hg
Bild vergrößern
Grafik: TSEW

Das Geheimnis des Alterns

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 35 / 2022

Karin Ilgenfritz | 29. August 2022

In der Jugend können sich Stunden oder gar Minuten quälend lange hinziehen. Im Alter dagegen scheint die Zeit zu rasen. Über Hüft-OPs, Tabletten und ein erfülltes Leben.

Bild vergrößern
Grafik: TSEW

Anzeige

Es ist viele Jahre her, da war ich zu Besuch bei einer älteren Frau. Wir hatten den ganzen Nachmittag geplaudert. So langsam wurde es dunkel, es herrschte friedvolles Schweigen. Im Grunde war alles gesagt. Gleich würde ich mich verabschieden und aufbrechen.

Da sagte die Frau einen Satz, den ich damals als typisch für ältere Menschen abgetan habe. Ich fand ihn unheimlich. Vielleicht kam er mir in all den Jahren genau deswegen immer wieder in den Sinn. Inzwischen, über 30 Jahre später, beginne ich den Gedanken dahinter zu begreifen. Der Satz, den die Frau sagte, war: „Eines Morgens wachst du auf und denkst: Gestern war ich doch noch jung. Wie konnte das Leben nur so schnell vorüberziehen?“

Wenn man jung ist, können Tage und Wochen, ja sogar Stunden und Minuten quälend langsam voranschleichen. Die drei Tage bis zum Wochenende. Die paar Stunden, bis man die erste große Liebe wiedertrifft. Drei Jahre Ausbildung, vier Jahre Studium – meine Güte, so weit in die Zukunft KONNTE man doch gar nicht blicken. Selbst sechs Wochen Sommerferien schienen eine Ewigkeit zu dauern.

Aber je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit. Manchmal scheint sie dann geradezu zu rasen. Oder, wie der unvergessene Humorist Loriot zu seinem 80. Geburtstag zum Besten gab: „Es ist schon merkwürdig, kaum ist man geboren … schon ist man 80.“

Und mit dem Alter kommen bei vielen Menschen die Gebrechen. Erst zwickt das Knie. Dann die Hüfte. Bald wird eine kleine OP nötig. Irgendwann eine größere. Genau abgezählte Tabletten gehören oft zum Tagesablauf. Und Schmerzen leider auch. Springen und Hüpfen, das sind schöne Erinnerungen.

Auch das Klagen gehört zum Alter dazu, genauso wie das Leiden.

Die Bibel kennt diese Erfahrungen sehr genau. Im Buch des Predigers heißt es: „Denk an deinen Schöpfer, solange du noch jung bist, ehe die schlechten Tage kommen und die Jahre, die dir nicht gefallen werden.“ Und dann zählt der Text auf: zittrige Beine, trübe Augen, ausfallende Zähne …

Zu den merkwürdigsten Stellen in der Bibel zählen übrigens einige Altersangaben. Demnach wurde Adam 960 Jahre alt, Methusalem hält gar den Rekord mit 969. Man könnte meinen, dass unterschiedliche Zählweisen dahinter stecken, aber an anderer Stelle heißt es wiederum: Gott begrenzte vor der Sintflut das Alter der Menschen auf 120 Jahre; das ist schon etwas realistischer. Und in Psalm 90 dann die bekannte Formulierung: „Unser Leben währet 70 Jahre, und wenn‘s hoch kommt, so sind‘s 80 Jahre.“

Was bleibt?

Wer alt wird, muss mit Einschränkungen und Leiden rechnen. Und doch: Wer alt werden darf, ist gesegnet. Denn ein langes Leben ist jedenfalls im Verständnis der Bibel ein erfülltes Leben.

Eine Bekannte, weit über 80, sagt seit mehreren Jahren: „Ich bin dankbar, dass ich noch leben darf, trotz aller Einschränkungen. Aber ich übe mich auch loszulassen.“ Ihr Ehemann, viele Freunde, Nachbarn – viele sind schon gestorben. Alter, das heißt eben auch: Trauer, Schmerz, Abschied.

Gleichzeitig aber auch Hoffnung und Erfüllung. Mit den Worten meiner weisen Bekannten: „Wir sind auf einem Weg. Von Anfang an. Wir haben das Ziel, irgendwann bei Gott zu sein. Diesem Ziel komme ich immer näher.“ Und mit den Gedanken der Bibel vertraut sie darauf: „Bald bin ich zuhause.“

Die andere Frau übrigens – jene, die ich vor 40 Jahren besucht habe, ist längst verstorben. Immer wieder muss ich an sie denken und an ihren Satz – wie schnell das Leben vergeht. Inzwischen kann ich gut nachvollziehen, was sie damit gemeint hat. Sie war ein feiner Menschen und mit hilft der Gedanke: Sie ist schon bei Gott. Irgendwann treffen wir uns dort alle wieder.

Per E-Mail empfehlen