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So wichtig wie Essen und Trinken

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 42 / 2022

Karin Ilgenfritz | 17. Oktober 2022

Mancher Konflikt könnte wohl vermieden werden, wenn die Menschen einander mehr zuhören würden. Von einem Menschen, der das ausprobierte – und über den Erfolg dann staunte

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In Hamburg gibt es in der U-Bahnhaltestelle Emilienstraße einen Zuhörkiosk. Was anfangs als Idee eines Autors entstand, um Anregungen zum Schreiben zu bekommen, ist inzwischen längst eine feste Einrichtung mit mehreren Ehrenamtlichen. Es kamen so viele Menschen, dass Christoph Busch, der Gründer des Projekts, nicht mehr zum Schreiben kam. „Ich höre zu“ steht außen am Kiosk. Das finden viele Menschen toll. Sie können es kaum glauben, dass da jemand ist, der die Frage stellt „Wie geht es dir?“ und dann zuhört.

Pfarrerinnen und Berater kennen diesen Effekt. Sie berichten, dass es bei seelsorgerlichen Gesprächen selten darum geht, jemandem gute Ratschläge und Tipps zu geben. Oft reicht es den Menschen, wenn sie erzählen können. Wenn sie den Eindruck haben, da interessiert sich jemand für sie. Am Ende heißt es dann: „Danke, Sie haben mir jetzt sehr geholfen.“

Auch im Alltag ist es wohltuend, wenn da jemand ist, der zuhört. Der nicht nur darauf brennt, selbst zu erzählen, sondern aufmerksam  bleibt und auf den anderen eingeht.
Woran das liegt?

Mancher mag dabei vielleicht zum ersten Mal überhaupt etwas aussprechen, was ihm oder ihr schon lange auf der Seele liegt. Plötzlich finden sich Worte für das, was einem schon seit Ewigkeiten im Kopf herumspukt. Durch die Gelegenheit zum Reden werden die Gedanken sortiert. Man bekommt selbst etwas mehr Distanz zu dem, was in einem vorgeht und kann die Dinge neu ordnen.

Manchmal tut aber auch schlicht die Aufmerksamkeit eines anderen gut. Das Gefühl, gesehen zu werden. Gerade für Menschen, die sich in sozialen Kontakten schwertun. Oder die wenig Kontaktmöglichkeiten haben.

Und so mancher Konflikt könnte vermieden werden, wenn sich die Menschen gegenseitig besser zuhören würden. Zum Glück kann man auch das Zuhören lernen. Eine Übung – etwa für Paare, die viel streiten – geht so: Eine Person redet, die andere hört nur zu. Sie unterbricht und kommentiert nicht. Die zuhörende Person sagt anschließend, was sie verstanden hat. Dann wird gewechselt. Anschließend tauscht man sich darüber aus.

Auch Jesus fordert die Menschen in der Bibel mehrmals auf, gut hinzuhören: „Wer Ohren hat zu hören, der höre.“ Mag es hier auch weniger um das teilnahmsvolle Zuhören gehen, sondern eher darum, dass die Menschen darauf achten sollen, was er, der Lehrer, zu sagen hat: Auf jeden Fall war Jesus ein gutes Vorbild für das Zuhören. Er hat die Nöte der Menschen erkannt, und sie haben sich von ihm verstanden gefühlt.

Ganz wichtig für Menschen, die viel für andere da sind und auf die Anliegen ihrer Mitmenschen achten, ist es, dass sie selbst jemanden haben, bei dem sie sich aussprechen können. Niemand kann immer nur zuhören, ohne auch selbst mal erzählen zu können, was ihn beschäftigt.

Das Beispiel in Hamburg zeigt, dass Zuhören keine Selbstverständlichkeit ist. Gerade weil es so selten geworden ist, ist es kostbar. Oder, wie es Christoph Busch ausdrückt: „Zuhören ist genauso grundlegend wie Essen und Trinken.“

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