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Wohlstand – das verbinden wir häufig immer noch mit Konsum: Reich sind diejenigen, die sich viel leisten können. Wie verheerend das für die Umwelt ist, zeigt sich immer deutlicher. Der Predigttext führt das eindringlich vor Augen: Reichtum kann zerstören – das Gleichgewicht der Natur, die Beziehungen von Menschen untereinander und die Beziehung zu Gott. Wohlstand im Sinne von sozialer Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung kann nur gelingen, wenn wir achtsamer als bisher mit Gottes guten Gaben umgehen. (Foto: aerial-drone)

Wie geht wirklich gutes Leben?

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 40 / 2022

Johann Waas | 30. September 2022

Über den Predigttext zum Erntedankfest: 5. Mose 8, 7-18

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Wohlstand – das verbinden wir häufig immer noch mit Konsum: Reich sind diejenigen, die sich viel leisten können. Wie verheerend das für die Umwelt ist, zeigt sich immer deutlicher. Der Predigttext führt das eindringlich vor Augen: Reichtum kann zerstören – das Gleichgewicht der Natur, die Beziehungen von Menschen untereinander und die Beziehung zu Gott. Wohlstand im Sinne von sozialer Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung kann nur gelingen, wenn wir achtsamer als bisher mit Gottes guten Gaben umgehen. (Foto: aerial-drone)
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Johann Waas (38) ist Referent für Kirchliche Umweltarbeit und Schöpfungstheologie im Institut für Kirche und Gesellschaft in Villigst.

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Predigttext
7 Denn der Herr, dein Gott, führt dich in ein gutes Land, ein Land, darin Bäche und Quellen sind und Wasser in der Tiefe, die aus den Bergen und in den Auen fließen, 8 ein Land, darin Weizen, Gerste, Weinstöcke, Feigenbäume und Granatäpfel wachsen, ein Land, darin es Ölbäume und Honig gibt, 9 ein Land, wo du Brot genug zu essen hast, wo dir nichts mangelt, ein Land, in dessen Steinen Eisen ist, wo du Kupfererz aus den Bergen haust. 10 Und wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du den Herrn, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat. 11 So hüte dich nun davor, den Herrn, deinen Gott, zu vergessen, sodass du seine Gebote und seine Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, nicht hältst. 12 Wenn du nun gegessen hast und satt bist und schöne Häuser erbaust und darin wohnst 13 und deine Rinder und Schafe und Silber und Gold und alles, was du hast, sich mehrt, 14 dann hüte dich, dass dein Herz sich nicht überhebt und du den Herrn, deinen Gott, vergisst, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft, 15 und dich geleitet hat durch die große und furchtbare Wüste, wo feurige Schlangen und Skorpione und lauter Dürre und kein Wasser war, und ließ dir Wasser aus dem harten Felsen hervorgehen 16 und speiste dich mit Manna in der Wüste, von dem deine Väter nichts gewusst haben, auf dass er dich demütigte und versuchte, damit er dir hernach wohltäte. 17 Du könntest sonst sagen in deinem Herzen: Meine Kräfte und meiner Hände Stärke haben mir diesen Reichtum gewonnen. 18 Sondern gedenke an den Herrn, deinen Gott; denn er ist’s, der dir Kräfte gibt, Reichtum zu gewinnen, auf dass er hielte seinen Bund, den er deinen Vätern geschworen hat, so wie es heute ist.

Ich öffne die Tür. Noch ist die Luft angenehm kühl. Ich genieße den Blick ins Tal, das ruhig in der Morgensonne liegt. Mit einer Schale in der Hand gehe ich durch den Garten zu den Brombeeren. Sie hängen üppig am Strauch und füllen meine Schale schnell und ich gehe zum Frühstückstisch. Wie schön, dass ich es „nicht armselig essen“ muss, sondern mit Obst aus dem Garten und Milch vom Bauern nebenan.

Ich beginne über die Andacht nachzudenken, die ich zum „guten Land“ (5. Mose 8) schreiben soll. Die Früchte sind gewachsen, obwohl wir dieses Jahr den Garten etwas vernachlässigt haben. In meinen Kopf klingt eine Melodie von: „Alle gute Gabe kommt her von Gott…“ (EG 508).
Wohne ich nicht in dem „guten Land“?

Kann Wohlstand gefährlich werden?

Mittags gehe ich noch mal vor die Tür. Hitze schlägt mir entgegen. Es ist zu trocken. Der Rasen ist längst verdorrt und zwischen den reifen Brombeeren hängen beim genaueren Hinsehen auch viele vertrocknete Früchte. Sind das Vorboten des menschengemachten Klimawandels?

Wieder kommt mir der Andachtstext in den Sinn. Kann Wohlstand uns und dem „guten Land“, in dem ich lebe, wirklich gefährlich werden? Hat nicht der Wohlstand das gute Leben mit Krankenversicherung, Mobilität und Sportschau erst ermöglicht? Der Text warnt, dass es menschlich ist, über das Maß Dinge anzuhäufen. Würde man heute alle menschengemachten Dinge (Autos, Plüschtiere, Häuser, Straßen…) auf eine Waagschale legen und auf die andere Waagschale alle Biomasse (Tiere, Bäume, Gänseblümchen, Pilze…), wären sie in etwa gleich schwer.

Schwer vorstellbar und bedrückend, wieviel „Berge von Gold und Silber“ wir Menschen angehäuft haben. Nicht selten andere Lebewesen erdrückend. Zunehmend wird das auch für uns Menschen gefährlich. Irgendwie erscheint mir der Text unangenehm aktuell. Lohnt sich ein Blick auf seine Ratschläge? „Vergiss Gott vor lauter Wohlstand nicht und halte seine Gebote.“ Klingt sehr moralistisch.

Andererseits – Gottes Gebote wollen uns nicht klein machen, sondern ein Wegweiser zum gelingenden Leben sein. Sie weisen darauf hin, dass es kein wirklich gutes Leben geben kann, wenn die Einen nicht genug zum Leben haben, während die Anderen Reichtum in einem Umfang besitzen, der Menschen und Lebewesen erdrückt. Daran – so der Text – ändert auch die Selbstrechtfertigung nichts, es sich ja selbst durch Leistung verdient zu haben.

Wo wir aufhören, uns zu rechtfertigen und anfangen, über Gottes Gaben zu staunen, werden wir bereit für das Geschenk eines Lebens in Fülle. Diese Fülle bleibt aber nur erhalten, wo sie auch den Anderen, insbesondere den Armen und die Mitgeschöpfe, im Blick behält.

Abends sitze ich auf der Bank vor dem Haus: Ich bin mit der Andacht gedanklich noch nicht fertig. Der Teil mit den Geboten und dem guten Leben trägt. Aber da bleibt noch dieser zweite Teil „Gott gedenken und danken“. Hat das Ganze nicht doch mehr mit mir und meiner Gottesbeziehung zu tun, als ich gern zugebe?

„Wer danken gelernt hat, ist gesund geworden“ (Friedrich von Bodelschwingh).

Gebet

Vater, hab Dank für all die guten Gaben, mit denen du unser Leben füllst. Befreie uns davon, ängstlich für uns festzuhalten, was du in Fülle schenkst. Lass uns teilen lernen. Hab Dank, dass du auch dann „trotzig“ an uns festhältst, wenn wir dich vergessen. Hilf uns, dich und deine Schöpfung besser kennen, lieben und loben zu lernen. Amen.

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