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Hebräische Texte werden von rechts nach links gelesen – entsprechend sind auch die Noten im „Deutsch-Jüdischen Liederbuch“ gesetzt. (Foto: epd-bild/Karsten Packeiser)
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Musikalische Symbiose

Karsten Packeiser | 13. Oktober 2022

Von „Alef-Bet“ bis „O Tannenbaum“: Im Jahr 1912 veröffentlichte ein jüdischer Musiker ein ungewöhnliches Liederbuch

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Hebräische Texte werden von rechts nach links gelesen – entsprechend sind auch die Noten im „Deutsch-Jüdischen Liederbuch“ gesetzt. (Foto: epd-bild/Karsten Packeiser)

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Ein in Vergessenheit geratener Sammelband deutscher und hebräischer Lieder brachte selbst Fachleute zum Staunen. Nun wurde Abraham Zvi Idelsohns deutsch-jüdisches Liederbuch 110 Jahre nach dem Erscheinen neu aufgelegt.

Jahrzehntelang lagerte ein zerschlissenes rötlich-braunes Büchlein irgendwo im riesigen Fundus der Israelischen Nationalbibliothek, ohne dass jemand davon Kenntnis nahm. Dann stießen Thomas Spindler und sein Bruder Andreas auf den Band, als sie in Jerusalem alte Handschriften für ihr Digitalisierungsprojekt „Arche Musica“ suchten. Als sie eines der wenigen erhaltenen Exemplare von Abraham Zvi Idelsohns deutsch-jüdischem „Liederbuch“ in die Hände bekamen, staunten sie nicht schlecht.

Denn das 1912 vom „Hilfsverein der deutschen Juden“ für den Gebrauch in Kindergärten, Volks- und höheren Schulen herausgegebene Werk ist nicht nur in vielerlei Hinsicht einzigartig. Selbst in der Fachwelt war seine Existenz praktisch unbekannt. Der Mainzer Schott-Verlag hat Idelsohns Liederbuch 110 Jahre nach dem Erscheinen nun in einer bearbeiteten Version neu herausgegeben.

Den einen Teil des Bandes bildete eine Sammlung deutscher Volkslieder. Im anderen, in dem nicht nur die hebräischen Buchstaben, sondern auch die Noten von rechts nach links gelesen werden müssen, sind 100 der damals bedeutendsten hebräischsprachigen jüdischen Lieder zusammengestellt. Beide Sprachen stehen sich gleichberechtigt gegenüber. „Das Liederbuch ist eine wunderbare Zeitkapsel aus dem Berlin des Jahres 1912“, sagt Thomas Spindler. Es erinnere an eine Zeit, in der Juden in Deutschland geschätzte Amtsträger, Abgeordnete oder auch Mäzene waren.

In der jüdischen Welt ist Abraham Zvi Idelsohn kein Unbekannter. Der 1882 im damals russischen Felixberg (heute Jurkalne, Lettland) geborene Musikforscher war nach Stationen als Kantor in Synagogen im Deutschen Reich über Südafrika nach Palästina gelangt. Unter anderem wurde dank seiner Bearbeitung eine ursprünglich textlose chassidische Melodie unter dem Titel „Hava Nagila“ weltberühmt.

Die Liederauswahl, die Idelsohn für sein deutsch-jüdisches Schulbuch vornahm, mutet heute teilweise kurios an. Er stellte eine Mischung aus Jahrhunderte alten hebräischen Gesängen, osteuropäischen Wiegenliedern, den Werken zeitgenössischer russisch-jüdischer Komponisten und deutschen Volksliedern zusammen.

Heinrich Heines Lied von der Loreley fand dort ebenso Aufnahme wie „Oh Tannenbaum“ mit einem heute völlig unbekannten, alten Text oder das Studentenlied „Ergo bibamus“ („Also lasst uns trinken“). Vor seinem „Versuch“ habe es für die jüdischen Schulen im Orient nichts Vergleichbares gegeben, notierte der Verfasser in seinem Vorwort.

Dafür, dass die Neuauflage von 2022 nicht erneut in Vergessenheit gerät, will der Deutsche Chorverband sorgen. „Wir sehen unsere Aufgabe darin, dieses Buch zum Leben zu bringen“, verspricht Geschäftsführerin Veronika Petzold. Um den Deutschen das Singen der hebräischen Lieder zu vereinfachen, sind die Texte im Unterschied zur ursprünglichen Fassung in der modernen Fassung alle auch in lateinische Schrift übertragen worden.

Aber auch in Israel soll das Buch Verwendung finden. Danny Donner vom Musikkonservatorium Tel Aviv hat deutsche Lieder aus Idelsohns Liederbuch bereits mit einem Jugendchor in israelischen Altenheimen dargeboten – auch vor Holocaust-Überlebenden. „Ich habe lange Jahre nach einer Möglichkeit gesucht, eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft für die junge Generation in beiden Ländern zu bauen“, sagt der israelische Musiker.

• Deutsch-Jüdisches Liederbuch „Sefer Ha-Shirim“ (1912), Neuausgabe bearbeitet von Gila Flam. Verlag Schott Music, 244 Seiten, 24,50 Euro.

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