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„Höchst graziös und liebenswürdig anzuschauen“: Auch Johann Wolfgang von Goethe war ein Freund des Eichhörnchens. (Foto: Frank Krautschick)
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Sammler vor dem Herrn

Joachim Heinz | 10. November 2022

Vorräte anzulegen, darin sind Eichhörnchen Meister. Sie stehen auch für ein gottgefälliges Leben

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„Höchst graziös und liebenswürdig anzuschauen“: Auch Johann Wolfgang von Goethe war ein Freund des Eichhörnchens. (Foto: Frank Krautschick)

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Jetzt wuselt und wieselt es wieder über Wiesen und durch Wälder: Sciurus vulgaris: das Eichhörnchen. Es steht für den Teufel, aber genauso für ein gottgefälliges Leben. Ein Besuch bei einem der beliebtesten Wildtiere.

Eben huschte es noch vor unseren Augen über die Straße – jetzt saust es über unseren Köpfen durchs Geäst. Eichhörnchen gehören zu den wenigen Wesen, die zwischen Himmel und Erde zu Hause scheinen. Im Herbst haben die pelzigen Kobolde wieder alle Pfoten voll zu tun. Wintervorräte wollen angelegt sein: Nüsse, Eicheln oder Bucheckern trägt der emsige Nager zusammen.

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen: Auf hunderte Verstecke verteilen sich seine Vorräte – an immerhin bis zu 60 Prozent soll es sich nach zwei Monaten noch erinnern können. Das Irrlichternde des kleinen Tieres mit dem fuchsroten bis schwarzen Fell fasziniert die Menschheit seit alters her.

Symbol für die Suche nach ewiger Wahrheit

Dem Volksglauben nach nahm kein Geringerer als der Höllenfürst gelegentlich die harmlose Gestalt des Nagers an, um die Menschen etwa vom Gang in die Sonntagsmesse abzuhalten: „Der Teufel ist ein Eichhörnchen.“ Aber: Das Eichhörnchen, blitzschnell und immer auf dem Sprung, lässt sich so leicht nicht fassen. Der possierliche Sammler vor dem Herrn steht nämlich auch für ein gottgefälliges Leben. Städte wie Eckernförde oder Pfrondorf bei Tübingen führen es stolz in ihrem Wappen.

Als Symbol für die Suche nach der ewigen Wahrheit schmuggelte es der flämische Meister Hugo van der Goes 1470 in sein Altarbild „Die Anbetung der Könige“. In der Sankt-Laurentius-Kirche in Bonn-Lessenich ziert das Eichhörnchen nicht nur einen Bogen im Seitenschiff, sondern sitzt als moderne Skulptur auch auf einer Fensterbank. „Macht es wie die Eichhörnchen: Sammelt die reichen Gaben der Kirche, die in den Sakramenten geboten werden, für eure Winterzeit“, so deuten die katholischen Christen in Lessenich heute die Anwesenheit des Tieres.

Kunstgenie Albrecht Dürer setzte das Eichhörnchen ins Bild ebenso wie Aelbert Cuyp (1620-1691). Auf seinem „Porträt der Familie Sam“ führt ein kleiner Junge einen Nager an der Leine – ein Hinweis darauf, dass Eichhörnchen lange Zeit auch als Haustiere angesehen oder gar gehalten wurden. Johann Wolfgang von Goethe war höchst angetan von den flinken Gesellen. „Dies Geschöpfchen, eine Nuß eröffnend, besonders aber einen reifen Fichtenzapfen abspeisend, ist höchst graziös und liebenswürdig anzuschauen“, notierte der Poet.

Sein Kollege, der Dichter Friedrich Hebbel (1813-1863), nannte ein Hörnchen sein eigen und war zu Tode betrübt, als „Herzi, Lampi, Schatzi“ das Zeitliche segnete. Er suche nunmehr „in allem, was lebt und webt, ein unergründliches göttliches Geheimnis, dem man durch Liebe näher kommen kann. So hat das Tier mich veredelt.“

Der Zoologe Alfred Brehm bezeichnete das Eichhörnchen „eine der Hauptzierden unserer Wälder“. Wie viele Eichhörnchen sich aber heute im deutschen Wald tummeln, lässt sich laut Auskunft des Bundesamtes für Naturschutz nicht sagen. Um ihren Bestand muss man sich – anders als in Großbritannien, wo das aus Nordamerika stammende Grauhörnchen für Konkurrenz und Kummer sorgt – hierzulande jedoch noch keine Sorgen machen.

Trotzdem geraten immer wieder Eichhörnchen in Not, zum Beispiel Jungtiere, die aus dem Nest, dem Kobel, herausfallen. Initiativen wie die Organisation „Eichhörnchen Schutz e. V.“ geben im Internet Tipps, was im Ernstfall zu tun ist.

Wir spazieren derweil weiter und erfreuen uns wie unsere Ahnen an den artistischen Darbietungen von Sciurus vulgaris, was soviel heißt wie „der sich mit dem Schwanz Beschattende“. Der Schweizer Humanist Conrad Gesner (1516-1565) etwa notierte: „Wann das Aychhorn, um seine Nahrung zu suchen, an ein Wasser kommt und gern über dasselbe wäre, so sucht es ein Spänlein, darauf setzt es sich, braucht seinen Schwanz anstatt eines Segels, richtet auch denselben nach dem Winde und schiffet also über das Wasser.“ Toll!

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