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Reiche Ernte: Wenn das, was auf den Feldern gewachsen ist, gerecht geteilt wird, reichen die Vorräte für alle. (Foto: branex)

Vom Ernten, Lagern und Teilen

Anke von Legat | 2. Oktober 2022

Das Erntedankfest markiert den Übergang vom Überfluss zur Sparsamkeit. Dabei sollen alle zu ihrem Recht kommen

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Reiche Ernte: Wenn das, was auf den Feldern gewachsen ist, gerecht geteilt wird, reichen die Vorräte für alle. (Foto: branex)

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Spare in der Zeit, dann hast du in der Not – so lässt sich das Sammeln und Lagern von Vorräten für den Winter kurz auf den Punkt bringen. Ein sorgfältiger und sparsamer Umgang mit Lebensmitteln ist bis heute überlebensnotwendig, gerade angesichts drohender Hungersnöte in manchen Gegenden der Welt. Aber die Bibel zeigt auch andere Aspekte von Ernten und Sammeln.

Der Überfluss einer gelungenen Ernte – war für ein Glück! Nach der Mühsal des Sammelns und Erntens wird gefeiert, mit Gesängen, Gebeten und natürlich gutem Essen. So war es Jahrtausende lang Brauch in bäuerlichen Kulturen. Im Israel des Alten Testaments etwa waren die Feste der Getreideernte und der Traubenernte neben dem Passahfest die wichtigsten Markierungen im Jahreslauf und stellten den Dank an Gott als den Geber aller Gaben in den Mittelpunkt.

Wichtiges Wissen: Vorräte sicher lagern

Aber das Einsammeln der Ernte war nicht alles. Ebenso wichtig waren besondere Fertigkeiten und Techniken, mit deren Hilfe die Schätze, die den Sommer über gewachsen und gereift waren, über die folgenden Monate genießbar blieben. Jede Menge Wissen, Sorgfalt und viele kleinteilige Arbeitsschritte waren notwendig, um das, was mit Hilfe moderner Kühltechnik heute kein Problem mehr ist, zu erreichen. Das Korn lagerte in Speichern, Obst und Gemüse wurden trocken und luftig verpackt im Kühlen und Dunklen verwahrt.

Was sich so nicht lange hielt, wurde zusätzlich haltbar gemacht: Trocknen, pökeln und räuchern, vergären, einkochen und einwecken sind alte Kulturtechniken, die dazu beitrugen, die Fülle der Ernte über die karge Periode des Winters zu strecken. Dazu kam Viehfutter wie Heu, das ebenfalls über Monate hinweg aufbewahrt werden musste.

Wer so vorsorgte, den Überfluss einlagerte und damit Maß hielt, galt als klug. Zu Recht: Die Vorräte waren die Lebensversicherung für Mensch und Tier, bis zum nächsten Frühling, wenn die ersten essbaren Pflanzen wieder wuchsen. So war der Winter immer auch eine Zeit der Sorge: Würde es reichen – für alle?

Kein Wunder, dass Fleiß beim Ernten und Sparsamkeit beim Verbrauchen als Tugenden galten. Wie in der Fabel von der Heuschrecke und der Ameise, die es gleich in mehreren Versionen gibt; die bekanntesten sind die des antiken griechischen Dichters Aesop (6. Jh. v. Chr.) und des französischen Autors Jean de la Fontaine (1621-1695). Die Geschichte wird bei beiden etwa gleich erzählt: Die Heuschrecke hatte sich und andere den ganzen Sommer über mit Gesang amüsiert, während die fleißige Ameise für den Winter Vorräte gesammelt hatte. Als der Winter kam, wurde die Heuschrecke so von Kälte und Hunger geplagt, dass sie bei der Ameise um Almosen betteln musste. Die aber sah keinen Grund zur Großzügigkeit. „Hast du im Sommer singen und pfeifen können, so kannst du jetzt im Winter tanzen“, lautete ihre Antwort.

Die Moral der Geschichte scheint auf den ersten Blick eindeutig: Wer sich müht mit Sammeln, Ernten und Einlagern, soll auch essen – während diejenigen, die sich nicht an dieser Arbeit beteiligen, eben sehen müssen, wo sie bleiben. Sogar mit der Bibel können sich die ameisengleich Fleißigen und Sparsamen im Einklang fühlen: „Geh zur Ameise, du Fauler; sieh ihre Wege, und werde weise. Obwohl sie keinen Befehlshaber, Beamten oder Herrscher hat, bereitet sie doch im Sommer ihre Speise; sie hat ja in der Ernte ihre Nahrungsvorräte eingesammelt“, heißt es in Sprüche 6,6-8.

Aber ganz so einfach ist die Sache nicht. Denn an anderen Stellen in der Bibel stehen diejenigen in der Kritik, die sich verhalten wie die Ameise in der Fabel: Nicht das Festklammern an erworbenem Gut ist es, das ein Leben nach Gottes Maßstäben gut und gerecht macht – so wichtig und lebensnotwendig es auch sein mag. Mindestens ebenso notwendig ist nämlich das Miteinander in der Gemeinschaft, in der alle zu ihrem Recht kommen. Das gilt ausdrücklich auch für diejenigen, die aus verschiedenen Gründen keine eigene Ernte einfahren können. Darum ist es in der Tora festgelegt, dass Witwen und Waisen, Fremdlinge und Leviten – als vermutlich landlose Priesterkaste – die Erntefeste mitfeiern dürfen und mit versorgt werden aus den  eingebrachten Vorräten (5. Mose 16,9-15).

Diese soziale Forderung an die Besitzenden ist jedoch nicht der einzige Aspekt, unter dem das Festhalten an individuellem Reichtum in der Bibel kritisch gesehen wird. Man denke nur an den reichen Kornbauern, von dem Jesus im Gleichnis erzählt (Lukas 12,16-21). Der weiß zwar bestens über die Vorteile einer nachhaltigen Lagerhaltung Bescheid, wiegt sich dadurch aber in falscher materieller Sicherheit. Dass sein Leben letztlich in Gottes Hand liegt, gerät ihm dabei aus dem Blick, und damit Sinn und Ziel seines Daseins.

Geradezu ein Gegenentwurf zu den „Preppern“ – also denen, die fast schon manisch Vorräte lagern – sind die Vögel unter dem Himmel, die Jesus in der Bergpredigt als Vorbilder für einen vertrauensvollen Glauben heranzieht: „Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?“ (Matthäus 6,26) …). Da klingt tatsächlich eine Sorglosigkeit durch, die auch die Heuschrecke der Fabel für sich in Anspruch nehmen kann.

Wahrscheinlich steckt in jeder und jedem ein Teil Ameise und ein Teil Heuschrecke in unterschiedlicher Ausprägung. Und wo die kluge und vorausschauende Ameise sich vor Geiz hüten muss, muss die Heuschrecke aufpassen, dass ihr großzügiger Umgang mit Zeit und Schönheit nicht einseitig zu Lasten anderer geht. Auch das ist eine Botschaft des Erntedankfestes.

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