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Der Gospelchor der Justizvollzugsanstalt Sehnde bei Hannover singt Gospels und Popsongs. (Foto: epd-bild/Matthias Papst)
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Neun Männer und ein Halleluja

Michael Grau | 14. September 2022

In Sehnde bei Hannover kommen Strafgefangene zum Gospelchor zusammen

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Der Gospelchor der Justizvollzugsanstalt Sehnde bei Hannover singt Gospels und Popsongs. (Foto: epd-bild/Matthias Papst)

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Chorsingen im Gefängnis, das ist alles andere als selbstverständlich. Denn wer singt, zeigt Gefühle. Neun Männer in der Justizvollzugsanstalt Sehnde wagen es - mit Gospels und Popsongs. Dumme Sprüche gibt es dafür schon lange nicht mehr.

Bevor es losgeht, schnappt sich Robert R. ein paar Liedblätter mit Texten und Noten. Denn der 39-Jährige hat eine verantwortungsvolle Aufgabe im Gospelchor der Justizvollzugsanstalt Sehnde bei Hannover: Mit seiner kräftigen, tiefen Stimme gehört er zu den drei Solo-Sängern – da muss jeder Einsatz stimmen. „Open the eyes of my heart, Lord“ („Öffne die Augen meines Herzens, Gott“) singt er bei der Probe in der Gefängniskirche im Wechsel mit acht anderen Männern. Ein klassischer Gospel aus den USA,  dargeboten zu Gitarrenklängen.

Singen befreit von schweren Gedanken

Robert, ein stämmiger Mann mit kurzgeschnittenen Haaren, sitzt seit über einem Jahr in Sehnde ein – warum, möchte er nicht sagen. Nur so viel: Die Haft habe ihn aus einer schweren Zeit gerettet. Schon bald nach Haftantritt schloss er sich dem Gospelchor an – dem derzeit einzigen Gospelchor hinter Gittern in Niedersachsen. Für ihn eine wichtige Erfahrung: „Singen befreit einen“, sagt Robert. „Vom Alltag im Gefängnis. Von den Gittern vor den Fenstern. Und von den Gedanken, die man hat, wenn man lange eingeschlossen ist.“ Im Chor ist Robert inzwischen so eine Art Chef, der die anderen bei der Stange hält.

Schon seit 2004 werden in Sehnde Gospels und Popsongs hinter Gittern gesungen. Die Idee dazu kam aus der Gospelkirche in Hannover. Der evangelische Gefängnis-Seelsorger Matthias Brockes (66), der selbst mitsingt, die Lieder auswählt und auch den einen oder anderen Einsatz gibt, ist mächtig stolz auf seine Jungs. „Das ist eine total dynamische, agile Gruppe mit großen Kompetenzen“, schwärmt er. Okay, ab und zu gehe mal ein Ton daneben. „Aber der Drive stimmt.“

Gospel im Knast – das ist alles andere als selbstverständlich. Denn wer singt, exponiert sich, zeigt Gefühle, offenbart sich von seiner verletzlichen Seite. Und das in der harten Männerwelt der Haftanstalt. „Man ist immer umgeben von Aggressionen“, erzählt Patrick F. (41) der im Chor die Gitarre spielt. „Manchmal muss man selbst sich ein bisschen verstellen.“ Unter den bundesweit 179 Haftanstalten mit ihren rund 57 000 Gefangenen sind Gospelchöre immer noch eine Rarität. Kantor Jan Meyer von der Gospelkirche in Hannover kennt gerade mal eine Handvoll solcher Chöre in Deutschland.

Patrick, der bald entlassen wird, spielt seit seiner Kindheit Gitarre. „Ich bin ein Riesen-Fan von Hannes Wader“, erzählt er – und seinen versierten Gitarren-Riffs ist das auch anzumerken. Im Chor könne er ganz er selbst sein, sagt er: „Man ist in dem Moment nicht im Gefängnis. Da findet was im Kopf statt. Man fühlt sich frei.“

Er sitzt wegen Diebstahl und Körperverletzung hinter Gittern. „Die typische Beschaffungskriminalität.“ Der gebürtige Saarländer hat eine lange Drogenkarriere hinter sich und hat deswegen schon viele Haftanstalten von innen kennengelernt. Wegen des Gospelchores sei Sehnde aber eine besonders gute Anstalt, findet er. „Das Herz geht einem auf, wenn man weiß, es kommen schöne Klänge und es passt zusammen.“ Auch in freien Stunden singt er gern mit seinen Kumpels die Lieder aus dem Chor.

Dumme Sprüche gibt es dafür auf den Fluren schon lange nicht mehr. Der Chor genieße Anerkennung im Knast, erzählt Robert R., der aus Polen stammt und früher Messdiener war. Beim Sommerfest etwa haben viele der rund 480 Insassen die Ohren gespitzt, als der Chor auftrat. Manchmal üben die Sänger auch allein auf ihren Zellen. Wenn einer dann das Fenster vor den Gittern öffnet, schallt es über den ganzen Hof. „Eine tolle Atmosphäre.“

Jeden Mittwoch und Freitag kommen sie dann zu ihren Proben zusammen. Carsten und Zipo, die anderen Solisten. Dazu Cengiz und Chris, Engin und David. Drei Muslime sind darunter. Sie alle versinken in der Musik, wiegen den Körper hin und her, schwingen die tätowierten Arme im Rhythmus.

Die Musik verändere die Gefangenen, sagt Seelsorger Matthias Brockes. „Die kommen hierher, und nach zwei Monaten singen sie schon Solo-Strophen.“ Sonntags wird es ernst: Dann sind die Männer mit den Gospels in zwei Gottesdiensten zu hören. Die Musik schenke ihnen Selbstvertrauen, unterstreicht der Pastor: „Sich hier hinzustellen und zu singen – das ist ein Bekenntnis.“

„Singen kann glücklich machen“

Drei Fragen an den Musikmediziner André Lee über die Kraft der Musik

Viele Menschen, sogar im Gefängnis, berichten davon, dass Singen und Musizieren sich für sie als etwas Befreiendes anfühlt. Professor André Lee hat das auch schon oft gehört. Er ist Facharzt für Neurologie und stellvertretender Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Im Gespräch mit Michael Grau erläutert er, was beim Singen passiert.

Herr Professor Lee, macht Singen glücklich?
André Lee: Ja, Singen oder Musizieren im Allgemeinen kann glücklich machen. Wir wissen, dass durch Musizieren Glückshormone ausgeschüttet werden wie Endorphine oder Dopamin, das Belohnung vermittelt. Außerdem werden Stresshormone wie Cortisol abgebaut.
Und dann gibt es natürlich die soziale Komponente. Es gibt Studien, die gezeigt haben, dass Kinder, die gemeinsam singen, kooperativer und hilfsbereiter sind. Das ist das Schöne am gemeinsamen Musizieren: Das primäre Ziel ist nicht, gegeneinander zu kämpfen oder als Sieger vom Platz zu gehen, sondern etwas, das jeder allein nicht erreichen kann, zum Beispiel ein Chorkonzert.

Was passiert beim Singen mit uns, dass viele es als befreiend empfinden?
Das kommt daher, dass die Musik einen befähigen kann, sich vom Alltag abzulenken und sich auf eine Tätigkeit zu konzentrieren, die ein Erlebnis von Selbstwirksamkeit schafft und für die man Wertschätzung bekommt. Auf einmal gibt es etwas, bei dem ich unmittelbar ein Erfolgserlebnis habe, und das ist unglaublich motivierend.
Das kann die Perspektive auf die eigenen Fähigkeiten, etwas Neues mit Erfolg zu lernen und dafür Zeit und Kraft zu investieren, entscheidend beeinflussen. Die Ausschüttung von entsprechenden Neurotransmittern, die emotionalen Assoziationen, die durch die Musik kommen, das konstruktive Gemeinschaftserleben und Gefühl der Dazugehörigkeit, all das schafft einen Kontrast zum Alltag.

Andere Menschen sagen: Ich kann überhaupt nicht singen. Was antworten Sie ihnen?
Ich glaube, dass es wichtig ist, in einer Gruppe zu singen und dort die Erfahrung zu machen, wie viel Freude gemeinsames Musizieren bereiten kann. Die größte Herausforderung ist es, den Perfektionismus und die hohen Selbstansprüche zu reduzieren. Das ist leicht gesagt und kostet Überwindung, aber es ist etwas, was man lernen kann.

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