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Pfarrer Nulf Schade-James tritt als Travestie-Künstler Greta Gallus bei der Gala der Travestie im Gemeindesaal der Friedenskirche im Viertel Gallus in Frankfurt am Main auf. (Foto: epd-bild/Thomas Lohnes)
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Pfarrer tritt als Drag-Queen auf

Carina Dobra | 27. September 2022

Travestie-Gala in evangelischer Frankfurter Friedenskirchengemeinde

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Pfarrer Nulf Schade-James tritt als Travestie-Künstler Greta Gallus bei der Gala der Travestie im Gemeindesaal der Friedenskirche im Viertel Gallus in Frankfurt am Main auf. (Foto: epd-bild/Thomas Lohnes)

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Der homosexuelle Frankfurter Gemeindepfarrer Nulf Schade-James kämpft seit den 1980er Jahren für die Gleichstellung von Schwulen und Lesben in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Ab und zu verwandelt er sich in eine Drag-Queen.

Frankfurt a.M. (epd). So richtig wollen die langen, glitzernden Kunst-Wimpern nicht halten auf dem Augenlid des Frankfurter Gemeindepfarrers Nulf Schade-James. Und obwohl die Travestie-Gala im Keller der Friedenskirche im Gallus in knapp einer Stunde losgeht, bleibt der 64-Jährige tiefenentspannt.

   Zwei Stunden braucht der schwule Pfarrer ungefähr, um sich in die Kunstfigur «Greta Gallus» zu verwandeln: Eine stark geschminkte Dame mit üppigem Busen, grasgrünem Glitzerkleid und bunter Locken-Haarpracht. Denn wenn Schade-James nicht auf der Kanzel predigt, tritt er gelegentlich als Travestie-Künstlerin auf.

   «Als ich klein war, wollte ich genau zwei Sachen werden: Pfarrer und Schauspieler. Ich gehöre auf die Bühne!», erzählt der Theologe, während er seine Lippen mit dunklem Lipliner nachzieht und ein kleines Döschen mit Glitzer aus seinem rosa Beauty-Koffer fischt: «Ich sag immer: Jeder sollte ein bisschen Glitzer tragen.» Großzügig tupft er sich das Glitter unter die nachgezogenen Augenbrauen.

   Bereits 1983 gründete der Hesse mit einem gleichgesinnten Kollegen das Duo «Sodom und Gomorrha». Seit dessen Auflösung ist er als «Greta Gallus, Freifrau von Sodom ohne Gomorrha» unterwegs.

   «Eigentlich ist das hier das Büro der Gemeindepädagogin», erzählt Schade-James, der seit 1989 Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Frieden und Versöhnung ist. An der Wand hängt ein goldenes Kreuz, vor dem Bücherregal ist ein Kleiderständer geparkt mit bodenlangen Kleidern mit vielen Pailletten und Tüll.

   2019 hatte die Frankfurter Gemeinde die Idee zu einer «Gala der Travestie» - damals als Erinnerung an den 50. Jahrestag des Aufstands gegen den Polizeieinsatz in der New Yorker Szenebar «Stonewall Inn». Er gilt als Beginn der queeren Bewegung. Ehrengast auf der ersten Gala war ein Urgestein der Travestie-Szene: Cristina aus Amsterdam. Der inzwischen verstorbenen Travestie-Künstlerin widmet Schade-James die diesjährige Show.

   Pfarrer Nulf Schade-James ist bekannt für seinen unermüdlichen Kampf für die Rechte Homosexueller innerhalb der hessen-nassauischen Landeskirche. Im Herbst 2001 trug er mit einer emotionalen Rede vor der Synode dazu bei, dass das Gremium ein Jahr später mit großer Mehrheit die Segnung homosexueller Partnerschaften in der Kirche ermöglichte.

   In seiner Gemeinde entschied der damalige Kirchenvorstand schon 1994, dass homosexuelle Paare in der Friedenskirche, etwas später auch in der damaligen Versöhnungskirche, heiraten durften. Seit 1983 war die Kirche außerdem Treffpunkt für die Gruppe «Homosexuelle und Kirche». Jedes Jahr trommelt Schade-James seine Anhängerinnen und Anhänger zum Christopher Street Day Frankfurt. Traditionell mit im Gepäck: Die riesige Regenbogenfahne, mit der es durch die Stadt geht.

   Die Gemeinde ist stolz auf ihren Pfarrer. «Unsere Gesellschaft ist bunt. Und die Kirche ist auch viel bunter, als viele Leute denken», betont etwa die Gemeindepädagogin für Kinder und Jugendliche, Fa-Rung Rath. Viele Menschen auch außerhalb des Gallus würden sich ganz bewusst für die Gemeinde in der Frankenallee entscheiden. Die Sache mit der Travestie-Show findet die 34-Jährige großartig: «Ich war früher Make-Up-Artist, deswegen ist das natürlich meine Welt!» Und: Die Mädels aus ihrer Jugendgruppe waren auch sofort angetan und helfen heute hinter der Theke aus - natürlich ebenfalls im Glitzer-Outfit.

   Im Gemeindekeller erinnert heute Abend nicht viel an Kirche. Von der Decke hängen rote Herzen und eine Discokugel. Auf den Tischen liegen dunkelrote Samt-Deckchen mit Glitzerstaub. «Heutzutage darf man über alles reden. Und genau deswegen passt Travestie genau hier rein!», findet Brigitte aus dem Publikum, die sich einen pinkfarbenen Federschal über die Schultern drapiert hat.

   «Es ist immer gut, wenn der Pfarrer die Menschen glücklich macht», sagt Nulf Schade-James. Besonders nach den Lockdowns freue er sich über lachende Gesichter. Travestie in der Kirche - vermutlich gefällt das nicht jedem. «Persönlich hat sich noch nie jemand bei mir beschwert. Das trauen sich die Leute gar nicht», ist der Pfarrer überzeugt und betont: «Wie viele schwule Männer und lesbische Frauen sind aus der Kirche ausgetreten, weil sie nicht gewollt waren?» Da müssen wir ganz viel dran arbeiten und Gutes leisten.« Wenig später trällert er als Greta den Schlager-Klassiker »Tulpen aus Amsterdam" von der Bühne und streut Glitzerpulver in die Menge.

Buchhinweis:

Nulf Schade-James - «Gottes Kleid ist bunt - wie ein schwuler Pfarrer die Kirche veränderte» (E-Book) BookRix 2017, 164 Seiten, 9,99 Euro.

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Leser-Kommentare öffnen

ellybe, 29. September 2022, 11:11 Uhr


Wen kann es da noch wundern, dass Christ/inn/en aus der Kirche austreten?
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Celtic, 16. Oktober 2022, 17:00 Uhr


Genau solche Kommentare wie Ihrer sorgen dafür, das Menschen sich mit der Kirche nicht mehr identifizieren. Aber Gott sei dank ist die Haltung, die Sie an den Tag legen in der evangelischen Kirche nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme. Viele anständige Menschen beginnen sich mittlerweile ernsthaft mit dem Thema Toleranz auseinanderzusetzen und dazu gehört eben auch das wir die Homosexualität als etwas normales und selbstverständliches ansehen.

ellybe, 31. Oktober 2022, 12:05 Uhr


Ach so, Menschen wie ich gehören Ihrer Ansicht nach nicht zu den anständigen und toleranten Menschen? Oder wie meinen Sie das, was Sie schreiben - übrigens nach Ihren eigenen orthographischen Regeln...
Vielleicht sollten Sie einmal Ihr Verständnis von Toleranz selbstkritisch überprüfen.

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Alwite, 23. Oktober 2022, 8:57 Uhr


Paradiesvögel wie diese, sind ein völlig normales Naturereignis. Ihre lauten, auffälligen Auftritte dazu Rituale wie alle anderen. Diesen auch in Kirchen die Bühne frei zu geben, ist längst überfällig.
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ellybe, 31. Oktober 2022, 12:20 Uhr


Es ist schon sehr merkwürdig, dass "Paradiesvögel wie diese" in dem Paradies, dass ich aus der Bibel kenne, nicht vorkommen - dass die Bibel ihnen also nicht, anders als unsere evangelische Kirche, "die Bühne frei" gegeben hat. Bisher war mir dafür nur ein gewisser Bereich von St. Pauli u.ä. bekannt. Wenn ich so etwas sehen und mich entsprechend amüsieren will, suche ich daher - tolerant wie ich bin - ein entsprechendes Variete auf.
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Alwite, 2. November 2022, 9:21 Uhr


Irrst Du da nicht?
Kein St.Pauli-Besucher und kein Inhaber einer St.Pauli-Loklität käme auf die Idee, die dort öffentlichen Auftritte der Heilsarmee an den Ort zu verweisen, wo sie Deiner Meinung nach hingehört. Sag jetzt bitte nicht, dass dies etwas anderes sei.

ellybe, 3. November 2022, 11:41 Uhr


Sag ich nicht, denke ich nur, denn: Die Heilsarmee, von der ich sehr viel halte, gehört für mich nicht zu den "Paradiesvögeln" der Art jenes Gemeindepfarrers - bzw.: Ihre Art von "Paradiesvögeln" ist mir sehr sympathisch, da es ihr nicht (auch) um eine möglichst auffällige Selbstdarstellung und Selbstverwirklichung geht, sondern (allein) um das Heil ihrer MitMenschen.

Alwite, 3. November 2022, 13:22 Uhr


Wiedersprichst Du Dir hier nicht erneut?
Ist die Uniform der Heilsarmee auf St.Pauli nicht eben so fremdartig wie die Aufmachung des Gemeindepfarrer Nulf Schade-James in der Kirche?
Du mutest den Wirten auf St.Pauli die fremdartig Uniformierten der Heilsarmee zu, der Kirche einen fremdartig gekleideten Gemeindepfarrer nicht?
Worin besteht Deiner Meinung nach denn der Unterschied?



ellybe, 4. November 2022, 18:11 Uhr


Also, wenn Du das nicht selber weißt?!
Abgesehen davon:
Warum gehst Du auf meine Argumentation nicht ein?

Alwite, 4. November 2022, 20:12 Uhr


Bitte welche Argumente?

ellybe, 5. November 2022, 12:44 Uhr


Welche Argumente? Lies doch bitte mit offenen Augen, was ich bisher geschrieben habe. -
Zu Deiner Anmerkung vom 3. November über die Heilsarmee zwei Zitate von der Homepage derselben:
1. "Die Uniform der Heilssoldaten ist...ein sichtbares Bekenntnis ihres Glaubens." Lässt sich das auch von der "Aufmachung" des Gemeindepfarrers sagen?
2. "Als Dienstkleidung hat sie eine Schutzfunktion." Die Dienstkleidung eines Gemeindepfarrers ist der Talar, nicht seine Kostümierung als Travestie-Künstler.
Also wenn das kein Unterschied ist?!

Alwite, 5. November 2022, 16:08 Uhr


Wenn die Kostümierung nun schlicht ein sichtbarer Hilferuf um Wahrnehmung ist, soll die Kirche sich dem dann verweigern?




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Erika Moers, 6. November 2022, 9:33 Uhr


Heilsarmee : Paradiesvogel
Spannend!
Krasser Unterschied zunächst für Auge und Ohr.
Auch wenn mich persönlich eher leise Töne, sanfte Farben beeindrucken - die bunten und lauten Auftritte Pfarrer Schade-James' (der erst hier in der Diskussion zum "Paradiesvogel" wird :-) ) sind Botschaften, die eben auch in unserer bunten und lauten Welt ankommen und Sehende und Hörende abholen und mitnehmen sollen.
Sind wir nicht auch in unserer Kirche schon ein ein ganzes Stück vorangekommen?
Schlichtes Grau und Glitzer - Beiden geht es um das Wohl von Menschen. Passt.
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