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Martin Luther und Philipp Melanchthon bei der Bibelübersetzung: Der Holzschnitt von 1857 zeigt die weitere gemeinsame Arbeit am „Septembertestament“ sowie an der Übersetzung des Alten Testaments. (Foto: akg-images)
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„Melanchthon hat mich genötigt“

Veit-Mario Thiede | 9. Oktober 2022

Die erste deutsche Fassung des Neuen Testaments war eine Teamarbeit von Martin Luther und seinen Mitarbeitern

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Martin Luther und Philipp Melanchthon bei der Bibelübersetzung: Der Holzschnitt von 1857 zeigt die weitere gemeinsame Arbeit am „Septembertestament“ sowie an der Übersetzung des Alten Testaments. (Foto: akg-images)
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Das gemeinsame Rätseln in der „Küche“ ist Teil des Escape-Spiels. (Foto: Fotoatelier Bilderwerk)
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Lucas Cranach der Ältere illustrierte die Offenbarung des Johannes. (Foto: epd-bild/Steffen Schellhorn)

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500 Jahre nach Erscheinen der ersten Luther-Übersetzung des Neuen Testaments feiert die Lutherstadt Wittenberg das Jubiläum mit mehreren Ausstellungen. Ein Rundgang.

Pünktlich zur Leipziger Buchmesse erschien am 21. September 1522 „Das Newe Testament Deutzsch“. Dieser Erstdruck von Martin Luthers Bibelübersetzung ist als „Septembertestament“ berühmt. Die Übertragung des griechischen Urtextes ins Deutsche begann der mit der Reichsacht belegte Reformator am 18. Dezember 1521 auf der Wartburg. Elf Wochen brauchte er für die Rohfassung, die er ab März in Wittenberg zur Druckreife veredelte. Sein Freund und Mitstreiter Philipp Melanchthon schwärmte: „Durch Gottes Gnade ist jene deutsche Übersetzung die glanzvollste und eleganteste von allen, die von Doktor Martin Luther mit größter Sorgfalt erarbeitet wurde.“

500 Jahre später feiert die Lutherstadt Wittenberg das Jubiläum des Septembertestaments. Die Stiftung Luthergedenkstätten lädt Schulklassen, Familien und Erwachsenen-Gruppen zur Mitmachausstellung „Tatort 1522 – Das Escapespiel zur Lutherbibel“ ein. Im Septembertestament ist die Offenbarung des Johannes mit Holzschnitten aus der Werkstatt Lucas Cranachs des Älteren illustriert. Das hat die Cranach-Stiftung dazu angeregt, im Cranach-Hof die Sonderausstellung „Apokalypse – Ein Blick in den Abgrund und darüber hinaus“ zu präsentieren.

Spielerisch den Spuren Luthers folgen

In dem von Luthers Schutzherrn Kurfürst Friedrich dem Weisen erbauten Schloss residiert die Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek. Sie wartet mit der Kabinettausstellung „Nicht ein Genius allein. Das Septembertestament von 1522“ auf.
Wie die Schau der Forschungsbibliothek betont auch „Tatort 1522“, dass die Bibelübersetzung Teamarbeit war. Die Kuratorin Katja Köhler erläutert: Führender Mitarbeiter Luthers war Melanchthon und auch Georg Spalatin, der Sekretär Friedrichs des Weisen, lieferte wichtige Beiträge. Beteiligt waren auch Johann Bugenhagen und weitere Wittenberger Reformatoren, Cranach mit Illustrationen sowie der Buchdrucker Melchior Lotter der Jüngere.

Im Escapespiel sollen die in den Ausstellungsräumen „eingesperrten“ Teams die verschwundene Übersetzung des Neuen Testaments finden, um sich zu „befreien“. Dazu müssen sie Rätsel lösen. Das geschieht in Räumen, die etwa als Melanchthons Arbeitszimmer, Lotters Druckerei oder Cranachs Werkstatt bezeichnet werden.

Im Informationsraum erfährt man alles Wichtige zu der von Luther und seinem Team geleisteten Bibelübersetzung. Sie gilt als der bedeutendste Text, der wesentlich zur Vereinheitlichung der deutschen Schriftsprache beigetragen hat. Eine vollgeschriebene Wand verdeutlicht, dass viele von Luther erfundene Wörter und Redewendungen noch heute gebräuchlich sind. Zum Beispiel „eigenwillig“, „Gewissensbisse“ oder „ein Herz und eine Seele“.

Von der Escapeausstellung geht es weiter zur Dauerausstellung des Lutherhauses. In dem ehemaligen Augustinerkloster lebte Luther ab 1508 zunächst als Mönch, später mit seiner Familie. Hier entstanden seine Schriften, die die Welt veränderten. Die „Lutherstube“ ist ein weitgehend im Originalzustand erhaltener Wohnraum, in dem sich die berühmten „Tischgespräche“ abspielten. Hier äußerte Luther: „Melanchthon hat mich genötigt, das Neue Testament zu übersetzen.“

Im Lutherhaus, dem größten reformationsgeschichtlichen Museum der Welt, findet man neben einem originalen Septembertestament auch seinen an mehr als 500 Textstellen verbesserten Nachfolger: das Dezembertestament. Wie schon sein Vorgänger, war es innerhalb kürzester Zeit vergriffen. Ebenso zu sehen ist die von Luther und seinem Team 1534 vorgelegte erste „Vollbibel“, also die deutsche Übersetzung des Alten und Neuen Testaments.

Luther stellte die Offenbarung des Johannes ans Ende der Bibelübersetzung, weil er sie nicht sonderlich schätzte. Sie erzählt von Gottes Zorn auf die Menschheit. Von dem bleiben nur die 144 000 Gottesfürchtigen verschont. Über den anderen Menschen aber werden die sieben Schalen des Zorns ausgeschüttet, Racheengel, gekrönte Riesenheuschrecken und siebenköpfige Ungeheuer wüten. Am bekanntesten sind die „Vier apokalyptischen Reiter“. Auf den Untergang der alten, sündigen Welt folgt die Erstehung des „neuen Jerusalem“, in dem die Menschen in Eintracht mit Gott leben.

Ein dankbarer Stoff für Künstler. Cranach lieferte für das Septembertestament 21 Holzschnitte. Anregungen holte er sich von Albrecht Dürers 15 Holzschnitt-Illustra­tionen der Offenbarung, die auch als Apokalypse bezeichnet wird. In seinen Illustrationen des Septembertestaments stattete Cranach das Ungeheuer aus dem Abgrund und die auf dem siebenköpfigen Tier reitende Hure Babylon mit der dreistöckigen Papstkrone (Tiara) aus. Im Dezembertestament kommt diese Schmähung des Papsttums nicht mehr vor.

Im Anwesen Cranach-Hof Markt 4, einem einstigen Wohnsitz der Malerfamilie, unterrichtet die Dauerschau über deren Leben und Schaffen. Zudem werden in der ab 10. September laufenden Sonderausstellung „Apokalypse“ die entsprechenden Holzschnitte Dürers und Cranachs gezeigt. Hinzu treten Lithografien Max Beckmanns sowie Druckgrafiken und Handzeichnungen weiterer Künstler des 16. bis 21. Jahrhunderts, die sich mit der Weltuntergangs-Thematik oder mit den von Dürer und Cranach gelieferten Vorbildern auseinandersetzen, wie Kuratorin Marlies Schmidt berichtet.

Wegbereiter, Mitstreiter und Gegner

Der Rundgang durch das Wittenberg der Bibelüberetzung führt weiter zum Schloss. Seit der zum Reformationsjubiläum 2017 abgeschlossenen Umrüstung ist es Sitz des Evangelischen Predigerseminars und der Reformationsgeschichtlichen Forschungsbibliothek. Sie hütet mehr als 220 000 Bücher. Entstanden ist sie aus der Zusammenführung der Bestände des Predigerseminars und des Lutherhauses.

Die Kabinettschau „Nicht ein Genius allein“ veranschaulicht die Voraussetzungen, die Entstehung und impulsgebende Kraft des Septembertestaments anhand hochrangiger Exponate. Zu ihnen gehören Exemplare des Septembertestaments, deren luxuriöse Ledereinbände Porträts von Luther und Melanchthon aufweisen, sowie von katholischer Seite als Reaktion auf die Lutherbibel herausgegebene deutsche „Gegenbibeln“. Aber bereits vor Luthers Übersetzung erschienen 18 deutsche Bibelausgaben. Bibliotheksleiter Matthias Meinhardt erklärt: „Ohne die Leistung Luthers zu schmälern, werden in unserer Ausstellung Wegbereiter, Mitstreiter und Gegner sichtbar.“

• „Tatort 1522“, bis 9. Juli 2023, Informationen: www.martinluther.de. „Apokalypse – ein Blick in den Abgrund und darüber hinaus“, bis 31. Januar 2023, Informationen: www.cranach-stiftung.de. „Nicht ein Genius allein. Das Septembertestament von 1522“, bis 30. November, Informationen: www.rfb-wittenberg.de

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