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Als strahlender Held ist der Erzengel Michael auf der Kuppel des Schweriner Schlosses dargestellt. Zu seinen Füßen liegt der besiegte Drache, Symbol für das Böse. (Foto: Anna Baier)

Die Streiter Gottes

Tilman Baier | 29. September 2022

Am 29. September ist „Tag des Erzengels Michael und aller Engel“

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Als strahlender Held ist der Erzengel Michael auf der Kuppel des Schweriner Schlosses dargestellt. Zu seinen Füßen liegt der besiegte Drache, Symbol für das Böse. (Foto: Anna Baier)
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Weniger triumphal, dafür ernst und würdevoll hat der Bildhauer Ernst Barlach den Erzengel dargestellt. (Foto: Tilman Baier)

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Auch wenn zu Weihnachten „die Menge der himmlischen Heerscharen“ ihren großen Auftritt hat – der liturgische Kalender verzeichnet ihren Festtag am 29. September. Wenn die Tag- und Nachtgleiche vorüber ist und das Dunkel zunimmt, wenn mancher sich fürchtet vor den langen Nächten und den trüben Tagen, feiert die Kirche den „Tag des Erzengels Michael und aller Engel“.

Weithin leuchtet auf der Kuppel des Schweriner Schlosses eine goldglänzende Gestalt: der Erzengel Michael. Wehrhaft, ausgerüstet mit Rüstung und einem Kreuz als Lanze, hält er einen Drachen, Symboltier für das Böse, in Schach. Michael krönt die päpstliche Engelsburg in Rom und blickt im Harnisch als Hüter streng vom Völkerschlachtsdenkmal in Leipzig. Er gab der Gestalt des Michel, Symbol für den Deutschen schlechthin, seinen Namen, nachdem er jahrhundertelang als Beschützer  des Heiligen Römischen Reiches galt. Auch im Festkalender der evangelischen Kirche hat sein Gedenktag, der 29. September, einen festen Platz behalten. Doch was ist so faszinierend an dieser Lichtgestalt?

Michaelis war eines der vier Hauptfeste

„Heiliger Erzengel Michael, verteidige uns im Kampfe; gegen die Bosheit und die Nachstellungen des Teufels sei unser Schutz. ,Gott gebiete ihm‘, so bitten wir flehentlich; du aber, Fürst der himmlischen Heerscharen, stoße den Satan und die anderen bösen Geister, die in der Welt umherschleichen, um die Seelen zu verderben, durch die Kraft Gottes in die Hölle. Amen.“

So lautet ein Gebet, das Papst Leo XIII im Jahr 1880 verfasst hatte, nachdem er von Visionen böser Kräfte geplagt worden war. Bis 1960, also 80 Jahre lang, hatte jede katholische Messfeier mit ihm zu schließen. Doch dann fiel es dem Reformeifer des Zweiten Vatikanischen Konzils zum Opfer.

Den Reformatoren galt Michaelis als eines der vier christlichen Hauptfeste neben Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Allerdings standen da nicht die Engel als besondere Wesen im Mittelpunkt. Gefeiert wurde, dass Christus Herr auch der unsichtbaren Kräfte ist, wie es in einem Michaelislied heißt: „Heut singt die liebe Christenheit Gott Lob und Dank in Ewigkeit für seine Engelscharen, die uns in Angst, Not und Gefahr auf viele Weise wunderbar behüten und bewahren“ (Evangelisches Gesangbuch 143). Michaelis ist also bis heute eines der Christusfeste und trägt daher Weiß als liturgische Farbe.

Wer ist nun dieser Erzengel Michael, dessen Gedenktag wir am 29. September begehen? Wer in der Bibel nach einer Antwort sucht, wird im Alten Testament vor allem im Buch Daniel fündig. Es berichtet über die Jahre um 600 vor Christus, als nach einem verlorenen Krieg die Oberschicht Israels nach Babylon deportiert wird. Die Religion dort war engelreich – wie ein Hofstaat umgaben sie die Throne der Hauptgötter. Diese Vorstellungen sind auch in das spätere Judentum und dann das Christentum eingeflossen.

Daniel, ebenfalls nach Babylon deportiert, hat große Visionen über die Abläufe der Weltgeschichte – doch erst Michael als Bote Gottes kann sie deuten. Im zehnten Kapitel kämpft er mit dem „Engelsprinzen von Persien“. Und er wird benannt als Schutzengel Israels: „Und in jener Zeit wird Michael auftreten, der große Fürst, der für die Söhne deines Volkes eintritt. Und es wird eine Zeit der Bedrängnis sein, wie sie noch nie gewesen ist, seitdem eine Nation entstand bis zu jener Zeit. Und in jener Zeit wird dein Volk errettet werden, jeder, den man im Buch aufgeschrieben findet“ (Danielbuch 12,1).

Ein paar Jahrhunderte später fand sich Johannes der Seher in einer ähnlichen Situation: Gefangengehalten durch den übermächtigen Gegner Rom, hat er eine Vision vom Sieg des Lammes Christus über die Mächte der Welt. Auch Michael tritt in seiner Offenbarung (12,7) auf. Michael wird so im Christentum zum Anführer der himmlischen Heerscharen und Bezwinger des Bösen, der uns hier in der uralten mythischen Gestalt eines Drachen begegnet. Die letzten Worte, die der Satan vor seinem Sturz hörte, sollen „Wer (ist) wie Gott?“ gewesen sein – eine wörtliche Übersetzung des hebräischen Mi-ka-el.

Symbol für den Kampf von Gut gegen Böse

Michael – der Streiter gegen das Böse. Da liegt es nahe, dass er auch bald mit dem Engelwächter an der Paradiespforte identifiziert wurde – und in den christlichen Darstellungen zu dem wurde, der am Tag des Jüngsten Gerichts die Seelen auf die Waage legt. In der Gestalt des Michael, der den Drachen in Schach hält und dann im Endkampf besiegen wird, spiegelt sich also der Kampf des Guten gegen das Böse schlechthin – urmenschliche Geschichte.

Viele der ersten Kirchen, die in Italien entstanden, wurden darum dem Erzengel Michael geweiht. Ab dem 6. Jahrhundert verbreitete sich sein Kult von Monte Sant’ Angelo in Süditalien, wo er 493 erschienen sein soll, in ganz Europa. Bereits in jenem Jahr hatte Papst Gelasius I. das Fest des heiligen Erzengels Michael und aller Engel auf den 29. September festgelegt. Um die erste Jahrtausendwende erhielten auffällig viele Kirchen im relativ frisch missionierten Gebiet der Sachsen den Erzengel Michael zum Schutzpatron. Galt es doch, das Böse in Gestalt der eigenen heidnischen Vergangenheit und das Heidentum der östlichen Nachbarn in Schach zu halten.

Die erste Kirche, von der wir wissen, dass sie hier in Deutschland seinen Namen trug, wurde 913 in Hamburg geweiht. Andere Kirchen aus dieser Zeit besaßen im wehrhaften Westwerk, als dem Teil der Kirche, das dem Sonnenuntergang und damit dem Bösen zugewandt war, eine Michaelskapelle – meist vorbehalten dem schwerttragenden Adel als Beschützer des Christentums.

Die berühmte Michelskirche in Hildesheim, kurz nach der ersten Jahrtausendwende errichtet, spiegelt eine andere, friedlichere Facette des Erzengels Michael wider, die des Totengeleiters. Der Erbauer dieser Klosterkirche, Bernward, hatte zwar den gesamten Kirchbau nach der biblischen Vorlage der neun Engelchöre entwerfen lassen, die Gottes Thron umgeben. Doch ihren Namen erhielt die Michaelskirche, weil Bernward im Westen eine Krypta einbauen ließ und sie zur eigenen Grablege bestimmte.

Engel als Lebens- und Sterbebegleiter

Dieses Motiv der Engel als Begleiter der Seele in Leben und Sterben findet sich auch auf der bronzenen Christustür, die Bernward gießen ließ und die heute im Hildesheimer Dom steht: Dort erkennt man in der Gegenüberstellung von Szenen aus dem Alten und Neuen Testament auch fünf Engel als Lebensbegleiter, darunter auch Michael.

Und was fangen wir nun heute mit dieser Gestalt des Erzengels Michael an? Der Teufel, Satan und Drache, das personifizierte Böse schlechthin als Gegenspieler Gottes, ist weithin aus der Vorstellungswelt moderner Christen verschwunden. Trotzdem bleibt, dass wir dem Bösen, dem Widergöttlichen, um uns und in uns begegnen. Da ist es gut zu wissen, dass wir diesem Bösen nicht schutzlos ausgeliefert sind. Ernst Barlach hat dies mit seinem „Geistkämpfer“ in eine heutige Formensprache gegossen.

Starke Helden, die Gottes Befehle ausführen

In der Zeit, in der das Dunkel zunimmt, in der die Lebenskräfte der äußeren Natur den Todesmächten des Welkens und Vergehens zu erliegen scheinen, wird der Blick auf den Erzengel Michael und alle Engel Gottes gelenkt.

Sie sind die starken Helden, die die Befehle Gottes ausrichten, wie es in Psalm 103, 20 heißt, sie sind die „dienstbaren Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die das Heil ererben sollen“, wie es im Hebräerbrief 1,14 beschrieben wird. Dietrich Bonhoeffer hat dafür in dem Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ Worte gefunden, die viele Menschen getröstet und ermutigt haben.

Michael ist für mich ein Symbol dafür, dass Gott uns Kräfte zusendet, die uns stark machen im Kampf gegen das Böse – und damit gegen das Dunkle, gegen die Dämonen auch in uns selbst. Gut zu wissen in einer Jahreszeit, in der die Tage kürzer und die Nächte länger werden.

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