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Tobias Holzwarth (hinten Mitte mit Bart und Brille) lässt bei einem bunten Nachmittag für geflüchtete ukrainische Kinder und Jugendliche ein Geburtstagskind im Rollstuhl hochleben. (Foto: epd-bild/Christian Weische/Bethel)
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„Es ist absolut sinnvoll, was ich mache“

Holger Spierig | 7. September 2022

Der Freiwilligendienst „Betheljahr“ wird 20 Jahre alt

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Tobias Holzwarth (hinten Mitte mit Bart und Brille) lässt bei einem bunten Nachmittag für geflüchtete ukrainische Kinder und Jugendliche ein Geburtstagskind im Rollstuhl hochleben. (Foto: epd-bild/Christian Weische/Bethel)

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Mit dem „Betheljahr“ wollte das diakonische Unternehmen Bethel eine Alternative zum abgeschafften Zivildienst bieten. Von dem Freiwilligendienst profitieren Menschen in Bethel, aber auch die Freiwilligen selbst. Vor 20 Jahren startete das Angebot.

Für Tobias Holzwarth war es eine Erfahrung, die bis heute sein Leben bestimmt: „Ich habe erkannt, dass ich ein Mensch bin, der unter Menschen gehört und der es liebt, mit Menschen zu arbeiten.“ Holzwarth war einer der ersten Absolventen des „Betheljahres“, das am 1. September 2002 an den Start ging. Heute gehört der 37-Jährige einem Kriseninterventionsteam der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel an. Er wird gerufen, wenn es in einer Einrichtung Konflikte gibt. Ebenso nimmt sich der ausgebildete Gesundheits- und Krankenpfleger Zeit für traumatisierte Kinder mit Behinderungen, die aus der Ukraine nach Bethel gekommen sind.

Als ein Ende des Zivildienstes vor 20 Jahren absehbar wurde, habe Bethel, einer der größten diakonischen Träger Europas, überlegt, was als Alternativen angeboten werden könnten, erzählt der Leiter der Freiwilligenagentur Bethel, Stefan Homann. Mit bis zu 250 Zivildienstplätzen war das diakonische Unternehmen zeitweilig die größte Einzeleinrichtung dieser Art in Deutschland.

Das „Betheljahr“ soll die Möglichkeit bieten, sich für andere Menschen zu engagieren. Zugleich soll es einen Einblick in soziale Berufe und in die diakonische Arbeit vermitteln. In den bundesweit rund 500 Einsatzstellen Bethels begleiten die „Betheljahr“-Freiwilligen Menschen mit Behinderungen in ihrem Alltag, leisten im Krankenhaus Beistand oder kümmern sich um Senioren sowie um Kinder- und Jugendliche. Bewerben können sich Menschen ab 17 Jahren. Interessenten bis 27 Jahren können das „Betheljahr“ als „Freiwilliges Soziales Jahr“ leisten, ältere Bewerber können es als Bundesfreiwilligendienst absolvieren.

„Ich bin durch das ‚Betheljahr‘ selbstbewusster geworden“, berichtet die 19-jährige Amelie Reuter am Ende ihres Jahres beim Radiosender „Antenne Bethel“. Beim Radio müsse man auf die Menschen zugehen. In dem Bethel-Sender produzieren behinderte und nicht-behinderte Menschen gemeinsam das Radioprogramm. Durch die Zusammenarbeit in dem inklusiven Team habe sich die Unsicherheit gegenüber behinderten Menschen schnell abgebaut, erzählt Amelie.

Die 18-jährige Talia Kilic, die gerade ihr „Betheljahr“ bei dem Sender begonnen hat, freut sich auf viele neue Einblicke. Sie habe etwas mit Menschen machen wollen. Und in Bethel sei von den Kindern bis zu Senioren alles vertreten.
Einige junge Menschen wollen im „Betheljahr“ herausfinden, ob für sie die Arbeit im Sozialbereich das Richtige ist. So wie die 19-jährige Franziska Gees, deren Freiwilligendienst in einer Senioreneinrichtung Bethels Ende August endet. „Ich weiß jetzt, dass es das ist, was ich auch weiterhin machen möchte“, sagt Franziska, die anschließend Soziale Arbeit in Münster studiert.

Es bewerben sich auch viele junge Leute, die zwischen Schule und Studium einfach einmal etwas anderes machen möchten, wie Ho­mann berichtet. Rund 700 Euro Taschengeld monatlich erhalten die Bethel-Freiwilligen. Dabei werden sie von der Freiwilligenagentur Bethels betreut, es gibt Seminare und Ausflüge. Rund 350 Plätze sind allein in Bielefeld und Umgebung angesiedelt. Es gibt aber auch Stellen an Bethel-Standorten im Ruhrgebiet, in Niedersachsen und Berlin-Brandenburg. Interessenten schnuppern zunächst ein paar Tage in die Arbeit rein. „Wenn es dann doch nicht das Richtige sein sollte, schauen wir gemeinsam nach einem anderen Einsatzort“, erzählt Homann.

Vor seinem Büro hängen Fotos aller Jahrgänge der Bethel-Freiwilligen. Das erste Gruppenfoto vom Start vor 20 Jahren ist noch übersichtlich: 25 junge Menschen blicken zuversichtlich in die Kamera. Von Jahrgang zu Jahrgang werden die Gruppen größer. Inzwischen sind es rund 500 Freiwillige jedes Jahr. Seit neun Jahren gibt es auch ein Programm für Menschen aus aller Welt mit rund 40 Plätzen. Sie kommen aus dem Kongo, aus Mexiko, Frankreich oder aus Bosnien-Herzegowina nach Bethel.

Wie andere Träger von Freiwilligendiensten erlebt auch Bethel aktuell einen Rückgang der Nachfrage. Vor einigen Jahren kamen mehr als doppelt so viele Bewerbungen auf die verfügbaren Plätze. In diesem Jahr sind erstmals noch Stellen frei. Es kämen jetzt die geburtenschwachen Jahrgänge, erklärt Homann. Die Schulabgängerzahlen nehmen ab, und auf einen Studien- oder Ausbildungsplatz müssen junge Menschen kaum noch warten.

Das „Betheljahr“ wird es aber auch künftig weiter geben, bekräftigt Bethel-Chef Ulrich Pohl. „Bethel wird am ‚Betheljahr‘ festhalten, weil es zu einem sehr wichtigen Bestandteil unserer sozialen Arbeit mit Menschen geworden ist“, sagt der Vorstandsvorsitzende Bethels. Gemeinsam mit anderen Trägern und politisch Verantwortlichen sei man jedoch immer gefordert, die Attraktivität weiter zu steigern.

Tobias Holzwarth absolvierte vor 20 Jahren sein „Betheljahr“ in einer Werkstatt für behinderte Menschen. Er sei in diesem Jahr sehr gereift, sagt er. Auch für Menschen, die beruflich etwas ganz anderes machen wollen, biete ein solcher Freiwilligendienst viele Impulse: „Man kann da nur gewinnen“, ist Holzwarth überzeugt.

• Info www.betheljahr.de

„Für alle Beteiligten ein Gewinn“

Drei Fragen an Bethel-Vorstandsvorsitzenden Ulrich Pohl

Vom „Betheljahr“ profitieren sowohl die Freiwilligen als auch die Menschen mit Behinderungen in Bethel, sagte der Bethel-Vorstandsvorsitzende Ulrich Pohl im Gespräch mit Holger Spierig.

Was bedeutet für Sie das „Betheljahr“?
Ulrich Pohl: Ich freue mich sehr, dass so viele junge Menschen den Weg zu uns nach Bethel finden und sich sozial engagieren. Ich erlebe immer wieder, wie sehr die jungen Frauen und Männer in diesem Jahr im Selbstbewusstsein wachsen und Vertrauen in sich gewinnen. Für die Menschen mit Behinderungen sind die Kontakte mit jungen Menschen sehr wichtig. Das „Betheljahr“ ist für alle Beteiligten ein Gewinn und niemals verlorene Zeit.

Viele Sozialverbände beklagen, dass sich immer weniger Menschen sozial engagieren. Wie wird das „Betheljahr“ aktuell nachgefragt?
Die Nachfrage für das „Betheljahr“ ist weiterhin sehr hoch, aber auch wir können erstmalig nicht alle Plätze am Standort Bielefeld-Bethel besetzen. Aktuell gehen wir davon aus, dass 40 Plätze – etwa acht Prozent – im neuen Jahrgang frei bleiben werden. Der Hauptgrund ist, dass es einfach weniger Schulabgänger gibt und dass die Konkurrenz auf dem Studien-, Ausbildungs- und Freiwilligenmarkt deutlich größer geworden ist. Die Wahlmöglichkeiten der jungen Menschen sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen.

Wird es angesichts der Angebote des „Freiwilligen Sozialen Jahr“ (FSJ) oder dem Bundesfreiwilligendienst (BFD) weiterhin ein „Betheljahr“ geben?
Das „Betheljahr“ und der Bundesfreiwilligendienst schließen sich nicht aus. Das „Betheljahr“ kann man als „Freiwilliges Soziales Jahr“ (FSJ) oder als Bundesfreiwilligendienst (BFD) absolvieren. Bethel wird am „Betheljahr“ festhalten, weil es zu einem sehr wichtigen Bestandteil unserer sozialen Arbeit mit Menschen geworden ist. Gemeinsam mit anderen Trägern und politisch Verantwortlichen sind wir immer gefordert, die Attraktivität weiter zu steigern, um möglichst viele junge Menschen von der Sinnhaftigkeit und Attraktivität eines Freiwilligendienstes zu überzeugen.

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