habe Interesse daran, dass es hier am Horn von Afrika wirtschaftlich vorangehe, sagt Heil. Niemand will sich ausmalen, was passiert, wenn das Land, in dem 109 Millionen Menschen im Durchschnittsalter von knapp 19 Jahren leben, auseinanderfällt.

Nach der Textilfabrik steht die Besichtigung eines weiteren Betriebs an: eine Gerberei, in der die Beschäftigten Schritt für Schritt die Tierhaut zu Leder verarbeiten. Der Boden ist nass von den Chemikalien, die dafür genutzt werden. Der Fabrikleiter erzählt, dass Leder für ein Schuhpaar für maximal sechs Euro verkauft wird. Er beliefert Firmen in Italien, Spanien, China und Hongkong, die das Leder dann zu Schuhen weiterverarbeiten. Die Wertschöpfung entsteht also im Ausland.

Schutzmasken und Handschuhe fehlen

In einer Werbebroschüre wird die Gerberei vorgestellt als Unternehmen, das sich Mitarbeitern und Umwelt verpflichtet fühlt. Arbeiterinnen und Arbeiter würden gefördert und medizinisch versorgt, heißt es. Müller und Heil glauben das nicht. "Ein Paradebeispiel dafür, dass wir ein Lieferkettengesetz brauchen", resümiert Heil nach der Besichtigung. Es fehlten Schutzmasken, zum Teil Handschuhe und die Frauen hätten an den Füßen lediglich Ballerinas. Das seien nicht Arbeitsbedingungen des 19. Jahrhunderts, sondern die einer noch früheren Zeit.

Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland wollen Müller und Heil das Thema weiter vorantreiben. Sie gehen davon aus, dass es gesetzliche Regeln brauchen wird, damit deutsche Unternehmen künftig sorgfältiger darauf achten, welche Bedingungen bei ihren Zulieferern herrschen.

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