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Ruhe und Frieden verspricht die blaue Stunde am Meer. (Foto: Song_about_summer)

Das blaue Wunder des Sommers

Aus der Printausgabe - UK 35 / 2022

Angelika Prauß | 31. August 2022

Wenn der Tag in die Nacht übergeht oder der Morgen sein Grauen verliert. Über den Zauber der „blauen Stunde“

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Ruhe und Frieden verspricht die blaue Stunde am Meer. (Foto: Song_about_summer)
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Ruhige Erhabenheit: die blaue Stunde in den Bergen. (Foto: muratart)

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Wohl kaum eine Tageszeit ist so schön wie die blaue Stunde, wenn am Himmel das Tagesblau über viele Schattierungen ins Nachtblau übergeht. Gerade laue Sommerabende eignen sich zum Bestaunen und Genießen dieses Phänomens.

Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde, sagt die Bibel. Der Himmel war – aus Sicht der restlichen Schöpfung – also immer schon da. Vielleicht ist es das, was die Menschen am Firmament so fasziniert. Sie suchen dort oben nach Gott („Vater unser im Himmel“). Sie schicken Raketen und, zumindest in Erzählungen und Filmen, Raumschiffe nach oben, die das Geheimnis des Himmels erkunden sollen. Und sie können stundenlang Wolken anschauen, über Sonne und Regen reden. Und bis in kleinste Feinheiten die unterschiedlichen Erscheinungsformen des Himmels beschreiben.

Sinfonie aus tausenden Blau-Schattierungen

Einen ganz besonderen Platz unter diesen Himmels-Beschreibungen hat die blaue Stunde. Egal, ob man sie auf dem Balkon, im Garten oder im Park erlebt, ob in Gesellschaft oder allein – für viele Menschen hat die blaue Stunde einen ganz besonderen Reiz. Gerade laue Sommerabende eignen sich in diesen Tagen, diesem leisen Naturwunder zuzusehen. Wenn die Sonne an klaren, wolkenlosen Tagen hinter dem Horizont verschwunden ist, beginnt wenig später eine Sinfonie aus gefühlt tausenden Blau-Schattierungen. Mitunter dauert es noch fast zwei Stunden, bis auch der letzte helle Streifen am nördlichen Horizont erlischt und nur noch der Nachthimmel zu sehen ist.

Die typische blaue Färbung des Himmels entstehe, „wenn sich die Sonne zwischen vier und acht Grad – also ganz knapp unter dem Horizont – befindet“, erläutert ARD-Wettermoderatorin Claudia Kleinert. Je weiter die Sonne unterhalb des Horizonts wandert, desto mehr scheint der Himmel in magisches, tiefes Blau getaucht. Die Farbintensität habe etwas mit der Streuung des Lichts zu tun: Durch die sogenannte Rayleigh-Streuung werde das Sonnenlicht in verschiedene Farbspektren gefiltert, „dadurch nehmen wir den Himmel überhaupt erst als blau wahr. Und wenn die Sonne dann untergeht und in einem bestimmten, schrägen Winkel strahlt, kommt das Blau besonders gut raus“.

Ein stimmungsvolles Licht, das nicht nur Fotografenherzen höher schlagen lässt. Auch Kunst und Literatur wurden davon inspiriert. So zeugt Gottfried Benns melancholisches Liebesgedicht „Blaue Stunde“ von der besonderen Stimmung am Übergang zur Nacht, der die Wehmut des Abschieds aufkommen und die Endlichkeit der Zeit erahnen lässt.

Den Augenblick genießen, das Leben feiern – für viele ein Grund, diese besondere Stimmung mit Freunden oder Familie genießen. Kulinarische Anregungen dazu gibt Stevan Pauls Kochbuch „Blaue Stunde. Rezepte, die den Abend feiern“. Angeregt von der Beobachtung, dass um diese Zeit Menschen in aller Welt in Bars und Restaurants zusammenkommen und entspannen, hat er ein „Fernweh-Kochbuch“ geschrieben.

Und vielleicht läuft im Hintergrund dezente Klaviermusik von Federico Albanese. Der italienische Musiker hat sich von der blauen Stunde zu einer eigenen CD inspirieren lassen. Darin greift er das Verschwommene, Mystische und Magische dieser besonderen Stimmung zwischen Tag und Nacht auf. Albanese versteht die blaue Stunde als „die Mitte von zwei unterschiedlichen, gegensätzlichen Universen“, als „definitiv etwas, das zwischen zwei Zuständen liegt“, wie er erzählt. Denn es sei „nicht dunkel, nicht hell, es ist nicht Tag, es ist nicht Nacht – es ist definitiv eine Art undefinierter Schwebezustand“. In diesen Momenten sei alles vage – Erinnerungen, Träume, Erfahrungen. Mal mit Piano- oder Celloklängen, mal durch das Reiben am Rand eines Glases hat er die Übergänge vertont.

So sehr die blaue Stunde Menschen auch anspricht – einen Fachbegriff für sie gibt es erstaunlicherweise nicht. Klar sagen lässt sich aber, wann die blaue Stunde geschlagen hat – dafür bietet die Website timeanddate sogar einen eigenen Blaue-Stunden-Rechner, mit dem sich rund um das Jahr für den eigenen Wohnort der Beginn des Naturphänomens ermitteln lässt.

Blaue Stunden kann es im Prinzip an jedem Tag des Jahres geben. Aber im ungemütlich-kalten Winter fällt das blaue Himmelsglühen in den späteren Nachmittag – so mancher ist noch bei der Arbeit oder auf dem Heimweg, der mit Einkaufen und anderen Erledigungen gefüllt ist und wenig Muße zur Himmelsbetrachtung bietet. Zudem fällt die blaue Stunde dann mit rund 15 Minuten viel kürzer aus als in den warmen Monaten, rechnet Kleinert vor. Im Sommer dauere sie in unseren Breitengraden dagegen etwa 40 bis 50 Minuten: „Deshalb kann man die blaue Stunde im Sommer länger und besser genießen.“

Der Tipp der Wetterexpertin für den perfekten Ort dafür: „Am Meer. Oder auf einem Berg mit viel freier Sicht oder einfach auf einem Feld.“ Kleinert freut sich schon auf ihren kommenden Urlaub am Meer und den Blick von einer großen Düne. Wenn dort die blaue Stunde einsetzt, „dann ist es einfach zum Niederknien und Heulen, weil es so schön ist“.

Besondere Atmosphäre des Übergangs

Eine gute Idee kann es übrigens sein, am Tagesende zu einer „Blauen Stunde“ einzuladen. Gerade Gemeinden oder Gemeindegruppen sollten das mal probieren. Mit Abendliedern, Psalmenlesung, Gedichten oder vorgelesenen Erzählungen lässt sich die besondere Atmosphäre des Übergangs vom Tag zur Nacht nutzen, um Ruhe und meditative Stimmung einkehren zu lassen. Wenn dann bei Kerzenschein oder am Lagerfeuer die Blicke und Gedanken in den Himmel steigen, wenn die blaue Stunde in die Sternennacht übergeht, ist man wieder ganz nah am Anfang: Da, wo Gott den Himmel und die Erde schuf. Bei der anhaltenden Trockenheit sollte vorab geklärt werden, ob ein Lagerfeuer derzeit erlaubt oder sinnvoll ist.

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