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Was unmöglich scheint

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 46 / 2022

Gerd-Matthias Hoeffchen | 13. November 2022

Jahrzehntelang war der Volkstrauertag fast komplett aus dem Bewusstsein verschwunden. Nun bekommt der Gedenktag neue Aktualität. Denn die Fragen um Krieg und Frieden drängen gewaltig.

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Volkstrauertag – viele Jahre war dieser Tag das Mauerblümchen unter den Gedenktagen. Volk, trauern… was war damit noch mal gemeint?

Sicher, wenn man genauer hinschaute, bekam das Ganze seinen Sinn. Jeder und jede hatte in der Familiengeschichte jemanden, von dem man in Erzählungen raunte: „Der Fritz, der musste mit 16 in den Krieg. Und er ist nie wieder nach Hause gekommen.“

Der Bruder, der an der Ostfront fiel. Der Vater, der in Kriegsgefangenschaft verschwand. Und die unzähligen Mütter, Schwestern, Kinder, die den Bomben, Kugeln, Bajonetten, Vergewaltigungen oder schlicht dem Hunger zum Opfer fielen. Da tauchte sie dann auf, die Trauer um die Kriegstoten.

Und doch: Im Alltag schienen diese Geschichten seltsam veraltet; und somit auch der Volkstrauertag. Trotz Ost-West-Konflikt, trotz atomarer Aufrüstung – der Krieg wurde kalt. Und die Erinnerung daran auch.

Jetzt bekommt der fast vergessene Gedenktag eine neue Aktualität. Der Krieg um die Ukraine und die damit verbundene Drohung, Atomwaffen einzusetzen, führt den Menschen brutal vor Augen, dass „Krieg“ nie weg war – auch wenn wir hierzulande uns lange diesem Trugbild hingeben konnten. Nur, und das ist der Unterschied zu den vergangenen Jahrzehnten, jetzt rückt er auch uns wieder auf die Pelle, in Deutschland, in Europa.

Was tun? Die gesamte Hilflosigkeit, das Dilemma, in dem wir stehen, wenn es jetzt wieder um die Fragen von Krieg und Frieden geht, um den Widerstreit von Pazifismus und gewalttätiger Parteinahme für die „richtige“ Seite – all diese Ohnmacht, Gewissensbisse, Ratlosigkeit, sie sind nicht neu. Da hätte ein verschärftes Nachsinnen über den Anlass des Volkstrauertags immer schon die Augen öffnen können. Das haben wir allerdings lange verdrängt.

Wer auf das Leiden unserer Mütter und Väter schaut, unserer Großeltern und unzähliger anderer Menschen aller Zeiten, der wird – wenn er auch nur halbwegs bei Troste ist – mit einstimmen müssen: Nie wieder Krieg.

Wie können wir das erreichen? Diese Frage drängt. Und wir wissen noch keine Antwort.

Wir müssen den Mut haben, das Dilemma aufrichtig zu formulieren. Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, die westfälische Präses Annette Kurschus, hat das vor der EKD-Synode in Magdeburg auf den Punkt gebracht: Zur Solidarität mit der Ukraine und zu ihrer militärischen Unterstützung müsse zwingend hinzukommen, in aller Mühsamkeit Wege zu einem Waffenstillstand zu suchen. „Wer, wenn nicht wir Kirchen“, fragt Kurschus, „hat die Freiheit zu fordern, was unmöglich scheint und doch so buchstäblich Not-wendig ist?“
Volkstrauertag 2022.

Ein Volk darf trauern. Das muss es sogar. Schon die Bibel erzählt davon.
Aber ein Volk darf dann auch beten, klagen, hoffen und auch dafür kämpfen und arbeiten, dass das unmöglich Scheinende geschieht. Wer, wenn nicht die Christinnen und Christen, sollte diese Hoffnung wachhalten, sie starkmachen und ins Gespräch bringen?

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