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Sänger Oliver Perau weiß, dass er mit Musik aus der Jugend seiner Zuhörer viel erreichen kann – wie zum Beispiel hier im „Haus am Bürgerpark“ in Wunstorf. (Foto: epd-bild / Nancy Heusel)
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Musik ist die beste Therapie

Michael Grau | 6. Oktober 2022

Bei Senioren, besonders bei Demenzkranken, können Lieder aus ihrer Jugend verborgene Erinnerungen hervorholen

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Sänger Oliver Perau weiß, dass er mit Musik aus der Jugend seiner Zuhörer viel erreichen kann – wie zum Beispiel hier im „Haus am Bürgerpark“ in Wunstorf. (Foto: epd-bild / Nancy Heusel)
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Musikmediziner Eckart Altenmüller (Foto: epd-bild / Jens Schulze)

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Bei demenzkranken Menschen erlischt allmählich die Erinnerung. Doch die Hits ihrer Jugend sind oft noch gut im Gedächtnis verankert. Musiker aus Hannover spielen ihnen diese Lieder vor – und lassen Erinnerungen wieder lebendig werden.

Wunstorf. Frau S. ist gut drauf. Sie erhebt sich vom Stuhl, neben dem sie den Rollator geparkt hat, schnappt sich ihren Gehstock und tänzelt im Rhythmus der Musik zur Terrasse. Dort swingt die Band vom Team „Klang und Leben“ gerade einen alten Hit: „Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann.“ Ein Schlager von Trude Herr aus dem Jahr 1960. Sänger Oliver Perau hat ihn angestimmt, begleitet von Pianist und Schlagzeuger.

Perau (52) gründete 1988 die Rock-Band „Terry Hoax“. Seit zehn Jahren singt er auch abseits des Rampenlichts: in Alten- und Pflegeheimen. „Wir wollen zeigen, dass man mit Musik unglaublich viele erreichen kann – auch Menschen, die dement sind“, sagt er. Im Diakonie-Seniorenzentrum „Haus am Bürgerpark“ in Wunstorf bei Hannover haben sich an diesem Tag bis zu 50 alte Menschen zum Konzert versammelt. Fast alle sind über 80.

Von Lale Andersen bis Udo Jürgens

Dass die Musiker gezielt für ältere Menschen spielen, hat einen wissenschaftlichen Hintergrund. Forscher der Musikhochschule Hannover haben herausgefunden, dass Musik-Erlebnisse aus der Jugend sehr tief im emotionalen Gedächtnis gespeichert sind. Demenzkranke werden aktiviert, wenn sie die Musik hören, die für sie früher bedeutend war. Sie können dann Gedächtnisinhalte wieder reproduzieren. Wenn man ihnen dann ein Fotoalbum zeigt, können sie auch wieder Namen benennen, die sie zuvor vergessen hatten.

Deshalb packen Sänger Oliver Perau, Drummer Karsten Kniep und Keyboarder Andreas Meyer im „Haus am Bürgerpark“ einen alten Schlager nach dem anderen aus. Etwas nostalgisch „Die kleine Kneipe in unserer Straße“ von Peter Alexander, etwas rockig „Aber bitte mit Sahne“ von Udo Jürgens. Und mit Jazz-Feeling „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“ von Bill Ramsey. Auch „Lili Marleen“ von Lale Andersen aus dem Jahr 1939 ist natürlich dabei. Doch auch altbekannte Kirchenlieder können eine solche Wirkung haben.

Sänger Oliver gibt alles: Er tanzt mit dem Mikrofon zwischen den Tischen und Stühlen und seine Späße. „Ich habe mal mit einer 104-Jährigen getanzt“, erzählt er im Stil eines Entertainers. „Und ein Jahr später sogar mit einer 105-Jährigen.“ Die Pointe: Es war beide Male dieselbe Frau. Gelächter im Publikum. Aber die Story ist wahr. Die Dame starb schließlich mit 109.

Nur ein Teil der Bewohner im „Haus am Bürgerpark“ leidet unter Demenz. Spaß haben alle. Viele Füße wippen mit. Eine Frau mit weißer Haarpracht ballt die Hände zu Fäusten und schwingt sie im Takt. „Wunderbar, der ganze Nachmittag“, sagt die 99-jährige Maria Wahner. Rosa-Marie Knauthe fühlt sich an früher erinnert: „Mein Mann und ich waren auch Tänzer.“

Knapp 700 dieser Konzerte haben Oliver Perau und seine Band bisher schon gegeben – jedes Jahr 60 bis 70 Auftritte, seit der Verein „Klang und Leben“ vor zehn Jahren gegründet wurde. Spenden, Sponsoren und Mitgliederbeiträge tragen dazu bei, dass die Musiker ein Honorar erhalten. Manchmal steuern auch die Heime etwas zu. Große Gagen wie bei glamourösen Rockkonzerten sind das nicht. Doch als die Corona-Pandemie begann, zeigte sich, wie wertvoll das Projekt auch für die Musiker ist.

„Als im April 2020 nichts mehr ging, sind wir trotzdem weitergefahren mit unserem Bus“, erzählt Perau. „Da haben wir eben nicht mehr in den Heimen gespielt, sondern davor.“ Die Senioren lauschten dabei aus Fenstern und vom Balkon. Inzwischen hat die Band allein während der Pandemie bundesweit schon mehr als 150 Konzerte gespielt. Und nicht nur die alten Leute sind tief berührt – das Erlebnis wirkt auch auf die Musiker zurück: „Ich fahre in der Regel glücklicher nach Hause, als ich gekommen bin“, sagt Perau.

Auf der Terrasse beginnen inzwischen die Zugaben – mit symbolträchtigen Texten. „Junge, komm bald wieder“, singt Perau – der große Hit von Freddy Quinn. Und dann, auf Wunsch von Pflegekoordinatorin Katrin Bauer (54): „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ von Hans Albers. Alle fassen sich an den Händen, schunkeln, singen mit. „Es bewegen sich Bewohner, die sich sonst nicht so wirklich bewegen“, sagt Bauer. „Das sind einfach die schönen Momente in unserem Beruf.“

„An die Melodien erinnern sie sich wieder“

Bei Demenzerkrankungen kann altbekannte Musik eine gute Therapie gegen den Verlust der Gehirnleistung sein

Gegenwärtig leben in Deutschland etwa 1,8 Millionen Menschen mit Demenzerkrankungen. Noch kann man Demenz nicht heilen, sondern nur durch Medikamente und Pflege verzögern. Menschen mit fortgeschrittener Demenz vergessen vieles, oft sogar die Namen ihrer eigenen Kinder, jedoch nicht die Musik ihrer Jugend. Was man damit in der Demenztherapie bewirken kann, erklärt Musikmediziner Eckart Altenmüller von der Musikhochschule in Hannover im Gespräch mit Michael Grau.

 

Kann Musik demenzkranken Menschen helfen, ihre verschütteten Erinnerungen wiederzufinden?
Eckart Altenmüller: Ja, das kann sie definitiv. Musikalische Erlebnisse sind sehr intensive Erlebnisse, die tief im emotionalen Gedächtnis abgespeichert werden. Das sind Zentren, die in der Tiefe des Gehirns im sogenannten limbischen System liegen. Und die sind erfreulicherweise durch die Abbauprozesse bei Demenz-Krankheiten nicht so stark betroffen. Es kann sein, dass die Patienten alle möglichen Sachen vergessen, dass sie sogar ihre Kinder und Enkelkinder nicht mehr wiedererkennen und die Namen nicht behalten. Aber an die Melodien erinnern sie sich doch wieder. Und man kann diese Erinnerungen wieder hervorrufen, indem man Melodien aus der Zeit spielt, in der sie emotional besonders von der Musik bewegt waren. Und das ist die Jugendzeit, also ungefähr das Alter zwischen 15 und 25 Jahren.

Warum gerade dieses Alter?
Weil sich in dem Alter die Persönlichkeit konstituiert. Und Musik ist dabei ein wichtiger Teil der Identität. Außerdem passieren da viele Dinge zum ersten Mal mit Musikbegleitung. Der erste Tanz oder bestimmte Feiern. Jede neue Erfahrung, die durch Musik unterstützt wird, wird besonders tief abgespeichert.

Also für die ganz Alten ist das „Lili Marleen“ und für die etwas Jüngeren die Rolling Stones?
Genau. Und noch eine Generation weiter wird es dann Tokio Hotel sein. Das ist alles Musik, die an sich schon sehr emotional ist und die wichtigen menschlichen Gefühle anspricht. Bei „Lili Marleen“ ist das die Sehnsucht und die Liebebedürftigkeit. Bei „Yesterday“ von den Beatles ist es die Nostalgie und das eigene Fehlverhalten. Das sind alles Dinge, die wichtige biografische Punkte in unserem Leben ausmachen.

Ist das auch bei klassischer Musik so?
Ja. Aber die emotionale Wirkung von Musik wird über Texte noch verstärkt.

Wie kommt das?
Unser Hören ist nicht nur Akustik, sondern angereichert mit Erinnerungen. Es entsteht eine eigene emotionale Welt. Wenn ich „Yesterday“ von den Beatles höre, denke ich vielleicht: Wie war das schön, als ich mit meiner Freundin am See war. Das sind Dinge, die zusätzlich zur Musik aufaddiert werden zur emotionalen Bewegung. Ein gutes Beispiel ist auch „We are the Champions“ von Queen.

Wie lautet Ihre Empfehlung an Menschen, die Demenzkranke betreuen?
Wenn die Demenzkranken gern Musik hören: Sie oft Musik hören lassen und mit ihnen singen – bevorzugt die Lieder, die sie gut kennen aus ihren jüngeren Jahren. Hinzu kommt: Musik kann Stress abbauen. Und als demenzkranker Mensch hat man eigentlich immer Stress, weil man ja nie weiß, was jetzt als Nächstes passiert.

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