hg
Bild vergrößern
Grafik: TSEW

Wenn der Kuchen klatscht

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 36 / 2022

Karin Ilgenfritz | 5. September 2022

Fluchen und Schimpfen gelten als schlechtes Benehmen. Zu Recht. In der Bibel werden sie sogar als Sünde betrachtet. Warum die Menschen aber trotzdem kaum ohne sie auskommen.

Bild vergrößern
Grafik: TSEW

Anzeige

„Du sollst nicht fluchen, verdammt noch mal!“ Der Spruch ist ein Kalauer. Aber er zeigt die Widersprüchlichkeit, mit der die Menschen mit dem Fluchen umgehen.

Auf der einen Seite ist es unerwünscht. Auf der anderen Seite lässt es sich kaum vermeiden. Fluchen und derbes Schimpfen kommen nicht gut an – zumindest in kultivierter Gesellschaft. Die bösen Worte gegen unliebsame Ereignisse oder Personen gelten als schlechtes Benehmen. Je nach Umgebung und Situation können sie sogar verpönt oder verboten sein.

In der Bibel etwa gelten Fluchen und Schimpfen als Sünde. Die Schreiber der neutestamentlichen Briefe werden nicht müde einzubläuen: Worte, die andere herabwürdigen (heute: „Hassrede“), passen nicht zu einem Christen oder einer Christin. Und Jesus erklärt: Das, was ein Mensch an Worten von sich gibt, zeigt, wie sein Herz gestrickt ist – rein oder unrein.

Zugleich aber muss man feststellen: Fluchen und Schimpfen gehören offenbar unlösbar zum Menschsein dazu. Sie lassen sich bei aller Anstrengung auf Dauer schlicht nicht vermeiden. Und das, Hand aufs Herz, wird jede und jeder von uns bestätigen können.

Typische Situation: Man stößt mit dem Zeh vors Tischbein. Oder lässt den Kuchen, den man stundenlang zubereitet, gebacken und verziert hat, auf den Küchenboden fallen. Klatsch! Was ruft man da? „Ach, wie ungeschickt?“ „Oh, das hätte nicht passieren dürfen?“ Oder nicht doch etwas, was mit den Buchstaben s, c, h, anfängt – und das wird nicht „schade“ heißen.

Ob Jesus auch geflucht hat, ist nicht überliefert. Auszuschließen ist das nicht. Immerhin war er dem Bekenntnis nach ja nicht nur wahrer Gott, sondern auch wahrer Mensch. Aber mindestens schimpfen konnte er derbe: „Ihr Schlangen, ihr Otterngezücht!“ soll er Schriftgelehrte und Pharisäer angefahren haben, um ihnen dann die höllische Verdammnis in Aussicht zu stellen. So etwas kann passieren, wenn einem die Hutschnur platzt. Und, nebenbei, die Psalmen sind voll mit Flüchen und Verwünschungen über Gegner und Feinde.

Psychologie und Verhaltensforschung übrigens sehen das sehr viel gelassener. Sie sagen: Fluchen und Schimpfen sind ein Ventil, durch das die Menschen – im Bild gesprochen – emotionalen Druck ablassen, bevor sie platzen. Das kann zwar auch anders geschehen, etwa durch Urschrei oder körperliche Betätigung wie Sport oder heftige Gartenarbeit. Aber das Fluchen ist spontan. Es passiert aus dem Augenblick der Überlastung heraus, ohne Ansage – und ist deshalb schwer zu kontrollieren.

Das alles soll kein Freibrief sein. Im Gegenteil. Wo immer möglich, möge man sich im Zaum halten. Und sich schon gar nicht übles Denken und Reden angewöhnen. Vor allem, wenn es um böse Worte gegen Menschen geht.

Aber: Wenn mal wieder etwas auf den Boden fällt, oder ein anderes, schlimmeres Malheur passiert, und dann wieder etwas aus dem Mund rutscht, was ja eigentlich nicht sein sollte – dann darf man wohl darauf vertrauen, dass Gott nicht gleich das himmlische Strafgericht über einem ausrufen wird.

Per E-Mail empfehlen