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Mehr Herz statt Kopf

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 43 / 2022

Annemarie Heibrock | 24. Oktober 2022

Theologische Rede und fundierte Reflexionen reichen nicht aus, um Menschen zu gewinnen. In diesen Zeiten braucht es gute Gefühle und gemeinsame Erlebnisse. Auch in der Kirche.

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Für neue Denkanstöße ist Anna-Nicole Heinrich immer gut. Aufmerken kann man nun auch angesichts ihrer jüngsten Äußerungen. Bei einer Veranstaltung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklärte die im vergangenen Jahr gewählte 26-jährige Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, dass sie „neidisch“ sei auf verschiedene Rituale in der katholischen Kirche, und ergänzte: „Wo wir“ – gemeint waren Protestantinnen und Protestanten – „uns nur reindenken, könnt ihr euch irgendwie reinbewegen, reinfühlen“.

Sich reinbewegen in den Glauben, ihn sehen, schmecken, fühlen – das ist in der Tat nicht die größte Stärke der wortorientierten evangelischen Kirche. Wer schon einmal an einem katholischen Gottesdienst teilgenommen hat, weiß, dass der deutlich mehr Impulse für die Sinne bietet als der der evangelischen Nachbarn. Auch wenn nicht alles gefällt – zu sehen gibt es auf jeden Fall allerhand.

Menschen suchen nach wiederkehrenden Handlungen mit Symbolkraft, nach Handlungen, die eine Botschaft erleb- und spürbar machen, die sie einbinden in eine Gemeinschaft. Dafür ist heute, wenn man mal vom Fußball und von Königshäusern absieht, kaum mehr Platz in der Gesellschaft. Das dürfte wohl auch der Grund für die Faszination sein, die die Trauerfeierlichkeiten für Königin Elizabeth II. ausgelöst haben. Weltweit haben Milliarden Menschen – mitnichten nur Monarchie-Fans – das Geschehen verfolgt und wurden damit zumindest gefühlt Teil von etwas Größerem, etwas Höherem – wie auch immer diese Vorstellung im Einzelnen gefüllt worden sein mag.

Überhaupt: Monarchie und Kirche. Der Hamburger Sozialforscher Marcel Schütz sieht durchaus Parallelen zwischen beiden. Ihr jeweiliger Reiz liege darin, „dass sie immer etwas aus der Zeit Gefallenes, etwas Überzeitliches“ an sich hätten, sagte er in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst. In ihren Ritualen stünden beide für Kontinuität und Tradition, meint Schütz und weiter: „Ein größerer Kontrast zum hektischen, nervigen und stressigen politischen Tagesgeschäft ist kaum denkbar.“

Einen solchen Kontrast brauchen die Menschen offenbar. Gerade heute, wo der Alltag zunehmend belastet ist durch wachsende finanzielle Nöte, durch die Sorge um das Klima, den Frieden und die Zukunft Europas.

Heilsame Erlebnisse bieten die Kirchen schon jetzt. Aber könnten es, im Sinne dessen, was Anna-Nicole Heinrich gesagt hat, nicht noch mehr werden? Könnten Überlegungen zur zukünftigen Ausrichtung von Gemeinden nicht auch in diese Richtung gehen: Mehr Herz statt Kopf?

So wichtig die theologische Rede, die fundierte Reflexion auch sind – sie reichen nicht aus, um die Menschen zu erreichen. Erst recht nicht, um sie im Inneren zu berühren. Vielleicht können auch Evangelische hier ein wenig weiter denken. Die Kunst dabei wird sein, authentisch evangelisch zu bleiben: Neues zu wagen, ohne die Kirche zum dekorativen Hintergrund gefühliger Ereignisse zu degradieren und ohne Pfarrerinnen und Pfarrer zu Zeremonienmeistern der Nation zu machen.

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