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Eine Kirche, in der Vielfalt herrscht und alle zu ihrem Recht kommen – das soll kein Traum bleiben. (Foto: Robert Kneschke)
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Der Traum von einer Kirche für alle

Anke von Legat | 28. November 2022

Internationale Gemeinden, Geflüchtete, Menschen mit Migrationshintergrund – wie können sie sich willkommen fühlen?

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Eine Kirche, in der Vielfalt herrscht und alle zu ihrem Recht kommen – das soll kein Traum bleiben. (Foto: Robert Kneschke)
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Die Evangelische Kirche von Westfalen will einladender werden für Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen. Ein landeskirchlicher Prozess soll dabei helfen, mehr Offenheit und Aufmerksamkeit füreinander zu entwickeln.

Eine Kirche für alle – wie sähe die aus? Mit diesem „Traum von Kirche“ beschäftigte sich ein Workshop in Witten, der im Rahmen des Prozesses „Kirche in Vielfalt“ in der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) stattfand. Geträumt werden sollte ganz unbefangen, ohne Einschränkungen durch die Zwänge der Realität. „Das war gar nicht so einfach“, erzählt Annette Salomo, Partnerschaftsbeauftragte des Kirchenkreises Tecklenburg und Leiterin der Steuerungsgruppe des Prozesses.  „Wir denken immer gleich an die Probleme, und manche der Teilnehmenden trauten der Kirche auch gar nicht erst zu, ihre Träume aufzunehmen.“

Wünsche, wie eine offene, vielfältige Kirche aussehen könnte, wurden trotzdem formuliert. Eine Heimat wünschen sich viele, sagt Salomo, die auch Mitglied der westfälischen Kirchenleitung und Vizemoderatorin der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) ist – „also eine Kirche, in der ich mich zu Hause fühle; wo ich sein kann, wie ich bin, ohne ständig etwas erklären zu müssen.“ Menschen möchten sich willkommen fühlen, egal, wie ihr kultureller Hintergrund, ihre Sprache, ihre Hautfarbe, ihre geschlechtliche Identität oder ihre Frömmigkeit aussieht.

Offenheit, Bereitschaft zur Veränderung, theologische Vielsprachigkeit waren weitere Träume, die in dem Workshop zur Sprache kamen. Sie sind ein Zeichen dafür, dass es offenbar im Raum der Kirche an vielen Stellen Verbesserungsbedarf gibt, wenn man die biblische Einladung an „alle Welt“ ernst nimmt.

Der Anstoß dafür, den Blick zu weiten, stammt bereits aus dem Jahr 2015, als geflüchtete Menschen in großer Zahl ihren Weg auch in westfälische Gemeinden fanden. „Da kamen aus den Gemeinden Fragen, wie eine interkulturelle Willkommenskultur aussehen könnte“, erklärt Beate Heßler, Regionalpfarrerin des Amtes für Mission, Ökumene und kirchliche Weltverantwortung und Geschäftsführerin der Steuerungsgruppe.

Das Thema wurde in der Landessynode 2019 mit der Hauptvorlage „Kirche und Migration“ aufgenommen und führte schließlich zum aktuellen Prozess „Kirche in Vielfalt“. In neun Arbeitsgruppen – von Theologie über Bildung und Jugendarbeit bis hin zu Gemeindeentwicklung und Kirchenmusik – wird seit Mai dieses Jahres nach Möglichkeiten gesucht, die westfälische Kirche offener und vielfältiger zu gestalten.
Möglichst vielfältig seien bereits diese Gruppen in sich, wie Heßler erklärt: Menschen mit und ohne Migrationenhintergrund und verschiedener Geschlechtsidentität, Alte und Junge, Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Arbeitsbereiche der EKvW. Auch die internationalen Gemeinden arbeiten mit. Eine eigene Gruppe zum Thema Antirassismus-Arbeit / Weiße Privilegien versteht sich zudem als Querschnittsgruppe, die in allen kirchlichen Bereichen rassistische Muster aufdecken und für einen rassismusfreien Umgang sensibilisieren will.

„Diese Zusammensetzung zeigt schon, mit welcher Vielfalt wir es in unserer Kirche zu tun haben“, sagt Annette Salomo. Es habe sich aber auch schnell herausgestellt, wie unterschiedlich die Interessen der verschiedenen Gruppierungen sein könnten. Internationale Gemeinden hätten zum Beispiel andere Vorstellungen als People of Color, also nicht-weiße Menschen: Während die einen sich gern mehr integrieren möchten, ständen die anderen wegen ihrer Rassismuserfahrungen der Kirche insgesamt kritischer gegenüber.  „Bei ihnen ist auch die Ungeduld wesentlich höher“, hat Salomo beobachtet. „Menschen, die etwa aus dem Iran geflohen sind, sind dagegen viel vorsichtiger und ängstlicher, wenn es um Forderungen gegenüber den deutschen Gemeinden geht.“

Auch theologische Fragen würden durchaus kontrovers diskutiert, erzählen die beiden Prozessleiterinnen. So sei das Missionsverständnis bei internationalen Gemeinden häufig deutlich mehr nach außen gerichtet als in den landeskirchlichen Gemeinden. „Über solche Fragen müssen wir ohnehin im Alltag jeder Gemeinde reden“, sagt Heßler. „Dadurch lebt Kirche ja auch, verändert sich und definiert ihr Bekenntnis immer wieder neu.“

Bei aller Skepsis habe es während des Workshops in Witten aber auch bereits Vorschläge für Veränderungen gegeben, erzählt Salomo. Zum Beispiel solle sich Kirche sprachlich bewusster auf andere einstellen und die Gottesdienste für Menschen mit anderer Sprache und kulturellem Hintergrund einladender gestalten – „alle sollen in der Liturgie vorkommen und mitbeten können“, wie Beate Heßler sagt.
Auch solle die Gruppe der kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bunter werden. Dafür gibt es schon jetzt eine konkrete Anregung, so Heßler: Für die nächsten Presbyteriumswahlen im Frühjahr 2024 sollen ganz gezielt Kandidatinnen und Kandidaten mit Migrationshintergrund geworben werden.

Nicht alle Probleme auf einmal angehen

Eine weitere einladende Geste könnte nach Ansicht von Heßler die mietfreie Bereitsstellung von Räumen für internationale Gemeinden sein. „Viele von denen, die sich zu einer internationalen Gemeinde zählen, sind ohnehin auch Mitglieder der Landeskirche“, meint sie.

Ein festes Zieldatum für den Prozess gibt es zunächst nicht. „Wir müssen uns Zeit lassen und gut überlegen, welche Schritte wir als nächstes gehen wollen“, betont Annette Salomo. Der Fokus liege zunächst auf dem Thema Interkulturalität.  „Im Laufe des Prozesses haben wir aber schon gemerkt, dass sich auch andere Gruppen eine größere Offenheit wünschen, etwa in Genderfragen“, sagt sie. „Wir haben aber auch gemerkt, dass wir nicht alle Fragen und Probleme auf einmal angehen können. In der Steuergruppe werden wir darüber beraten, wie wir da vorgehen wollen.“

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