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In vielen Städten demonstrieren Menschen, um auf die Proteste im Iran aufmerksam zu machen - wie hier in Stockholm. (Artin Bakhan on Unsplash)

Iran-Experte Gerlach: Es ist nicht nur ein Protest der Frauen

epd-Gespräch

Franziska Hein (epd) | 18. Oktober 2022

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In vielen Städten demonstrieren Menschen, um auf die Proteste im Iran aufmerksam zu machen - wie hier in Stockholm. (Artin Bakhan on Unsplash)

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Berlin (epd). Nach dem Tod einer jungen Iranerin Mitte September demonstrieren tausende Menschen für Freiheitsrechte und gegen die Unterdrückung. Nahost-Experte Daniel Gerlach erklärt, warum diese Proteste das Regime ernsthaft gefährden könnten und warum es sich nicht nur um ein Aufstand der Frauen handelt.

   Gerlach ist Mitgründer der Candid Foundation, einer Denkfabrik zur Förderung interkultureller Beziehungen mit den Gesellschaften in Nahost und Nordafrika. Der 45-Jährige ist außerdem Herausgeber des Orient-Fachmagazins «zenith».

   epd: Im Iran gibt es trotz der jahrzehntelangen Unterdrückung durch das Mullah-Regime eine politisch-bewusste Zivilgesellschaft. Oder täuscht der Eindruck?

   Daniel Gerlach: Es gibt eine sehr politisch bewusste und aktive Gesellschaft. Von einer Zivilgesellschaft würde ich hier nicht unbedingt sprechen, denn dabei denken wir zum Beispiel an Parteien, NGOs oder Vereine, in denen sich Menschen engagieren und organisieren. Das gibt es im Iran in dieser Form nicht.

epd: Wer gehört zur aktiven Gesellschaft?

   Gerlach: Bei den Protesten spielen Studenten ebenso eine Rolle wie traditionelle Gesellschaftsstrukturen, etwa der Basar. Die Händler in Teheran und anderen Städten sind eigentlich eine konservative Gruppe, haben den Basar aber zwischenzeitlich geschlossen. Das ist sicher ein Alarmsignal für das Regime. Außergewöhnlich ist auch der Streik der Ölarbeiter am Persischen Golf. Das trifft die iranische Wirtschaft an ihrer Achillesferse. Darüber kann das Regime nicht hinweggehen. In Gebieten mit starken ethnischen Minderheiten, etwa in kurdischen Gebieten oder im Süd-Osten des Landes, haben auch Stämme und sunnitische Religionsgelehrte großen Einfluss. Die getötete junge Frau Mahsa Amini stammte aus einer nicht unbedeutenden
kurdisch-sunnitischen Familie.

epd: Gibt es Unterstützung aus dem Machtapparat?

   Gerlach: Es gibt auch Religionsgelehrte aus dem schiitischen Establishment, die sich mit den Forderungen der Protestbewegung solidarisieren. Sie wollen Reformen im System, während hingegen viele der Demonstranten überzeugt zu sein scheinen, dass die Islamische Republik in ihrer derzeitigen Verfassung nicht mehr fortbestehen
kann.

epd: Viele sprechen davon, dass es ein Protest der Frauen ist. Wie ist ihre Rolle zu bewerten?

   Gerlach: Frauen sind sehr wichtig für diese vielfältige Bewegung, von einem «Protest der Frauen» würde ich gleichwohl nicht sprechen. Eine kritische Masse - darunter viele Männer - hat sich den Zielen der Frauen angeschlossen. Sie machen sich den Kampf gegen Unterdrückung und mangelnde Selbstbestimmung der Frauen zu eigen und identifizieren sich damit.

epd: Was ist anders als bei vorherigen Protesten?

   Gerlach: Die Universitäten, die Arbeiter, verschiedene ethnische Gruppen, traditionelle Netzwerke und der Basar haben sich nicht direkt verbündet oder organisiert, aber sie handeln synchron. Das ist ein einmaliger Vorgang. Das unterscheidet die aktuelle auch von früheren Protestbewegungen. Die Dynamik war sonst so, dass sich Proteste, auch wenn sie zu Beginn gesellschaftsübergreifend waren, nach einiger Zeit auf bestimmte Regionen oder Ethnien konzentrierten
und fragmentierten. Ich habe den Eindruck, dass jetzt viel mehr Bevölkerungsgruppen zusammenhalten.

epd: Wie gefährlich ist die Situation für das Regime?

   Gerlach: Sehr, aber vielleicht ist es auch eine Chance. Das Regime ist im Grunde ja das Ergebnis des Zusammenwirkens der herrschenden Religionsgelehrten unter Führung von Ayatollah Chamenei, der Revolutionsgarde und einiger zehntausend Familien, die als Stützen der politischen Ordnung gelten. Darauf basiert das System der Islamischen Republik. Wenn diese Allianz schwächelt und nicht mehr zu 100 Prozent hinter Revolutionsführer Chamenei steht, kann das System in eine riskante Schieflage geraten. Die Revolutionsgarde und die paramilitärischen Basij-Verbände - die unter dem Befehl des Revolutionsführers stehen - können Proteste mit Gewalt beenden. Aber auch sie brauchen einen gewissen Rückhalt in der Bevölkerung. Und
zudem gibt es Polizei- und Armeekräfte, die in Konkurrenz zur Revolutionsgarde stehen und von denen nicht klar ist, ob sie diesen Weg bis zum Ende mitgehen würden.

epd: Worin besteht die Chance?

   Gerlach: Teile des klerikalen Establishments sehen, dass es so nicht weitergeht. Unter einigen Klerikern gibt es schon lange die Überlegung, dass man den Rang des Obersten Rechtsgelehrten, der über alles wacht und jede politische Entscheidung kassieren kann, abschafft oder durch ein Gremium ersetzt, wenn Chamenei abdankt oder stirbt. Ein Modell wäre, dass man Iran vorübergehend in eine konstitutionelle Theokratie umwandelt, in dem der Oberste Rechtsgelehrte noch eine repräsentative Rolle hat, aber keine exekutive Macht. Der schiitische Klerus im Nachbarland Irak wäre auch ein Modell: Er hat dort gesellschaftlichen Einfluss, aber kein Regierungsamt. Auch könnte die verhasste Sittenpolizei abgeschafft oder zumindest stark in ihren Kompetenzen beschnitten werden. Saudi-Arabien - wenngleich es in vielen Punkten sicherlich nicht als Vorbild gelten kann - ist diesen Schritt gegangen.

epd: Spielen allgemeine Trends der Säkularisierung eine Rolle?

   Gerlach: Ich kenne kaum ein muslimisches Land, dessen Gesellschaft de facto so säkularisiert ist wie die iranische. Die permanente Politisierung der Religion und ihr totalitärer Anspruch haben dazu geführt, dass selbst Menschen, denen religiöse Werte und Spiritualität wichtig sind, religiöse Vorschriften nicht mehr akzeptieren. Die Moscheen und Gebetshäuser sind vielerorts leer. Das Argument der Unterstützer der Islamischen Republik war immer, dass sie Iran stabil mache und eine Ordnung aufrechterhalte. Diese Ordnung löst sich allerdings auf, wenn die Mehrheit der Bevölkerung sie nicht will. In den Städten sieht man derzeit nach dem, was ich höre, kaum noch schiitische Geistliche. Nicht, weil es sie nicht mehr gibt, sondern weil sie nicht mehr mit Turban und Ornat auf die Straße gehen - aus Angst vor dem Zorn der eigenen Bevölkerung.

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